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Trinkwasser Kampf gegen Legionellen

Wenn Wasser länger in der Leitung steht, können sich dort Legionellen vermehren. Im schlimmsten Fall können die Bakterien zu einer lebensgefährlichen Lungenentzündung führen. Deshalb schreibt die Trinkwasserverordnung regelmäßige Kontrollen von Großanlagen vor.

Legionellen haben es gerne warm und ruhig.

Zuerst muss Peter Paul Thoma in den Keller. Hinter ihm steht der große, blaue Wasserspeicher, die Leitungen führen die Wand hinauf. Thoma ist Obermeister der Innung Sanitär Heizung Klima Frankfurt und öffentlich bestellter Sachverständiger bei der Handwerkskammer Rhein-Main. Seit Inkrafttreten der neuen Trinkwasserverordnung haben er und seine Kollegen viel zu tun.

Thoma schraubt das neue Ventil an und erwärmt das Messingrohr mit einem Brenner unterhalb der Schlüsselfläche: „Das Ventil muss abflammbar sein, damit keine Keime entstehen.“ Danach entnimmt er die Wasserprobe, bevor er die restlichen Ventile einbaut: Eins im Keller, die anderen beiden am Ende des Rohres in der obersten Wohnung des mehrstöckigen Hauses im Nordend.

Wenn die Wasserleitung länger nicht benutzt wird

Mit der neuen Trinkwasserverordnung vom 1. November 2011 sind auch Hauseigentümer von Mietshäusern verpflichtet, die Wasseranlagen jährlich auf Legionellen überprüfen zu lassen. Voraussetzung ist ein Warmwasserspeicher mit mehr als 400 Litern Inhalt oder eine Warmwasserleitung mit mehr als drei Litern Inhalt zwischen Erwärmer und Zapfstelle. Der Trinkwasserlieferant Hessenwasser schätzt, dass die Zahl der überwachungspflichtigen Anlagen damit allein in Frankfurt auf 30.000 steigt.

Die Untersuchungspflicht gilt nur für Gebäude mit zentralem Warmwasserspeicher. Dezentrale Wasserbereiter oder Durchlauferhitzer sind nicht betroffen. Kontrollieren dürfen nur Experten, die mit einem akkreditierten Labor zusammenarbeiten und eine Schulung absolviert haben.

„Legionellen benötigen Ruhe, Nahrung und Wärme, um sich vermehren zu können“, erläutert Hubert Rautenberg, ebenfalls öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger bei der Handwerkskammer Rhein-Main. Ruhe haben die Bakterien etwa, wenn die Wasserleitungen länger nicht benutzt werden. Ernähren können sich die Legionellen von alten und verzinkten Rohrleitungen, Rost, Kalk oder Biofilm, der sich in verunreinigten Leitungen festsetzt. Und die optimalen Wassertemperaturen für die Vermehrung der Legionellen lägen zwischen 25 und 45 Grad, sagt Rautenberg weiter: „Sicher ist also eine Wassertemperatur von etwa 60 Grad.“

Lebensgefährliche Lungenentzündung

Das Trinken von mit Legionellen belastetem Wasser ist weitgehend ungefährlich. Doch das Einatmen kann krank machen. Aufgenommen werden die Erreger durch die Inhalation von sogenannten Aerosolen, die etwa beim Duschen entstehen, aber auch von Klimaanlagen oder Whirlpools produziert werden können.

„Vor allem ältere und immunschwache Menschen sind gefährdet, an Legionellose zu erkranken“, sagt Kerstin Voigt vom Stadtgesundheitsamt Frankfurt. Im besten Fall verlaufe die Erkrankung symptomlos, im schlimmsten Fall führe sie zur Legionärskrankheit. Dann könne es zu einer lebensgefährlichen Lungenentzündung kommen. Eine leichtere Form der Legionellose ohne Lungenentzündung sei das grippeähnliche Pontiac-Fieber.

Um die Risiken zu minimieren, besteht der Gesetzgeber auf den regelmäßigen Kontrollen. Die Kosten für den Einbau des Probeentnahmeventils lägen zwischen 200 und 300 Euro, wenn keine unvorhergesehenen Arbeiten anfielen, sagt Thoma. Für die Entnahme der Probe und die Untersuchung durch das Labor fallen rund 150 Euro an.

Bußgelder bis zu 25.000 Euro

Anfang des Jahres herrschte noch Uneinigkeit darüber, wer den Einbau des Ventils und die jährlichen Kontrollen zahlen soll. Mittlerweile sind sich Mieter und Eigentümer weitgehend einig. „Als Betriebskosten können die Legionellenprüfungen auf die Heizkostenabrechnung umgelegt werden“, sagt Dietmar Wall, Jurist beim Deutschen Mieterbund. Der Einbau des Ventils könne als nicht vertretbare Sanierung zwar auch auf die Mieter umgelegt werden – meistens lohne sich das für den Eigentümer jedoch nicht, weil der Mieter nur mit Centbeträgen beteiligt werden könne.

Ähnlich sieht es Günther Belz, Geschäftsführer des Vereins der Eigentümer-Schutzgemeinschaft Haus und Grund Hessen. Die Umlegung der Installationskosten für das Probeentnahmeventil auf die Mieter rentiere sich nur, wenn noch weitere Modernisierungsarbeiten nötig seien. Belz hält die neue Verordnung für einen „Schuss ins Blaue“, der nur Verwirrung unter den Hauseigentümern stifte. Die Einschränkung auf Großanlagen sei willkürlich: „Wenn man einen umfassenden gesundheitlichen Schutz sicherstellen will, sollten alle Gebäude überprüft werden.“ Trotzdem rät er Eigentümern, die Kontrollen durchzuführen, da sonst ein Bußgeld von bis zu 25.000 Euro drohe.

Im kommenden Jahr holt Thoma wieder Proben aus den vier neuen Ventilen. Stellt er innerhalb von drei Jahren keinen Legionellenbefall fest, kann das Gesundheitsamt das Prüfungsintervall auf Antrag verlängern.

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