Lade Inhalte...

Viel Spott für die "Lüge" im historischen Herz der Stadt

Vor 20 Jahren ist in Frankfurt bereits heftig um die Rekonstruktion von historischem Fachwerk als Ostzeile des Römerbergs gestritten worden

Da steht sie, die 22 Jahre alte Römerberg-Ostzeile - als sei sie bemüht, die Baumassen der Kunsthalle Schirn hinter sich zurück zu halten. Rechts: Nikolaikirche (alt) und "Schwarzer Stern" (neu). Foto: FR

Rudi Arndt war's. Ausgerechnet er, der bedingungslos Zukunftsgläubige, hatte als SPD-Oberbürgermeister 1974 den ersten Stein zum Bau der Römerberg-Ostzeile ins Rollen gebracht. Arndts Weihnachtswunsch, über dem eben fertiggestellten U-Bahnhof auf dem Römerberg sollten Bauten "in der Art der ehemaligen Altstadthäuser entstehen", entzündete eine Baudebatte, die sich ebenso anhörte wie die heutige.

Bereits acht Monate nach der Bescherung lagen dem städtischen Presseamt aus einer Bürger-Umfrage "Was kommt zwischen Dom und Römer?" die Antworten von 1000 Frankfurtern vor. "Wir wollen unser altes Frankfurt wieder haben", betitelte Die Welt süffisant das Ergebnis. Das Blatt listete auf: "46 Prozent sind für eine Bebauung in einem dem historischen Charakter angepassten Stil, 41 Prozent sogar für die ,Rekonstruktion historischer Frankfurter Häuser'."

Wie gegenwärtig auch, stand die Architektenschaft auf der anderen Seite der Front. Im Städtebaubeirat "entlud sich ein Gewitter", berichtet die FR am 13. August 1975 und zitiert den Architekten Alois Giefer: Ein Wiederaufbau in alten Formen stelle "eine Art Konkurs dar"; eine "feingliedrige" Architektur "können unsere Architekten auch zustande bringen". "Wiederaufbau von was?" fragt kurz darauf die FAZ; "würden die zum Abschluss der Platzwand benötigten sechs Häuser akkurat nachgebaut (. . .), müssten sie ausdrücklich als museale Modelle typisch Frankfurter Bauweise gezeigt und mit städtischen Mitteln gewartet werden - wie in sogenannten Museumsdörfern."

"Rudi Arndts Schnapsidee" gewinnt

Die Debatte zieht sich, Broschüren werden vertrieben, Arbeitsgruppen gegründet, eine Multivisionsschau gezeigt, ein "Sonderausschuss Bebauung Dom-Römer" gebildet, eine Bürger-Anhörung im Plenarsaal (Januar 1977) veranstaltet. Da bekundet einer, der sich "ein Ur-Frankfurter" nennt, unter großem Beifall: "Wenn dieses historische Herz nicht im alten Stil aufgebaut wird, bleibt Frankfurt in der Innenstadt tot." Anselm Thürwächter, Architekt des Technischen Rathauses, das heute zum Abbruch steht, hält als Gutachter "eine Rekonstruktion der Fassaden an der Ostseite des Römerbergs für durchführbar - allerdings existierten von den alten Häusern, "außer dem ,Schwarzen Stern' und dem ,Großen Engel' keine Zeichnungen und Grundrisse."

Schnitt: Die CDU gewinnt 1977 die Kommunalwahl mit absoluter Mehrheit, "Rudi Arndts Schnapsidee" (Die Zeit) nimmt Formen an. Die CDU beauftragt den Magistrat mit dem "Wiederaufbau in haargenau der gleichen Form". Am Römerberg will man es historisch "bis zum alten Türbeschlag".

"Das Stadtparlament hat eine Lüge beschlossen", schießt der Architekturkritiker Manfred Sack aus Hamburg mitten ins Herz des alten Frankfurt, Richtung Römer: Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU), der sich in seiner Antrittsrede eine Stadt mit "Sinn für Gemütlichkeit" gewünscht hatte, möge sich "beizeiten nach einem Schneider für Pluderhosen und einem Tischler für seine Dienstsänfte umsehen".

Weltweit gar wird "The Battle of the Buildings in ,Bankfurt' on the Main" (International Herald Tribune), die Kontroverse auf einem "tiny chunk of ground called the Roemerberg" bespöttelt. Da lässt ein neuer Architekten-Wettbewerb für Frankfurts zerstörte Mitte mit "rekonstruierten Fachwerkhäusern als verpflichtende Vorgabe" die Teilnehmer "um ihren Ruf fürchten".

Ein 100-Millionen-Mark-Projekt

Dann, 1980, das Ergebnis: Die Ostzeile wird, auch um zu den altertümlichen Häuschen die Technik, etwa die Heizung, unterzubringen, hinten raus um eine moderne Häuserreihe ergänzt. Zusammen mit der "Kulturschirn" ist "ein 100-Millionen-Projekt" avisiert, wovon 18, 4 Millionen Mark auf den rekonstruierten "Schwarzen Stern", 16, 1 Millionen Mark auf die "Ostfront" entfallen. Am 30. Januar 1981 tut OB Walter Wallmann "den ersten Spitzhackenschlag" - und dieser Hieb setzt viele weitere starke Arme in Nah und Fern in Bewegung.

Arbeiter in fränkischen und französischen Steinbrüchen schaffen das Material für die Erdgeschosse heran. Zimmerleute "in der weiteren Umgebung von Frankfurt" sägen laut Chronisten-Rapport "das komplizierte Fachwerk Stück für Stück aus Eichen-Rohlingen". "Künstler, Architekten, Ingenieure müssen sich zusammenraufen", beobachten die Redaktionen. Vier Bildhauer schnitzen die Streben und Reliefs, Verzierungen und Fratzen.

Vor Ort, auf dem Römerberg, können die Leute durch Gucklöcher im Zaun dem "Lehmschlag" zusehen und beobachten, wie für die Decken ein Stroh-Lehm-Gemisch aufgebracht wird. Für das Fachwerk werden "Eichenbalken verwendet, die bereits Häuser im Vogelsberg und im Unterelsass bis zu 200 Jahre getragen haben". Andere Beobachter haben "frisch geschnittene, lange Eichenstämme aus den Wäldern um Heuchelheim" gesehen, die dort auf den Einbau in den neuen "Großen Engel" warten.

Es sind wohl diese Teile, die sechs Jahre nach der mit Ansprachen von Karl dem Großen" und dem Weihnachtsmann Ende November 1983 gefeierten Eröffnung zum Corpus delicti werden: Das frische Holz arbeitete weiter. Ende 1989 breitet sich Entsetzen aus, weil die neue Fachwerk-Zeile "beängstigend lange Risse" zeigt und der schmucke "Große Engel" mit Eisenträgern gestützt werden muss.

Von "Senkungen und Verschiebungen auch bei tragenden Balken" ist die Rede, und dass sich die ganze Zeile "Richtung Paulsplatz bewegt". Die Chose endet in einem Zwei-Millionen-Schaden - und dem Fingerzeig auf Oberbürgermeister Wallmann. Dem habe es mit der Heimattümelei nicht schnell genug gehen können.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen