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Tierparks "Der Zoo ist keine Arche Noah"

Der Tierpark der Zukunft: Eisbärenfrei? Der Tierschützer Hanno Würbel und Zoodirektor Manfred Niekisch im Gespräch.

31.01.2008 00:01
Neuzugang im Tierpark Hellabrunn in München. Hinter einer dicken Scheibe liegt die Eisbärdame in ihrem Gehege. Eisbärenzeigen in Gefangenschaft häufig Verhaltensstörungen. Foto: dpa

Herr Niekisch, wann werden Sie als neuer Frankfurter Zoodirektor dem Publikum das erste Eisbärenbaby präsentieren?

Manfred Niekisch: Das werden wir mit Sicherheit überhaupt nicht tun. Um Eisbären kümmern sich andere Zoos in Deutschland schon zur Genüge.

Erwartet man von Ihnen nicht, "emotionale Tierstorys" zu produzieren, wie das der Geschäftsführer des Berliner Zoos nach dem Erfolg mit Knut genannt hat?

Niekisch: Ein Zoo sollte nicht darauf angewiesen sein, süße Tierkinder zu vermarkten, um für die Besucher interessant zu sein. Tierbabys sind immer irgendwie attraktiv - aber ein Eisbärenjunges macht natürlich mehr her als ein Baumstachler, der zudem ein nachtaktives Tier ist. Trotzdem werden wir in Frankfurt keine Eisbären anschaffen, bloß weil sie in Berlin und Nürnberg so erfolgreich sind. Wir halten andere Bärenarten; außerdem sehe ich bei der Haltung viele Probleme.

Hanno Würbel: Ich bin grundsätzlich gegen die Eisbär-Haltung, egal in welchem Zoo. Ihr Lebensraum ist von Natur aus wahnsinnig groß, sie streifen in der Polarregion ja in Gebieten umher, die etwa die Größe Italiens haben. Vor allem aber können Zoos ihnen nicht die Herausforderungen bieten, wie sie in der Wildnis bestehen. Im Eis müssen sie ja andauernd aufmerksam sein, um zum Beispiel ihre Beute zu erspähen. Es ist ja kein Zufall, dass gerade Eisbären im Zoo besonders oft Verhaltensstörungen entwickeln.

Der Trend geht zum so genannten Erlebnis-Zoo: größere Gehege, naturnahe Gestaltung - geht es den Tieren darin automatisch besser?

Würbel: Ein Gehege, das nach natürlichem Lebensraum aussieht, ist nicht notwendigerweise ein gutes Gehege für das Tier. Man inszeniert das Tier in einer Illusion seines Lebensraums. Das hat bis zu einem gewissen Grad auch Kulissencharakter. Es bleibt eine künstliche Umwelt. Und so kann diese Illusion unter Umständen sogar Missstände verbergen. Für den Betrachter schaut es halt sehr naturnah aus - diese Bilder kennt er aus dem Fernsehen oder sogar von eigenen Safaris. Aber wenn man das auf Zoogröße verkleinert, ist das nicht automatisch eine tiergerechte Umgebung. Wenn nicht dafür gesorgt wird, dass sie genügend Reize haben - wie neue Objekte zum Erkunden oder Nahrung, die sie selbst suchen und bearbeiten müssen - werden sie sich auch zwischen Lianen und Palmen stereotyp verhalten.

Herr Niekisch, auch Sie wollen im Frankfurter Zoo Arten reduzieren, Gehege vergrößern. Was ist Ihr Ziel?

Niekisch: Wir möchten die Tiere dort, wo es möglich ist, stärker vergesellschaften. Also nicht jede Art voneinander isoliert zeigen, sondern zum Beispiel Straußen, Zebras und Giraffen auf einer größeren Fläche zusammen präsentieren. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt engagiert sich ja seit Grzimeks Zeiten in der Serengeti, da könnte ich mir gut eine ostafrikanische Savannen-Landschaft im Zoo vorstellen. Das geht natürlich nur bis zu einem gewissen Grad. Löwen und Zebras zu vergesellschaften, das würden wir sicher nicht probieren.

Würbel: Mich würde mal Herrn Niekischs Meinung interessieren, wie er die Diskussion unter Zooleuten sieht, ob man nicht sogar Raubtiere und Beutetiere gemeinsam halten kann, sofern man den Beutetieren genügend Ausweich- und Rückzugsmöglichkeiten gewährt. Wäre das nicht auch ein Anreiz für die Raubtiere, dass sie doch ab und zu mal Beute machen können?

Niekisch: Das ist sehr schwierig, vor allem wegen des Platzangebots. Überlegen Sie doch mal: In der Savanne steht den Löwen, Zebras und Gnus doch ein ganz anderer Raum zur Verfügung. Ich habe in Afrika bei vielen Safaris erlebt, wie lange es dauert, wenn sich die Löwen heranschleichen, und wie oft sie auch einmal danebengreifen, weil die Zebras schneller, schlauer, wendiger sind - diese Chancen gäbe es im Zoo gar nicht. Ein Problem wäre für uns auch zu kontrollieren, wer wie viel frisst. In der Natur passieren einfach viele Dinge, die wir im Zoo tunlichst unterlassen sollten.

Was zählt noch dazu außer der Jagd?

Niekisch: Dass Tiere verhungern, weil sie sich nicht durchsetzen können. Dass ein Löwenmännchen, wenn es ein Rudel übernimmt, erst einmal alle Jungtiere seines "Vorgängers" totbeißt. Wir haben im Zoo natürlich die Aufgabe, für das Überleben der Tiere zu sorgen.

Ist das nicht eher ein Zugeständnis an die Moralvorstellungen der Besucher? Dass man Küken lebend verfüttert, nehmen wir hin - aber ein großer Säuger wie ein Zebra wäre tabu ...

Niekisch: Richtig. Ein Zoo hat eben auch eine Bildungsaufgabe. Und Bildung erreicht man sicher nicht, indem man die Besucher mit Vorgängen konfrontiert, die sie nicht verarbeiten können.

Dass Bärenmütter ihre Jungen totbeißen, wie jetzt im Nürnberger Zoo geschehen, tolerieren Sie aber?

Würbel: Wenn Sie mich persönlich fragen: Ich könnte kein Eisbärenbaby verenden lassen oder gar erschießen. In eine solche Situation möchte ich gar nicht kommen. Andererseits ist das Töten von überzähligen Tieren ein Bestandteil der Zucht von Zootieren, der allerdings gerne verschwiegen wird. Und da sollten wir keinen Unterschied machen zwischen Eisbären und Gazellen, nur weil wir Eisbären süßer finden.

Ist die Idee eines Zoos nicht generell antiquiert? TV-Dokumentationen zeigen die Tiere doch auch aus nächster Nähe, aber in ihrer natürlichen Umgebung - nicht hinter einer Glasscheibe.

Niekisch: Natürlich sieht man in Filmen eine ganze Menge. Aber das, was man in der Pädagogik die "originale Begegnung" nennt, halte ich immer noch für ganz wichtig. Das Fernsehen vermittelt doch oft eine falsche Vorstellung davon, wie sich die Tiere in der Natur verhalten. Auf Safaris ist es mir schon passiert, dass sich Teilnehmer beschwert haben: "Jetzt sind wir schon zwei Tage unterwegs und haben noch keine Löwen am Riss gesehen - im Fernsehen habe ich in einer Viertelstunde alles erlebt." Allerdings: In Frankfurt sind Löwen und Tiger durch dicke Scheiben hermetisch von den Besuchern abgeriegelt. Da nehmen Sie keine Gerüche mehr wahr - und die Tiere nehmen Sie auch nicht mehr wahr. Das kann man auch anders machen. Der Zoo muss Tiererlebnisse mit allen Sinnen ermöglichen.

Würbel: Antiquiert ist die reine Tierschau, das nackte Tier im nackten Käfig. Die Besucher wollen Tiere sehen, die verhaltensgerecht untergebracht sind. Aber das lässt sich eben nicht bei allen Arten machen. Bei Tigern, Elefanten und Eisbären stelle ich mir schon die Frage, ob man nicht freiwillig darauf verzichtet, auch bei den großen Meeressäugern.

Es kursiert auch die Idee vom Zoo als Arche Noah, als letztes Refugium für die bedrohten Arten - kann das funktionieren?

Niekisch: Es gibt da einige wenige Erfolgsgeschichten wie den Bartgeier, der wieder in den Alpen angesiedelt wurde, oder unsere Frankfurter Spitzmaul-Nashörner, mit denen wir die Wildpopulation in Afrika genetisch auffrischen konnten. Aber wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, wir könnten alles im Zoo nachzüchten und wenn die Art dann in freier Wildbahn ausgestorben ist, setzen wir die Zootiere dort einfach wieder aus. Erste Priorität muss es sein, die Tiere in ihren natürlichen Lebensräumen zu erhalten. Auch darüber müssen wir die Besucher aufklären.

Und wenn der letzte Eisbär am Pol verschwunden ist und Sie noch einige Exemplare zeigen könnten?

Niekisch: Das wären dann ökologische Zombies, die man nur bestaunen könnte, mehr nicht. In freier Wildbahn könnte man keinen der im Zoo geborenen Eisbären aussetzen, die sind für das Leben dort einfach nicht zu gebrauchen. Insbesondere aber schwindet ja ihr Lebensraum. Artenschutz heißt hier also vor allem Klima-und Lebensraumschutz.

Interview: Thomas Wolff

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