Lade Inhalte...

Eine Kuh gegen die Not Jarina träumt von einer Rikscha

Heute beginnt der UN-Milleniumsgipfel in New York. Dort wird es um den Kampf gegen Armut und Hunger gehen. Die Organisation Netz aus Wetzlar unterstützt Menschen in Bangladesch dabei, sich aus der Not zu befreien.

20.09.2010 09:29
Maike Böhm
Rekhat Tudu hilft anderen Kleinbauern dabei, ihre kranken Tiere richtig zu versorgen. Foto: Rolf K.Wegst

Heute beginnt der UN-Milleniumsgipfel in New York. Dort wird es um den Kampf gegen Armut und Hunger gehen. Die Organisation Netz aus Wetzlar unterstützt Menschen in Bangladesch dabei, sich aus der Not zu befreien.

Jarina Tudu (35) steht vor ihrer kleinen Lehmhütte, auf dem Arm ihre eineinhalb Jahre alte Tochter Monida, daneben die fünfjährige Shefali. Ihre Blicke sind leer, Gesten und Mimik wirken stumpf. Seit vorgestern haben sie nichts mehr gegessen. Im Schatten ihrer Hütte warten sie, dass ein weiterer Tag vergeht, der von Aussichtslosigkeit geprägt ist. Jarina und ihr Mann Lubine arbeiten als Tagelöhner auf Feldern reicher Bauern, doch vier Monate im Jahr gibt es fast nichts zu tun. Wo keine Arbeit, da kein Essen und auch keine Medikamente für die Kinder.

Zwei Töchter starben im ersten Lebensjahr an einer Erkältung. In ungetrübten Momenten träumt Jarina von einem dreirädrigen Fahrrad mit großer Ladefläche aus Brettern, einer Rikscha. Damit kann man Reis, Bananen oder Personen transportieren. Diese Rikschas sind gefragt, Lubine könnte sie fahren und es gäbe sofort einen Verdienst für die Familie. Doch so ein Gefährt kostet 80 Euro. Woher sollen sie die nehmen?

Feldarbeit für einen Hungerlohn

Die Entwicklungsorganisation „Netz“ mit Sitz in Wetzlar ist ausschließlich in Bangladesch tätig. Klare Ziele sind weniger Armut und mehr Gerechtigkeit. Dafür arbeitet Netz eng mit lokalen Partnern zusammen. Die Rollenverteilung ist klar: Während Netz zuständig ist für die finanzielle Unterstützung, für das Qualitätsmanagement und die Kontrolle des Geldes, leisten die Partnerorganisationen vor Ort die Basisarbeit mit den Betroffenen.

Die Situation der ärmsten Familien ist besonders desolat. Sie besitzen nichts, es fehlt an jeglicher Ausbildung, kaum jemand hat eine Schule besucht. Für einen Hungerlohn verdingen sie sich als Feldarbeiter, außerhalb der Saison gibt es keine Alternative. Netz steuert dagegen. Das größte Projekt trägt den Namen „Ein Leben lang genug Reis“ und sieht eine engmaschige Unterstützung der hungernden Familien vor. Habib Rahman Chowdhury, Leiter des Netz-Landesbüros in Bangladesch, erläutert: „Sie erhalten ein Startkapital und nehmen an Schulungen teil. Damit können sie sich aus der schlimmsten Armut befreien.“

Befreit wirkt auch Rekhat Tudu. Die junge Frau im bunten Sari steht gut gelaunt in der Mitte des Dorfes Balighala zwischen einer Handvoll Kühe und Frauen. „Ihr müsst eure Tiere regelmäßig anfassen und genau anschauen“, erzählt Rekhat und tätschelt einer Kuh die Kruppe. „Wenn eines heiß ist, hat es vielleicht Fieber. Kontrolliert auch im Kot, ob ihr Würmer findet. Wenn ja, müsst ihr mich rufen!“ Vor drei Jahren war auch Rekhat noch bettelarm. Ihr Mann Win und sie lebten von der Hand in den Mund. Dann kamen Mitarbeiter des Projekts „Ein Leben lang genug Reis“ in ihr Dorf.

„Sie sagten, dass sie uns eine eigene Existenz ermöglichen und umfassend schulen würden“, erinnert sich Rekhat. „Danach würden sie uns so lange begleiten, bis wir es geschafft haben, auf eigenen Beinen zu stehen.“ Intensive Betreuung und Flexibilität sind neben Fachwissen und persönlichem Engagement die Stärken des Programms. Die Menschen erhalten ihr erstes Startkapital in Form von Gütern. Mit jeder Familie werden die Investitionen individuell ausgewählt. Ein Stück Land pachten? Eine Rikscha kaufen? Ein paar Ziegen oder eine Kuh? Die Wahl richtet sich nach der jeweiligen Situation der Familien. Haben sie eine Vorbildung? Was sind sie körperlich in der Lage zu leisten? Was lässt sich am effektivsten in ihr Leben integrieren?

„Wir verbiegen die Leute nicht, wir geben ihnen die Chance, ihren eigenen Weg zu gehen“, sagt Habib. „Sie erhalten bei uns vorab ausgiebige Schulungen, damit sie mit ihrem Startkapital umzugehen wissen und nach kurzer Zeit Gewinn erwirtschaften können.“

Rekhat entschied sich für eine Kuh. Für 80 Euro erhielt sie das erste Tier, das sie später gut gemästet für 120 Euro weiterverkaufte. Vom größten Teil der Einnahmen pachtete sie ein Stück Land, auf dem sie Spinat anbaute. Von dem Erlös kamen zwei neue Kühe, Enten und Gänse, und mit ihnen das Bedürfnis, mehr über Tierhaltung zu lernen. Sie ließ sich vom Tierarzt des Projekts ausbilden. Jetzt kann sie impfen, Wurmmittel und leichte Medikamente verabreichen und andere über Haltung, Pflege, Krankheiten und deren Prävention aufklären.

Rekhats Einkommensmöglichkeiten sind heute vielfältig. Auch das ist ein Ziel von „Ein Leben lang genug Reis“: durch breite Streuung der Investitionen wird das Risiko minimiert. Läuft das eine nicht, greift das andere. Die meisten sind wie Rekhat nach kurzer Zeit in der Lage, aus dem Gewinn ihres Startkapitals in weitere Erwerbszweige zu investieren. Win geht heute kaum noch für Großgrundbesitzer aufs Feld. „Wir arbeiten jetzt nicht mehr für andere, sondern für uns!“, sagt er stolz. Aber fast noch stolzer macht Rekhat und ihn der Respekt vor sich selbst und vor dem, was sie erreicht haben.

Die Frauen geben den Ton an

In erster Linie sind es Frauen, die am Projekt teilnehmen. Dies hat zwei Gründe: Die Männer haben manchmal Arbeit, sei sie auch noch so schlecht bezahlt. Mit Ausbildung und Schulung der Frauen soll ein zweites Einkommen gesichert werden. Zudem wird so die Position der Frau in der Gesellschaft gestärkt. Besonders deutlich wird das bei den wöchentlichen Gruppentreffen, ein weiteres zentrales Element des Programms. Regelmäßig kommen 15 bis 25 Teilnehmerinnen aus einem Dorf zusammen, um sich im Beisein des Dorfentwicklungshelfers voneinander zu berichten oder Probleme zu diskutieren. Es geht laut und lustig zu auf den Treffen. Alle sitzen in der Dorfmitte auf großen Matten auf dem Boden. Kinder toben zwischen den Reihen, Männer stehen im Hintergrund und lauschen ihren Frauen mit einer Mischung aus Respekt, Stolz und Verwunderung. Durch Training und Erfahrung wächst auch ihr Selbstbewusstsein. Ändert sich nun auch die Beziehung zu den Männern? Schallendes Gelächter. Unter den Frauen herrscht ein einstimmiges Credo, das eine von ihnen ausspricht: „Worüber sollen sich die Männer denn beschweren? Es geht uns allen jetzt besser, ihnen doch auch! Wer hier motzt, den nehmen wir einfach nicht ernst!“

Rekhat ist heute ein Vorbild für viele Frauen, die noch ganz am Anfang stehen. „Ich glaube fest daran, dass man sein Leben verändern kann, wenn man nur eine Chance dazu erhält“, sagt sie bestimmt. „Das Projekt gab uns diese Chance. Es lehrte uns aber auch, dass wir für unsere Träume etwas tun müssen.“

Jarina Tudu mit ihren beiden hungrigen Töchtern weiß noch nicht, dass sie ausgewählt wurde, um bald am Projekt teilzunehmen. „Noch sind wir mit den Vorbereitungen nicht ganz fertig“, bremst der zuständige Dorfentwicklungshelfer der Partnerorganisation von Netz, „aber in den nächsten Wochen wollen wir in dieser Gegend mit unserer Arbeit beginnen.“ Rekhat und Jarina würden sich dann bald kennen lernen. Jarinas Traum von der Rikscha könnte Realität werden – und der Hunger in Vergessenheit geraten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen