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Hanau Weststadt Stadtteil vom Reißbrett

Die Hanauer Weststadt wurde in der 60er Jahren für die wachsende Bevölkerung angelegt. Heute leben dort 10.000 Menschen aus 37 Nationen.

Auf dem Kurt-Schumacher-Platz steht fast die Hälfte der Geschäfte leer. Die      kleinen Ladenlokale sind nicht mehr zeitgemäß, die Mieten trotzdem teuer. Foto: Renate Hoyer (4)

Eine Gruppe junger Mütter sitzt plaudernd auf einer Bank, daneben quellen aus einem Abfallkorb Saftpackungen. Ein Junge vollführt Kunststücke auf dem Rad, andere spielen Fußball. Immer wieder kracht das Leder gegen eines der leeren Schaufenster. In einer Ecke hocken mehrere Jugendliche zusammen und beobachten scheinbar gelangweilt Passanten, die bei Lidl einkaufen. Dort herrscht reger Betrieb, doch fast die Hälfte der anderen Ladenlokale ist verwaist, ihre zugeklebten Fronten verbreiten Tristesse.

Eine alltägliche Szenerie auf dem Kurt-Schumacher-Platz, dem Herzen der Hanauer Weststadt und gleichzeitig ihrem Sorgenkind. Hier treten die typischen Probleme zutage, wie man sie von vielen Vierteln kennt, die in den 60ern am Reißbrett entstanden: Leerstand in den Ladenzeilen, Müll auf der Straße, heruntergekommene Hochhäuser, wo in zu kleinen Wohnungen zu viele Menschen mit zu wenig Arbeit leben.

Friseur Rolf Simon betreibt seit mehr als 20 Jahren seinen Salon am Kurt-Schumacher-Platz, er lebe von Stammkundschaft, sagt er. Vor allem der viele Abfall stört ihn: „Die Stadt müsste öfter leeren.“ Einen Einbruch in sein Geschäft im Frühjahr hat er weggesteckt, vertreiben konnte ihn das nicht: „Abends bin ich ja weg.“

Es fehlen Arbeitsplätze

Die Weststadt ist ein „stilreines Kind ihrer Zeit“, sagt der Leiter des Stadtplanungsamts Hans-Ulrich Weicker. In den 60er Jahren wollte man sich abgrenzen von den Vorlieben der Nationalsozialisten für Straßenachsen und monumentale Bauten. Die neuen Viertel sollten Wohnen, Arbeiten und Nahversorgung gleichermaßen beherbergen, die Bewohner in wenigen Minuten Fußweg alles erledigen können. Und auch das ist typisch: Mehrere Grünzonen durchziehen die Weststadt, erschlossen wird sie über einen Ring, von dem ein kleinteiliges Straßen- und Wegenetz abgeht.

Im Zentrum dominieren Hochhäuser und viergeschossige Blocks, um sie gruppieren sich Bungalows, Atriumhäuser und auch frei stehende Einfamilienhäuser. So sollten sich in einem Quartier die verschiedenen Bevölkerungsschichten begegnen.

Bis Ende der 70er Jahre habe das gut funktioniert, sagt Weicker. Bis heute lebt im „Speckgürtel“ der Weststadt noch die „gutbürgerliche“ Klientel, darunter viele Ersteigentümer. Die Probleme am Kurt-Schumacher-Platz, aber auch in Hochhäusern an der Dresdner Straße und am Herderweg seien aufgetaucht, als die „untere Mittelschicht“ wegblieb, erklärt Weicker. Als einen Hauptauslöser dafür nennt er die Fehlbelegungsabgabe: „Viele, für die sie fällig geworden wäre, weil sie trotz höheren Einkommens in einer Sozialwohnung lebten, sind dann lieber weggezogen.“ Die Folge: Eine Abwärtsspirale setzte sich in Gang.

In den 90er Jahren ließen sich zudem geballt Spätaussiedler aus dem ehemaligen Ostblock in der Weststadt nieder; die meisten ohne Deutschkenntnisse und bis heute mit erheblichen Integrationsschwierigkeiten. „Bildungsverlierer“ nennt sie Wolfgang Reis, Leiter des Amts für soziale Prävention bei der Stadt. Die „Russlanddeutschen“ bilden heute die größte Gruppe unter den vielen Ethnien in der Weststadt. Manche seien sich untereinander nicht grün, sagt Reis; einige Anwohner reden von Banden.

Mustafa Jebabli kennt die Weststadt seit vielen Jahren. Der gebürtige Tunesier lebt in einem der kleineren Blocks, hat schon den Bau der Weststadt miterlebt und trägt im Quartier Zeitungen aus. „Diese Jugendlichen haben Probleme, ihre Rolle zu finden, ihnen fehlt Arbeit und Ausbildung.“ Deshalb wegziehen? Für den 62-Jährigen kommt es nicht infrage, er schätzt die gute Nachbarschaft und das viele Grün.

Auch Cheeta Chatterjee, Leiterin des Stadtteilbüros, findet die Weststadt besser als ihren Ruf. Sie mag den bunten Mikrokosmos, freut sich, wenn die Türkin afghanischen Frauen Deutschunterricht gibt – „und das toll funktioniert“. Die negativen Schilderungen schätzt sie als „überspitzt“ ein. Noch nie habe sie Bedrohliches erlebt, nie Drogenkonsum oder Leute mit Waffen gesehen, „auch nicht abends“. Ein eigens eingerichteter Wachdienst sei nach drei Monaten wieder abgeschafft worden, „weil nie etwas vorgefallen ist“. Dass das subjektive Empfinden oft anders ist, kann sie aber verstehen. „Es gibt Ecken, wo zehn Jugendliche rumhängen, da fühlen sich vor allem ältere Menschen oft unbehaglich.“

Keine Kriminalitätshochburg

Polizeioberkommissar Peter Jüngling sind solche Ängste vertraut. Der Kesselstädter ist in der Weststadt der „Schutzmann vor Ort“. Den Kurt-Schumacher-Platz sieht er durchaus als „sozialen Brennpunkt“, insbesondere das Hochhaus, „wo keine drei Tage vergehen, ohne dass eine Streife dort hin muss“. Insgesamt sei die Kriminalitätsrate aber nicht höher als in der Innenstadt, im Gegenteil, die Zahl der Einbrüche sogar niedriger.

Jürgen Schreiber (SPD), Ortsvorsteher in Kesselstadt, schätzt die Lage ähnlich ein. Sie sei „nicht dramatisch“, ein „Gegensteuern“ aber wichtig. „Es ist abzusehen, dass es nicht besser wird.“ Schreiber wünscht sich eine Aufnahme in das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“.

Auf manche Missstände haben jedoch weder Stadt noch Staat Einfluss: Denn die Häuser mit den meisten Problemen gehören ebenso wie die Ladenlokale privaten Eigentümern. „Sie lassen ihre Immobilien verrotten“, drückt es Amtsleiter Reis drastisch aus. Zudem sind die meisten Wohnungen viel zu klein für Familien, die Hausverwaltungen wechseln oft. Versuche städtischer Mitarbeiter, mit den Besitzern eine Lösung für die Leerstände der Läden – etwa durch günstigere Mieten – zu finden, scheitern regelmäßig.

Um wenigstens den Platz selbst zu verschönern, hat die Stadt auf Initiative des Ortsbeirats jüngst 2500 Euro in neue Bänke und Blumenkübel investiert, das Weststadtbüro organisiert zudem regelmäßiges Müllsammeln. Auf Dauer jedoch wird das nicht ausreichen, sagt Reis: „Der Kurt-Schumacher-Platz braucht dringend eine Neustrukturierung.“ 2013 werde sich die Politik gezielt mit den Stadtteilen beschäftigen, kündigte Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) an. Auch die Zukunft der Weststadt soll dann auf der Agenda stehen.

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