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Hanau-Großauheim/Wolfgang Wo einst Soldaten lebten

Verlassene Kasernen und Fachwerkidyllen: Der Hanauer Stadtteil Großauheim/Wolfgang ist ein sehr heterogenes Gebilde - und verändert sich rasant, seit Ende 2007 die US-Army abzog und viel Platz hinterließ.

Begehrt: Die Offiziershäuser in New Argonner waren schnell verkauft. Foto: Rolf Oeser

Verlassene Kasernen und Fachwerkidyllen: Der Hanauer Stadtteil Großauheim/Wolfgang ist ein sehr heterogenes Gebilde - und verändert sich rasant, seit Ende 2007 die US-Army abzog und viel Platz hinterließ.

Wie sich der Eindruck verändert hat: Früher bewachten hier bewaffnete Uniformierte den Eingang. Militärfahrzeuge und US-Soldaten prägten das Bild, dazu Läden, Kneipen und Betriebe, die sich ganz auf die amerikanische Klientel eingerichtet hatten. Heute wirkt das riesige Areal der Pioneer-Kaserne an der Bundesstraße 8 in Hanau-Wolfgang leer und verlassen. Gras und Unkraut wuchern in dem immer noch umzäunten Gelände, durch Dutzende toter Fenster fällt der Blick in kahle Dunkelheit. „Früher blieben mir die Amis fremd, sie waren halt da, heute fehlen sie mir fast ein bisschen“, sagt eine Anwohnerin aus der nahen Wohnsiedlung Wolfgang, die wie ein kleines gallisches Dorf von ehemaligen Militärflächen umzingelt ist.

Tatsächlich umgibt die seit mehr als drei Jahren leerstehende Pioneer-Kaserne, die als „Tor zu Europa“ einst die erste Station für alle GIs außerhalb der USA war, eine melancholisch-geheimnisvolle Aura. Doch dieser Zustand wird nicht mehr lange anhalten.

Längst arbeiten die Stadt Hanau und die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben als Eigentümerin der ehemaligen US-Liegenschaften an der Zukunft der gewaltigen Fläche; mit 63 Hektar war es einst die größte Kaserne in Hanau. Dabei zeichnet sich ab, dass sich die Nutzungen umkehren werden, wie Martin Bieberle, Leiter des Fachbereichs Stadtentwicklung bei der Kommune, sagt: Wegen der Lärm- und Geruchsbelastung durch die nahen Dunlopwerke und der wenig ansprechenden Optik wird die „Housing Area“ auf der anderen Seite der B8 vermutlich abgerissen – während Teile der alten Kaserne mit ihrem denkmalgeschützten fächerförmigen Ensemble für Wohnen infrage kämen.

Bis zu 20.000 Amerikaner lebten einst in Hanau

Kein Stadtteil in Hanau verändert sich derzeit so rasant wie Großauheim/Wolfgang. Das hängt vor allem mit dem Abzug der US-Army Ende 2007 zusammen, der derart viel Platz geschaffen hat, dass es wohl bis Ende des Jahrzehnts dauern wird, alle Flächen mit neuem Leben zu füllen.
Bis zu 20.000 Amerikaner lebten einst in Hanau, ein großer Teil von ihnen in den Anlagen in Wolfgang und Großauheim. Außer der Pioneer- stehen auch die Underwood-, die Großauheim- und die Wolfgang-Kaserne noch komplett leer. Sie alle werden künftig wohl Raum bieten für Gewerbe; Letztere vermutlich als Expansionsfläche für den benachbarten Industriepark mit seinen großen Firmen wie Evonik oder Degussa.

Fast fertig ist mittlerweile das neue Wohnviertel „Argonnerpark“ auf dem Gelände der New-Argonner-Kaserne, wo heute 1000 Menschen leben. Etliche Neubauten sind entstanden, aber auch alter Bestand wurde modernisiert. Die Nachfrage war groß – insbesondere nach den 39 hübschen Offiziershäuschen mit typisch amerikanischem Flair – eines davon hat der Oberbürgermeister mit Familie bezogen.

Viele Bewerber soll es auch für die gegenüberliegende Old-Argonner-Kaserne geben. Martin Bieberle geht davon aus, dass noch in diesem Jahr ein Kaufvertrag mit einem Investor abgeschlossen und das Areal ab 2014 entwickelt wird. Reizvoll sind dort die dicht gewachsenen hohen Bäume, die dem Gebiet fast den Charakter eines Waldes verleihen. Erhaltenswert, wenn auch in dunkler Zeit entstanden, sind die denkmalgeschützten Gebäude, die 1937 für die Wehrmacht errichtet wurden. Zudem gibt es in Old Argonner eine in Hanau einzigartige Sehenswürdigkeit besonderer Art: das Schafott, auf dem vor 150 Jahren der letzte arme Teufel hingerichtet wurde.

Eine belebte Insel inmitten des abgesperrten Old-Argonner-Areals existiert bereits: In der ehemaligen „Elementary School“ der Amerikaner werden seit 2010 lernschwache und behinderte Kinder in der neuen „Elisabeth-Schmitz-Schule“ unterrichtet, die aus der Fusion zweier Hanauer Förderschulen entstanden ist.

Przewalski-Pferde grasen heute auf dem Übungsplatz

Die spektakulärste Verwandlung aber hat eine Fläche erfahren, die nicht einmal umgebaut wurde: Wo einst Soldaten auf dem Übungsplatz „Campo Pond“ den Ernstfall probten, grasen heute friedlich Przewalski-Urwildpferde; das Artenschutzprojekt ist mit dem Preis „Naturschutz in der Stadt“ ausgezeichnet worden.

Das Kontrastprogramm zu all den großen ehemaligen Militärflächen und der prosperierenden Hightechindustrie in Wolfgang bietet sich einen Kilometer weiter im Ortskern von Großauheim: eine liebenswerte Mischung aus früher Stadtarchitektur mit stattlichen Backsteinhäusern und heimeliger Fachwerkidylle. Aber auch das gehört dazu: Die Bahn durchschneidet Großauheim gleich mehrfach, was Autofahrer über langes Warten und die Anwohner über Lärm stöhnen lässt.

Von den engen Gassen Richtung Main bietet sich manch verheißungsvoller Ausblick auf den Fluss, der Großauheim ein reizvolles Naherholungsgebiet und Anfang des 20. Jahrhunderts viel Industrie beschert hat – sowie in jüngerer Vergangenheit das Technofestival „Love Family Park“, das alljährlich an einem Sonntag im Sommer Zehntausende Raver aus ganz Europa anzieht; nicht nur zur Freude der Nachbarn.

Die Einkaufsstraße braucht mehr Leben

Eher beschaulich geht es dagegen auf dem Wochenmarkt am Rochusplatz zu, die Hauptstraße mit ihren vielen Läden indes könnte etwas mehr Trubel vertragen: Etliche Geschäfte versprühen den Charme zurückliegender Jahrzehnte. „Es muss etwas passieren, um die Einkaufsstraße zu vitalisieren“, sagt Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD), der in Großauheim aufgewachsen ist; in den nächsten Jahren will die Stadt dafür Geld investieren.

Auch in Großauheim gibt es einige Neubaugebiete, die meisten Menschen hier allerdings sind Alteingesessene, während in Wolfgang die Zugezogenen bald die Mehrheit bilden werden. Ein gemeinsames Identitätsgefühl gibt es nicht, Großauheim/Wolfgang ist ein höchst heterogenes Gebilde. Die Großauheimer sind ein Völkchen für sich – und wären es auch am liebsten geblieben. Nur deshalb hatten sie sich 1972 übrigens das damals wegen seiner Industrie reiche Wolfgang einverleibt: Die Großauheimer hofften so der Eingemeindung nach Hanau bei der Gebietsreform 1974 zu entgehen. Genutzt hat es nichts: Und so gehört man seit fast 40 Jahren nicht nur zu Hanau, sondern eben auch zusammen.

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