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Zollbeamter kann kriminelle Energie spüren Roland Koch kriegt sie alle

Wer beim Zoll arbeitet, kann was erleben. Von wegen die zweite Stange Kippen. Sieben, acht und mehr Kilogramm Rauschgift hat der Beamte, der in der Nähe von Bad Hersfeld lebt, schon auf Rhein-Main entdeckt.

04.03.2008 00:03
PETRA MIES
Frankfurt,  Bild 4 von 7
Drogen? Pflanzen oder ausgestopfte, geschützte Tiere? Meldepflichtige Waren? Roland Koch kontrolliert es. Foto: Arnold

Sanft gelandet. Gut durch die Passkontrolle gekommen. Ausnahmsweise auch mal nicht bis zuletzt am Gepäckband mit der Nummer 13 gewartet, während die Lieben draußen schon winken. Bleibt nur noch die Zollkontrolle. Okay, zwei Stangen Zigaretten im Koffer und noch ziemlich viel Silberschmuck - alles ganz billig in Thailand gewesen, also quasi zollfrei. Grüne Marke.

Doch da steht Roland Koch. Und an Roland Koch kommt kaum einer vorbei.

Der 42 Jahre alte Beamte beim Hauptzollamt Frankfurt am Main, Flughafen, kennt sich aus mit Lügnern. Er weiß, dass Märchenerzähler auch immer ein gutes Gedächtnis für ihre Geschichten brauchen. "Unnatürlich", benennt er das, was ihn beim Verhalten der ankommenden Reisenden aufmerken lässt. "Unnatürlich freundlich, unnatürlich nervös, unnatürlich cool" - das Thema hat viele Variationen. Verdächtige Kameraden winkt der dann raus.

63 Kilo Gold im Gepäck

Höflich, die blauen Handschuhe übergestülpt, da Einreisende mit sauberer Wäsche eher selten einrollen, öffnet Koch noch jeden verdächtigen Koffer. Meist mit Erfolg. Am Valentinstag zum Beispiel, 63 Kilo Gold fand er da. Wert: 1,2 Millionen US-Dollar, Einfuhr-Umsatzsteuer 200 000 Euro. Die wollte der Kamerad natürlich im Wortsinne umgehen. Nicht mit Koch. "Das war ein polnischer Staatsbürger, der unnatürlich sicher aufgetreten ist", erinnert sich der Zollbeamte.

Koch macht einen sehr guten Job. Verbindlich im Auftreten, ist er wie seine 900 Kolleginnen und Kollegen auf dem Rhein-Main-Flughafen darauf spezialisiert, Waren zu kontrollieren und Bürger wie Wirtschaft vor Kriminalität zu schützen. Fracht, Post - alles nehmen sie in den Arbeitsgebieten des Amtes unter die Lupe. Koch kümmert sich um die Passagiere, operativer Bereich.

Es geht ums Kriminelle, und das ist laut Koch reichlich vorhanden. Jeder dritte Einreisende, schätzt der Profi, "mindestens", versuche die Verbote zu umgehen. Gefälschte Artikel, Drogen, pornografische und gewaltverherrlichende Filme, geschützte Tier- und Pflanzenarten wie Muscheln, Schneckenhäuser oder Korallen, und des Illegalen mehr im Gepäck. Unabhängig davon, ob es sich um Uhren, Schmuck, Spirituosen oder sonst was handelt: Was mehr als 175 Euro wert ist, ist zu verzollen. Und pro Person ist beispielsweise nur eine einzige Stange Zigaretten erlaubt.

Es hält sich aber kaum jemand daran. "Zwei Zigaretten-Stangen versuchen sehr viele Leute einzuführen", sagt Koch. Unverzollt, versteht sich. Und dass er Schlangen-Wodka und -Wein, also in Alkohol eingelegte Brillenkobras und Geckos, beschlagnahmen muss, kommt ebenso vor wie getrocknete Seepferdchen und andere absurde Mitbringsel. Ob privat, ob professionell, spielt keine Rolle - allerdings mit dem Unterschied, dass über die deftige Geldstrafe hinaus auch Gefängnis droht, wenn der Verdacht besteht, dass jemand geweblich Artikel in Massen oder Drogen unverzollt einzuführen gedenkt.

Schusswaffe als letztes Mittel

An Kochs Hüfte baumelt auch eine Pistole. "Sie ist wirklich das allerallerletzte Mittel." Ernst blickt er zu den Bändern, wo je nach Flugzeugtyp 20 bis 400 Menschen und mehr auf ihr Gepäck warten. "Wenn ich einen Schuss abgeben müsste, würde ich auch andere Menschen gefährden." Zum Glück sei das noch nicht vorgekommen. Selbst als vor mehr als einem Jahr ein betrunkener Engländer, "der nicht mehr Herr seiner Sinne war", Koch niedergeschlagen hatte, blieb die Waffe stecken.

Wer beim Zoll arbeitet, kann was erleben. Von wegen die zweite Stange Kippen. Sieben, acht und mehr Kilogramm Rauschgift hat der Beamte, der in der Nähe von Bad Hersfeld lebt, schon auf Rhein-Main entdeckt - aufgespürt auch mal ohne Königspudel, Labrador und Schäferhund. 32 Schutzhunde, ausgebildet in Niedersachsen und Bayern, arbeiten für das Hauptzollamt Frankfurt.

Ob Koch, ob seine Kundschaft: Beide müssen sich entscheiden. Die Passagiere, ob sie durch Grün marschieren, also nichts zu verzollen haben, oder im roten Zoll-Entree ihre Mitbringsel offenlegen. So oder so hat Koch zu befinden, wen er herauswinkt. Jeder Zollbeamte habe da sein eigenes System. "Bei mir kommt die Erfahrung hinzu", sagt er. 200, 300 Strafverfahren habe er im Jahr, kommt er auf seine Erfolgsbilanz zu sprechen. Und auch schon wieder auf das Thema Lügen. "Wenn sie mich konzentriert anstarren, weil sie sich ihre erfundene Geschichte merken müssen, merke ich das sofort."

Keine Chance bei Koch.

Denn: "Ich wittere Legenden."

Besonders perfide sei es, wenn ahnungslose Unschuldige als Mittäter herhalten müssten. Koch erzählt vom kleinen Jungen, der etliche Stangen Zigaretten im Rucksack hatte. " Da musste er mir dann zeigen, wo sein Vater ist."

Es sei wie ein böses Spiel. "Da will jemand etwas verstecken, und ich muss sehen, wie ich ihn fange." Die Dunkelziffer bleibe trotz seines Erfolges hoch.

Hartschalenkoffer voller Baby-Schildkröten, kiloweise Drogen - Koch macht sich mit seinen Funden nicht gerade Freunde. Dennoch beschreibt sich der ruhige Mann als menschenfreundlich: "Wir sind alle Bestandteil eines Staates, in dem gewisse Regeln einzuhalten sind", erklärt der Beamte im grünen Hemd. Jenseits des wirtschaftlichen Schadens gehe es ihm auch um den gesundheitlichen: "Da gibt es Billig-Zigaretten mit Sägespänen und Glaswolle drin, die richtig krank machen", berichtet er. Ganz zu schweigen von gefälschter Arznei. "Wir hatten schon Chinesen, die kofferweise gefährliche Schlankheitspillen einführen wollten." Diese Tabletten hätten starke Nebenwirkungen. "Wenn nur noch der Profit regiert, ist es schlimm."

Auch Bargeld ist anzugeben

Seit Mitte vergangenen Jahres habe sich auch die Anmeldepflicht für Bares verändert. Nach dem Geldwäschegesetz müsse angeben, wer mehr als 10 000 Euro bei sich habe, auch als Scheck. Ob man sich daran halte oder nicht, sei eine Mentalitätsfrage. In manchen Ländern sei das eben beliebt. Bei technischen Hilfsmitteln herrscht ein steter Wandel: Wärmebildkameras, Ionen-Mobilitäts-Spektrometer und weitere hochmoderne Geräte sollen dabei helfen, Sprengstoff und andere Gefahren aufzuspüren.

In der Ankunft, Band 13, warten die nächsten Passagiere auf ihr Gepäck. Ob sie aus Rio, Amsterdam oder Moskau kommen, ist Roland Koch egal. "Auch wenn alle denken, dass wir die Doofen sind", weiß er: "Zollbetrüger können von überall her kommen."

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