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Energie „Es droht kein Blackout“

Die Energieexpertin Claudia Kemfert aus dem SPD-Wahlkampfteam hält die Reaktivierung von Staudinger 1 für überflüssig. Im Interview spricht sie von einer Überkapazität in Deutschland und zu hohen Energiepreisen, die nicht an den erneuerbaren Energien liegen.

Claudia Kemfert war schon für CDU-Politiker Röttgen tätig. Foto: Martin Weis

Frau Kemfert, ist der Strom in Deutschland und in Hessen zu teuer?
Die Haushaltspreise sind in Deutschland in der Tat vergleichsweise hoch, während man bei den Industriepreisen im oberen Mittelfeld liegt. Der Strom müsste aber gar nicht so teuer sein: Derzeit haben wir sehr niedrige Börsenpreise, sehr niedrige Kohle- und CO2-Preise. Wichtig ist, dass all dies auch an die Verbraucher weitergegeben wird. Das passiert nicht. Die erneuerbaren Energien müssen herhalten als angeblich alleinige Preistreiber, obwohl das nicht so stimmt.

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Hessische Unternehmer berichten aber sehr wohl von Problemen. Sie müssten hier 15 Cent pro Kilowattstunde bezahlen, während für die Konkurrenz etwa in den USA weniger als die Hälfte zu Buche schlägt. Was antworten Sie?
Durchschnittlich machen die Energiekosten in Unternehmen circa drei bis fünf Prozent aller Gesamtkosten aus. Bei energieintensiven Unternehmen sind sie höher und da macht es auch Sinn, dass man Ausnahmen bei der Zahlung der EEG-Umlage (Stromzuschlag nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, Anm. d. Red.), Ökosteuer oder Emissionszertifikaten hat. Und: Oftmals werden nicht alle Potenziale zum Energiesparen ausgeschöpft. Preise sind ja nicht gleich Kosten. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, Kosten zu senken. Entscheidend wäre etwa ein Nachfrage-Management.

Was wäre das?
Zunächst einmal muss jeder Kunde erfahren, wie hoch der Strompreis zu jedem Zeitpunkt ist. Danach kann jeder entscheiden, sein Nachfrageverhalten anzupassen, in Unternehmen, aber auch in Privathaushalten. Bei sehr starken Schwankungen und Angebotseinschränkungen kann man auch von außen über ein solches nachfragegesteuertes Management das System preisgünstig stabilisieren. Dies wird in vielen Ländern praktiziert, warum nicht auch bei uns?

Was könnte die hessische Landespolitik dazu beitragen?
Sich dafür einsetzen, dass ein solches System eingeführt wird. Und insgesamt die Energiewende weiter voranbringen, die mehr ist als nur der Ausbau der erneuerbaren Energien und Lastmanagement. Auch bei der Gebäudesanierung gibt es große Energieeinsparpotenziale. Zudem müssen die Kommunen bei der Umsetzung der Energiewende gestärkt werden.

Droht uns ein Blackout im Winter, wie Wirtschaftsminister Florian Rentsch (FDP) befürchtet?
Nein. Wir haben Überkapazitäten in Deutschland und damit auch die Möglichkeit, Strom nach Hessen zu transportieren. Es droht kein Blackout.

Muss das Kohlekraftwerk Staudinger 1 wieder angefahren werden, als „Kaltreserve“, um mögliche Engpässe zu decken – wie Minister Rentsch fordert?
Nein, das wäre völlig falsch. Staudinger 1 ist ein Uralt-Kraftwerk, das älter ist als ich und viel zu hohe Emissionswerte hat. Eher könnte noch Staudinger Block 4 als Reserve dienen, das mit Gas betrieben wird und eine viel höhere Leistung hat als Staudinger 1.

"Immer wieder Interessengegensätze"

Falls Rot-Grün die Wahl am 22. September in Hessen gewinnen sollte, wäre Ihre Rolle nicht einfach. Die Grünen wollen das Umweltministerium besetzen und dazu einen Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir, der sich für Energiepolitik engagiert. Braucht es überhaupt noch eine Koordinatorin in der Staatskanzlei?
Es gibt immer wieder Interessengegensätze. Man braucht eine zentrale Institution, die am Ende des Tages dafür verantwortlich ist, wie der Weg Richtung Energiewende verfolgt wird.

Brauchen denn die Grünen Nachhilfe?
Kaum. Die Frage ist doch eher, wie die Zuständigkeiten verteilt sind. Ein Umweltminister hat in erster Linie die Umwelt im Blick und ein Wirtschaftsminister die Wirtschaft. Koordiniert würde die Energiewende in der Staatskanzlei direkt beim Ministerpräsidenten.

Sie haben auch schon die CDU im Wahlkampf unterstützt, als Norbert Röttgen Kandidat in Nordrhein-Westfalen war. Ist es Ihnen egal, ob Sie für die CDU oder die SPD auftreten?
Mir geht es um die Sache, um die Umsetzung der konsequenten Energiewende. Herr Röttgen stand sehr dafür, es gilt ebenso für Herrn Schäfer-Gümbel. Für beide Länder gilt, dass sie bei der Energiewende nicht richtig vorankommen. Das hat viel mit alten Ressentiments zu tun, der Nachholbedarf ist groß.

Wenn Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) Sie zuerst gefragt hätte, wären Sie auch in sein Team gegangen?
Herr Bouffier hat mich nicht gefragt. Ich sehe auch nicht, dass Herr Bouffier die Energiewende so umsetzen will wie das die SPD tun will.

Interview: Pitt von Bebenburg

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