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Nieder-Roden Hinter der China-Mauer

Noch ist nicht viel Optimismus zu spüren in Rodgaus größtem Stadtteil. Nieder-Roden tut sich schwer, mehr als eine Schlafstadt zu sein. Dabei gibt es einige positive Entwicklungen.

Die Chinamauer in Nieder-Roden von der Kiesgrube aus gesehen. Foto: Monika Müller

Noch ist nicht viel Optimismus zu spüren in Rodgaus größtem Stadtteil. Nieder-Roden tut sich schwer, mehr als eine Schlafstadt zu sein. Dabei gibt es einige positive Entwicklungen.

Das in Rodgau regierende Bündnis, ein Zusammenschluss von SPD, Grünen, FDP und Freien Wählern, wird nicht müde, Aufbruchstimmung zu verbreiten. „Es rollt in Rodgau. Allenthalben ist im Stadtbild erkennbar, dass die Zeit der Stagnation vorbei ist. An vielen Stellen wird gebaut. Projekte werden konkret, die die Stadt vorwärts bringen.“ So hat das Bündnis neulich eine Fahrradtour zu den „Hot Spots der Stadtentwicklung“ beworben. Noch ist dieser Aufbruch allerdings ein zartes Pflänzlein.

Besonders in Nieder-Roden, dem größten Stadtteil der künstlich zusammengefügten 45.000-Einwohner-Stadt südöstlich von Frankfurt, ist bislang nicht viel Optimismus zu spüren. Erstmals seit Jahren wird dort zwar groß gebaut; ein Medicum getauftes großes Ärztezentrum entsteht direkt am Bahnhof, der Verbindung vom alten Ort zu dem in den 60er und 70er Jahren entstandenen deutlich größeren Neubaugebiet. Doch noch klafft nur die Grube für ein Parkhaus, das Ärztehaus selber, ein seit Jahren geplantes Projekt, wird nicht vor Frühjahr 2014 fertig sein.

Niemand behauptet, dass es sich in dem im Süden Rodgaus gelegenen Stadtteil mit gut 15.000 Einwohnern nicht gut wohnen lässt. Direkt hinter den Hochhäusern des neuen Nieder-Roden liegt ein großer Badesee, mit dem Rad gelangt man schnell ins Grüne. Zwei S-Bahn-Stationen, davon eine in der Siedlung Rollwald, verbinden Nieder-Roden mit Frankfurt. Der Fluglärm ist vergleichsweise gering. Der Kindergartenbesuch ist kostenfrei. Doch vieles fehlt. Neidisch schauen manche Richtung Seligenstadt oder Dieburg – kleine aber gewachsene Städte, in denen mehr los ist als in ihrer Schlafstadt.

Wenige Meter von der Baustelle am Bahnhof entfernt, am Puiseauxplatz, ist Tristesse zu spüren. Passanten huschen an leeren Schaufenstern vorbei. Nachmieter für die zuletzt vom Textil-Discounter Kik und der Drogerie-Kette Schlecker genutzten Geschäfte gibt es bisher nicht. Der Platz zwischen dem evangelischen Gemeindezentrum und dem Sozialzentrum, das auch die Stadtteilbücherei beherbergt, ist fast leer.

Früher nichts als Dörfer

Rodgau ist eine verspätete Stadt. Fast alles, was Städte dieser Größenordnung ihren Bürgern in der Regel bieten, fehlt bis heute. Es gibt kein Schwimmbad, keine Polizeistation, keine Stadtbibliothek, schon gar kein Krankenhaus oder ein Amtsgericht. Das Kreishaus ist in Dietzenbach entstanden. Eine gemeinsame Identität der Stadtteile entlang der Rodau entwickelt sich sehr langsam. Diskussionen über ein „Rodgau-Bewusstsein“ zeigen, wie schwach dieses 35 Jahre nach der Gebietsreform noch ausgeprägt ist. Das hat auch geografische Gründe. Von Norden nach Süden misst die Stadt zwölf Kilometer.

Nichts als Dörfer waren die heutigen Stadtteile Weiskirchen, Hainhausen, Jügesheim, Dudenhofen und Nieder-Roden in den Fünfziger Jahren. Keine 3000 Menschen wohnen noch 1950 in Nieder-Roden, einem katholisch geprägten Straßendorf mit einem kleinen Zentrum rund um Kirche und Volksschule. Die Bewohner leben in bescheidenen Verhältnissen, viele verdienen ihr Geld als Arbeiter oder in Heimarbeit für die Offenbacher Lederfabriken.

In den Sechziger Jahren wächst Nieder-Roden rasant. Mehr als Tausend neue Bewohner ziehen allein 1966 in die damals noch selbstständige Gemeinde. In Frankfurt herrscht Wohnungsnot, die Menschen wollen ins Grüne. In Verkaufsprospekten wirbt das Siedlungswerk Nieder-Roden mit dem baldigen Bau der S-Bahn – auf die die Bewohner allerdings mehr als 35 Jahre warten müssen.

Gartenstadt Rhein-Main nennt sich das neue Viertel an der Kiesgrube, die parallel zu den Neubauten wächst. Bundeswohnungsbauminister Lauritz Lauritzen legt Ende 1970 den Grundstein für ein damals modernes Terrassenhaus. Schon die Straßennamen klingen verführerisch – „Seestraße“ und „Strandpromenade“.

Einer von denen, die es nach Nieder-Roden verschlägt, ist der Schriftsteller Gerhard Zwerenz. Er ist geschockt. Viel zu schnell ist das Dorf gewachsen. Die versprochene Anbindung an die Schnellstraße gibt es 1971 noch nicht, Läden und Schulen fehlen. Lärm und Dreck rauben ihm die Nerven. „Nieder-Roden ist überall, wo gebaut wird, und neue Siedlungen entstehen. Das muss wissen, wer die alten hässlichen, vergifteten Städte verlassen will. Er muss wissen, was die glanzkaschierten Prospekte versprechen und was sie halten“, schreibt er in seinem „Bericht aus dem Landesinneren“. „Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“ wird sein folgendes Buch heißen.

Auf das Fünffache gewachsen

„Macht kaputt, was Euch kaputt macht“, singt Rio Reiser im selben Jahr. Er ist im neuen Teil von Nieder-Roden aufgewachsen, wo er den Gitarristen R.P.S. Lanrue kennenlernt. Gemeinsam spielen sie in zwei Bands, bevor sie in Berlin die Gruppe Ton Steine Scherben gründen. Später wird eine dritte Nieder-Röderin zu ihnen stoßen, Britta Neander. Heute sind selbst die Lokalpolitiker stolz auf die Musiker. Der Platz für ein Denkmal, das an die drei erinnern soll, ist schon ausgesucht.

In der selben Zeit entsteht das markanteste Bauwerk des Stadtteils. Der weithin sichtbare 300 Meter lange Gebäuderiegel bekommt rasch den Namen Chinesische Mauer verpasst. Schön ist die China-Mauer nicht, wohnen lässt es sich in den Maisonette-Wohnungen offenbar prima. Dennoch ist niemand traurig, dass der ursprüngliche Plan, das Gebäude auf 900 Meter zu erweitern, nicht mehr umgesetzt wurde.

Auf das Fünffache ist Nieder-Roden in wenigen Jahrzehnten gewachsen. Ein echtes Zentrum ist aber nicht entstanden. Die Geschäfte verstreuen sich über ganz Nieder-Roden, Treffpunkte sind rar, das Bürgerhaus liegt weit ab von den größten Wohngebieten.

Hoffnungsschimmer gibt es durchaus. Die evangelische Kirche will ihr schmuckloses Gemeindezentrum am Puiseauxplatz zu einer Kirche ausbauen, die Stadtteilbücherei soll etwas erweitert werden. Der Kulturverein Impuls organisiert erstmals ein Festival am Strandbad. Dem Arbeitskreis für Heimatkunde ist es gelungen, den Alten Ort wieder mehr zu beleben. Auf dem früheren Feuerwehrgelände sollen Wohnungen für Senioren entstehen, der Alte Friedhof sich in einen kleinen Park verwandeln. Aufbrüche gibt es, den großen Aufbruch noch nicht.

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