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Ticona-Umzug "Wir wären lieber in Kelsterbach geblieben"

Ticona-Chef Joachim Gersdorf zur Zukunft des Chemie-Werks am Standort Höchst und das Geschäft mit Fraport.

11.01.2008 00:01
Foto: FR-Infografik

Das Regierungspräsidium hat im Dezember mitgeteilt, es starte mit dem Genehmigungsverfahren für den Umzug von Ticona von Kelsterbach in den Industriepark Höchst. Wann wird die neue Anlage in Betrieb gehen?

Wir haben uns verpflichtet, die Produktion in Kelsterbach bis Juni 2011 einzustellen. In einer Übergangszeit werden wir aber an unserem jetzigen Standort und in Höchst parallel fertigen müssen, um Abläufe testen zu können.

Wann werden Sie die Test-Produktion in Höchst aufnehmen?

Da kann man jetzt noch kein genaues Datum nennen. Aber sicher noch im Jahr 2010.

Was passiert mit der Anlage in Kelsterbach, wer trägt die Kosten für Demontage und Altlast?

Wir. Der Gesamtbetrag, den wir von Fraport für den Umzug bekommen haben, deckt alles ab: die Investition in die neue Anlage in Höchst, den Abbau der alten Anlage in Kelsterbach und die Testproduktion, die sehr teuer ist.

Wie hoch wird die Kapazität in Höchst sein?

Derzeit haben wir in Kelsterbach eine Kapazität von 110 000 Jahrestonnen. In der ersten Stufe werden wir in Höchst 140 000 Tonnen fertigen. Die Genehmigung der neuen Anlage ist aber auf 170 000 Tonnen ausgelegt.

Ist die Erweiterung wirtschaftlich notwendig?

Ja, die Nachfrage am Markt erfordert das. Wir sind Marktführer, und wollen wir das bleiben, müssen wir die Kapazität steigern. Wir hätten auch in Kelsterbach ausbauen müssen.

Was hat den Ausschlag für den Standort Höchst gegeben?

Wir wollten das Know-how der Mitarbeiter halten und den Übergang der Produktion sichern. Daneben gab es zwei Hauptfaktoren: Die effiziente und sichere Energieversorgung in Höchst. Und durch die Nähe zum Main ist die Versorgung mit Rohstoffen gewährleistet.

Neben Höchst und Wiesbaden haben 50 weitere Standorte um Ticona gebuhlt. Was hat Höchst von seinem neuen Mieter?

Ticonas Konzernmutter Celanese ist Miteigentümerin des Höchster Industrieparkbetreibers Infraserv. Je mehr Mieter im Industriepark sind, um so besser und wirtschaftlicher sind die Infrastrukturanlagen dort ausgelastet. Insofern profitieren alle von dieser Lösung.

Ticona bezahlt Infraserv für Dienste und Energie. Zahlen Sie auch Pacht für die zehn Hektar Fläche?

Ja. Wir haben die zehn Hektar ab 1. Januar 2008 gepachtet, seit dem zahlen wir Pacht.

Wie hoch ist die?

Wir zahlen das, was die anderen Unternehmen auch zahlen.

Ist Ihnen Infraserv preislich entgegen gekommen, um vor Wiesbaden zum Zug zu kommen?

Nein. Die Infrastrukturleistungen sind für alle am jeweiligen Standort vertretenen Firmen gleich.

Fraport zahlt Ticona 670 Millionen Euro für den Umzug. Sie bekommen eine moderne Anlage, mit der sie mit weniger Leuten viel mehr produzieren können. Ein Bomben-Geschäft, oder?

Wir wären lieber in Kelsterbach geblieben. Der Standort ist wettbewerbsfähig, und wir hätten auch hier expandieren können. Mit dem Umzug verlieren wir ein Gelände von 35 Hektar an Fraport, in Höchst sind wir nur Pächter, kein Eigentümer mehr. Zudem kommen hohe Kosten im Zuge des Umzugs auf uns zu. Es sind viele Faktoren, die aufsummiert werden.

Unterm Strich machen Sie doch einen ordentlichen Gewinn?

Nicht mit dieser Zahlung. Wie gesagt: Wir haben einen großen Kostenaufwand in der Phase des Übergangs.

Nun sagen Sie bloß, Sie müssten noch drauflegen.

Wir hoffen nicht. Aber wir werden auch keinen Gewinn durch die Fraport-Zahlung machen.

Die Belegschaft finanziert den Umzug mit. 100 Leute verlieren ihren Job. Und die, die bleiben dürfen, müssen länger arbeiten.

Kein Mitarbeiter verliert durch Kündigung seinen Arbeitsplatz. Wir schaffen den Abbau sozial verträglich.

Wie das?

Von den 100 Stellen, die verloren gehen, waren die Hälfte im Bereich Infrastruktur angesiedelt. 25 Leute aus dem Energiebetrieb wechseln zu Infraserv, fünf weitere zu Fraport, 20 Mitarbeiter werden über Altersteilzeit ausscheiden. Die anderen 50 Stellen hätten wir im Zuge der Produktivitätserhöhung in den kommenden Jahren ohnehin abgebaut. Jetzt machen wir es in einem Zug.

Bleibt es bei den 100 Stellen?

Es bleibt bei den 100 Stellen.

Profitiert künftig die Stadt Frankfurt durch Gewerbesteuereinnahmen?

Das hängt in erster Linie vom künftigen Standort unserer Hauptverwaltung ab.

Da müssten Ihnen doch die Kommunen die Tür einrennen?

Wir sind in Gesprächen. Aber wir haben weder über den Standort entschieden, noch geklärt, ob wir selbst bauen oder mieten. Wir brauchen Platz für rund 350 Leute. Wir suchen im Rhein-Main-Gebiet entlang der A3 und A 66.

Wann fällt die Entscheidung?

Noch in diesem Jahr.

Sehen Sie die Gefahr, das Flughafenausbaugegner oder die Bürgerinitiativen im Frankfurter Westen, den Ticona-Umzug noch stoppen können?

Das glaube ich nicht. Die Flughafenausbaugegner irren, wenn sie glauben, sie würden den Flughafenausbau aufhalten, wenn sie unseren Umzug verhinderten. Wir müssen zum Juni 2011 Kelsterbach räumen. Das ist vertraglich so vereinbart, das ist eine Einbahnstraße. Und was das Argument der Wechselwirkung mit anderen Anlagen im Industriepark Höchst angeht, kann ich nur sagen: Wir sind als guter Nachbar und sehr sicherer Produzent seit über 40 Jahren bekannt.

Die Initiativen argumentieren, dass mit Ticona die Schadstoffbelastung deutlich steigen wird.

Unser Beitrag an Schadstoffen ist praktisch Null.

Aber Ticona ist immerhin als Störfallbetrieb klassifiziert?

Von der Prozesssicherheit her unterliegen wir der Störfallverordnung, aber bei den Schadstoff-Emissionen bleiben wir weit unter den Relevanzschwellen. Von daher wäre es kein negativer Beitrag zur Addierung von Emissionen am Standort Höchst. Im Erörterungsverfahren werden wir darlegen, dass wir zwar die Kapazität erhöhen, der Prozess aber der gleiche ist wie bisher. Wir werden weiterhin nicht einmal in die Nähe der Schwellen kommen.

Die heftige Diskussion um die riesige Müllverbrennungsanlage macht Ihnen keinen Kummer?

Für unseren Genehmigungsprozess sehen wir keine Überlappung. Unser Genehmigungsantrag zur Ansiedlung unserer Anlage im Industriepark hat in unseren Augen nichts mit dem Ersatzbrennstoff-Verfahren zu tun. Dass die Müllverbrennungsanlage kommen soll, war schon vorher entschieden und kein Kriterium für unsere Standort-Entscheidung.

Interview: Wolfgang Schubert und Peter Dietz

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