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Stadtallendorf Vielvölkerstadt im Grünen

In der Hessentagsstadt Stadtallendorf leben Menschen aus 70 Nationen meist friedlich zusammen. Von Gesa Coordes

Nicht mehr lange so beschaulich. Die Stadtallendorfer Fußgängerzone kurz vor dem Hessentag. Foto: Rheker/FR

Eine Moschee mit meterhohem Minarett, eine schwarze Faschingsprinzessin, Impressionen von "Klein-Istanbul" und eine eigene Villa für die italienischen Saisonarbeiterinnen. Auf den ersten Blick könnte Stadtallendorf eines der Ziele des Hessentages wie kaum eine andere Stadt in Hessen verkörpern: Zuwanderer und Alteingesessene zusammenzubringen, war nämlich einst der Sinn des großen Festes.

Mehr als die Hälfte der Bürger dieser Stadt haben ihre Wurzeln in der Türkei, Russland, Italien, Polen oder Griechenland. Jeder Vierte hat einen ausländischen Pass.

Zu verdanken hat die mäßig attraktive Industriestadt dies ihrer ungewöhnlichen Geschichte. Erst während des Zweiten Weltkrieges wurde aus dem Dorf Allendorf eine Stadt. Die Nationalsozialisten zogen 1938 und 1939 zwei der größten Sprengstoffwerke Europas in dem 1500-Seelen-Ort hoch. 17000 Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge mussten hier bis Kriegsende die Rüstungsproduktion gegen ihre eigenen Heimatländer aufrechterhalten.

Nach 1945 zogen Flüchtlinge und Vertriebene - vor allem aus dem Sudetenland - in die leer stehenden Baracken und siedelten südlich des alten Ortskerns. Aus dem Gelände der früheren Sprengstoffwerke wurde ein Industriegebiet. Die Unternehmen brauchten Arbeitskräfte. Vor allem Italiener, Türken, Griechen und Jugoslawen kamen in den 60er und 70er Jahren, um in der Eisengießerei Winter oder bei dem Süßwarenhersteller Ferrero zu arbeiten, der in Stadtallendorf seinen deutschen Produktionsstandort aufbaute.

Bis heute prägen viele südländisch aussehende Menschen das Straßenbild. Türkische, italienische und russische Spezialitäten sind in der Kleinstadt problemlos zu haben. Mancher Straßenzug erinnert Besucher gar an "Klein-Istanbul". Eine gemeinsame Identität ist dabei aber kaum entstanden. Ausnahme war das Faschingsprinzenpaar von 2007: Sie dunkelhäutig, er Moslem. Dagegen sind Migranten im Stadtparlament der tiefschwarzen Kommune rar: Unter den 37 Abgeordneten sind gerade eine Deutsch-Türkin und ein Russlanddeutscher.

Meist leben die 70 verschiedenen Nationen nebeneinander her, erzählt Claus Schäfer vom Büro für Integration. Immerhin ist Gewalt zwischen den vielen Völkern selten geworden. Anfang der 90er Jahre lieferten sich junge Türken und Aussiedler noch heftige Schlägereien. Seitdem sind zahlreiche Integrationsprojekte entstanden, die von Hausaufgabenhilfe über Elternschule, Sprachförderung und Ferienprogramme bis zu den Sportinitiativen der Stadtallendorfer Eintracht reichen.

Die im orientalischen Stil errichtete Fatih-Moschee mit Kuppel und Minarett wurde 2004 ohne jeden Protest gebaut. Während des Hessentages wird dort nicht nur ein türkischer Derwisch auftreten, sondern auch eine jüdische Tanzgruppe - Zeichen der Offenheit auf beiden Seiten.

Dass im März 2009 ein Brandanschlag auf die Moschee verübt wurde, traf die Stadtallendorfer Moslems wie ein Schock. Zwei Deutsche hatten das Feuer, bei dem niemand verletzt wurde, aus Frust über ein verloren gegangenes Fußballspiel gelegt. Am Mittwoch wurden sie zu Bewährungsstrafen von 18 und 22 Monaten verurteilt. Der Vorsitzende der türkisch-islamischen Gemeinde nahm die Entschuldigung der Täter an.

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