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Geologe Leßmann "Wasser gehört der Allgemeinheit"

Das Hessische Landesamt für Umwelt und Geologie (HLUG) wacht über das Grundwasser. Es kontrolliert die Qualität und beschäftigt sich mit den Folgen des Klimawandels für die Trinkwasserversorgung in Hessen. Im Interview sagt Geologe Bernd Leßmann auch, wie die noch sicherer werden kann.

06.08.2012 21:24
Wassergewinnung im Stadtwald: Pumpwerk Hinkelstein. Foto: hlug

Herr Leßmann, wem gehört das Grundwasser im Boden?

Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Nach dem Wasserhaushaltsgesetz ist Wasser nicht eigentumsfähig. Am ehesten trifft also noch die Aussage zu, dass es der Allgemeinheit gehört. Übrigens zahlt ein öffentlicher Wasserversorger auch nicht für die Menge, die er fördert. Was wir als Verbraucher bezahlen, ist vielmehr der Preis für die Versorgung mit Wasser, also zum Beispiel für notwendige Infrastruktur.

Wir bezahlen also die Arbeit, um Wasser aus dem Boden zu holen und zu uns zu transportieren?

Genau. Der Versorger braucht eine Erlaubnis um das Wasser zu fördern, aber das Wasser selbst ist für ihn eigentlich kostenfrei.

Und ich darf als Grundstücksbesitzerin einen Brunnen in meinem Garten bohren?

So ist es. Dazu müssen Sie allerdings einen Antrag bei der zuständigen Wasserbehörde stellen, die ihnen die Erlaubnis erteilen kann. Sie bezahlen dann nicht für den einzelnen Liter, sondern lediglich die Kosten für die Brunnenanlage. Ähnlich verhält es sich mit den örtlichen Wasserversorgern.

Aber wer kontrolliert, dass nicht zu viel Wasser aus dem Boden geholt wird?

Das Wasserrecht gibt Ihnen das Recht, nur eine festgelegte Menge Wasser aus dem Boden zu fördern. Die Entnahme wird per Wasserzähler kontrolliert.

Woran orientiert sich die Höhe der mir zugebilligten Menge?

An Ihrem Bedarf, den müssen sie nachweisen.

Ist das Wasser aus meinem privaten Brunnen so sauber, dass ich es trinken oder zum Duschen verwenden kann?

Im Prinzip ja, das Grundwasser ist im Allgemeinen sauber. Das muss aber nicht überall so sein. Besitzer von Trinkwasserbrunnen müssen sich jährlich eine Grundwasseranalyse erstellen lassen, die vom Gesundheitsamt kontrolliert wird. Die meisten privaten Brunnen sind allerdings keine Trinkwasserbrunnen, sondern Brauchwasserbrunnen, insbesondere für die Landwirtschaft.

Was könnte die Qualität beeinträchtigen?

In Hessen liegt der Schwerpunkt der Grundwasserbelastung beim Nitrat. Ursache ist überwiegend die intensive landwirtschaftliche Flächennutzung. Der Landwirt muss, um entsprechende Qualitäten vermarkten zu können, düngen. Dabei kann es zu hohen Nitratwerten im Grundwasser kommen, weil die Pflanzen nicht den gesamten Dünger aufnehmen. Der Grenzwert für Nitrat in der Trinkwasserverordnung beträgt 50 Milligramm pro Liter.

Wird in Hessen dieser Grenzwert oft überschritten?

Wir haben zum Teil Brunnen mit mehr als 50 Milligramm pro Liter. Betroffen sind überwiegend die intensiv genutzten Landwirtschaftsregionen wie das Hessische Ried mit dem Sonderkulturanbau oder der Rheingau mit dem Weinanbau, aber auch andernorts. Brunnen mit mehr als 50 Milligramm Nitrat pro Liter dürfen nicht mehr zur Trinkwasserversorgung genutzt werden.

Was wird gegen zu viel Nitrat unternommen?

Die Wasserbehörden versuchen über freiwillige Verträge zwischen den Landwirten und den Wasserversorgern Maßnahmen umzusetzen, damit die Nitratwerte im Grundwasser wieder zurückgehen. Dabei wird fast immer schon früher angesetzt, wenn ein Trend zur Grenzwertüberschreitung festgestellt wird. Hessen setzt übrigens gerade im Rahmen der Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie ein Programm um, das dauerhaft und flächendeckend zu Nitratwerten unter 50 Milligramm pro Liter führen soll, auch in Bereichen, wo das Grundwasser nicht als Trinkwasser genutzt wird.

Welche weiteren Bedingungen an die Qualität muss das Wasser erfüllen, um als Trinkwasser genutzt werden zu können? Es gibt doch auch Trinkwasser vom Rhein, etwa für Wiesbaden?

In Hessen wird fast ausschließlich Grundwasser als Trinkwasser genutzt. In Wiesbaden wird auch kein Rheinwasser getrunken. Früher wurde Rheinwasser im Wasserwerk Schierstein in den Untergrund versickert und dann über Brunnen wieder gefördert. Inzwischen sollen Brunnen im Nahbereich des Rheins genutzt werden. Dabei stammt ein Teil des geförderten Wassers aus dem Rhein, dessen Wasser je nach Wasserständen in den Untergrund versickert. Das ist dann Grundwasser und kein Oberflächenwasser.

Wird nur in Wiesbaden Flusswasser so genutzt?

Im Ried gibt es mit dem Wasserwerk Biebesheim eine Rheinwasseraufbereitung, wo Wasser gereinigt wird, das anschließend versickert wird. Im Frankfurter Stadtwald gibt so etwas Ähnliches mit Mainwasser. Viele Wassergewinnungsanlagen in Hessen befinden sich in Fluss- und Auenbereichen. Hier herrschen ganz ähnliche Bedingungen wie beim Wasserwerk Schierstein vor.

In den 90er Jahren hieß es, die Rhein-Main-Region säuft hessisches Ried und Vogelsberg leer. Was ist daraus geworden?

Die Situation hat sich entspannt. Im Vogelsberg sind langjährige Wasserrechte vergeben worden. Für das hessische Ried gibt es seit 1999 einen Grundwasserwirtschaftungsplan, der genau regelt, wo wie viel Wasser entnommen werden darf und wo Wasser versickert werden muss, um das entnommene Wasser wieder auszugleichen. Dabei müssen bestimmte Grundwasserstände eingehalten werden.

Und für den Vogelsberg?

Auch hier wurden Grenzgrundwasserstände festgelegt, um landschaftsökologische Beeinträchtigungen zu verhindern, etwa in Feuchtgebieten. Dazu wurden wie auch im Hessischen Ried Grundwassermessstellen eingerichtet. Das heißt für den Versorger, im Vogelsberg fördert vor allem die Ovag Grundwasser für den Großraum Frankfurt, dass das Wasserrecht nochmal durch die Grenzgrundwasserstände gedeckelt wird.

Kommt es häufiger vor, dass die Förderung dadurch gedrosselt werden muss?

Das kann schon mal vorkommen, beispielsweise in sehr heißen und trockenen Sommern. Dann steigt der Bedarf, die Leute sprengen zum Beispiel ihre Rasen mehr oder duschen öfter. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten damit umzugehen. So kann zum Beispiel Grundwasser gefördert und in die Biotope eingeleitet werden, oder es wird Oberflächenwasser eingeleitet, damit die Feuchtgebiete nicht geschädigt werden. Die Vorgehensweise ist in den Wasserrechten genau geregelt. Die Versorgungssicherheit wird dabei über einen Leitungsverbund sichergestellt. An anderer Stelle wird dann einfach mehr gefördert. So werden Ökologie und Versorgungssicherheit unter einen Hut gebracht.

Der Strom aus dem Wasserhahn wird also nicht versiegen?

Das ist im Augenblick nicht abzusehen. Mit dem Leitungsverbund haben wir ein funktionierendes System. Aber theoretisch könnte das bei extremer Trockenheit einmal der Fall sein, insbesondere wenn mehrere Trockenjahre hintereinander folgen.

Wo kommt das Wasser für das Rhein-Main-Gebiet her?

Wir gehen von einem jährlichen Bedarf von grob geschätzt rund 60 Millionen Kubikmeter für den Großraum Frankfurt aus. Überschlägig kommen davon rund 20 Millionen aus dem Vogelsberg, 30 Millionen aus dem hessischen Ried, 10 Millionen aus dem Stadtwald Frankfurt.

Wie hoch ist der Pro-Kopf-Verbrauch in Hessen?

In den 80er Jahren lag er bei rund 145 Liter pro Einwohner und Tag, derzeit liegen wir bei rund 120 Litern.

Woran liegt der Rückgang?

Das Spar-Bewusstsein ist gestiegen. Der Rückgang kann jedoch auch zu Problemen für die Wasserversorger führen. Häufig wurden Leitungen verlegt, die auf mehr Bedarf ausgelegt sind. Deshalb kann es sein, dass in den Rohren das Wasser zu lange steht und es so zum Beispiel zu Verkeimungen kommt. Je mehr Wasser wir sparen, desto größer ist der Aufwand, den der Versorger betreiben muss. Das kann auch zu höheren Wasserpreisen führen.

Gibt es Überlegungen, die Wasserversorgung für Frankfurt noch sicherer zu machen?

Die Wasserversorger der Region treffen sich regelmäßig mit den Wasserbehörden, hier wird über diese Themen gesprochen. Aktuell wird in der Tat über eine Wasserleitung aus Mittelhessen in das Versorgungsgebiet der Ovag diskutiert. Hierdurch könnten mögliche Ausfallmengen aus dem Vogelsberg zusätzlich ausgeglichen werden.

Sie beschäftigen sich auch mit dem Klimawandel. Extrem trockene Sommer, nasse Winter. Was sind die Folgen für die Wasserversorgung?

Bis zum Jahr 2050 zeigen uns die Szenarien, dass sich die Entwicklungen nicht grundlegend vom derzeitigen Wettergeschehen unterscheiden werden. Der Trend geht jedoch zu trockeneren Sommern und milderen, feuchteren Wintern. Die Grundwasserneubildung findet hauptsächlich im Winter statt, weil die Natur dann weniger Wasser braucht, weniger Wasser verdunstet und der dann fallende Niederschlag so versickern kann. Im Winterhalbjahr könnte es zu einer höheren Grundwasserneubildung kommen, die einen möglicherweise höheren Bedarf im Sommer auffangen könnte.

Das Interview führte Jutta Rippegather

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