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Roland Kochs Karriere Mit aller Macht

"Das war einer von denen, die immer rausgewählt werden." - Ein Aufstieg ohne Fall: Wie Roland Koch vom Außenseiter zum Spitzenpolitiker wurde. Von Stephan Hebel

Immer den Blick nach oben: Hessens Ministerpräsident Roland Koch, CDU. Foto: rtr

"Das war einer von denen, die immer rausgewählt werden." Nun ja, ein Satz für die Geschichtsbücher ist das nicht. Nicht über Roland Koch. Nicht über den 150-Prozent-Politiker. Nicht über den Mann, der noch aus seinen wenigen halben Niederlagen ganze Siege macht. Nicht über den Strategen, der ein politisches Leben lang in fast alles "reingewählt" wurde, was er wollte. Und doch ist es ein Satz über Roland Koch. Der wird es verschmerzen, denn es geht nicht um Politik. Es geht um jene ferne, fremde Welt, die man "wirkliches Leben" nennt.

Im wirklichen Leben gibt es ein hartes Jungs-Ritual: Wenn auf dem Bolzplatz zwei Mannschaften zu bilden sind, suchen sich die zwei besten Fußballer immer abwechselnd ihre Mitspieler aus. Arm dran schon derjenige, der als Letzter gebraucht wird, um die Teams zu komplettieren. Doch wenn es das gnadenlose Gebot der gleichen Anzahl an Spielern verlangt und die Plätze im Tor schon vergeben sind, dann bleibt einer endgültig übrig: "rausgewählt".

Leute, die außer in der Schülervertretung auch auf dem Fußballplatz pubertiert haben, kennen das als brutales Auslese-Verfahren. Generationen von Brillenträgern haben es durchlitten. Koch wahrscheinlich nicht, soweit es sich aus Zeugenaussagen rekonstruieren lässt, und doch enthält der Satz mit dem "Rauswählen", der einem ehemaligen Schulkameraden entfährt, viel Wahres.

Im eher dörflichen Eschborn, wo der kleine Roland aufwuchs, war er, wenn nicht Außenseiter, so doch mindestens Sonderling. Hätte er aufwachsen wollen wie die meisten Jungs seiner Generation, mit den gleichen Kämpfen und Kämpfchen, dann hätte er wohl keine Chance gehabt. Ja, sie hätten ihn "rausgewählt", den braven Anwaltssohn mit dem pickligen Gesicht, dem Grundbedürfnisse seiner Generationsgenossen wie ungehemmter Haarwuchs und das Tragen von Nietenhosen immer fremd blieben.

Aber er, im Revoltenfrühling 1968 zehn Jahre alt geworden, wollte gar nicht hinein in die tonangebenden "Mannschaften", die mit Partys und Parolen gegen die Eltern rebellierten. Roland Koch hatte sein eigenes Spielfeld. Da war mehr Papi als Hippie, denn es war die Arena, in der auch Vater Karl-Heinz schon spielte, einer der wichtigsten Honoratioren am Ort. Und es galten die Regeln, an die die anderen sich nicht mehr halten wollten: Geschäfts- und Kleider-, Tages-, Schieds- und andere Ordnungen. Regeln und Ordnungen, nach denen - und für die - Roland Koch bis heute kämpft. Die Regeln der organisierten Politik. Die Regeln seines Lebens.

Im kalten Winterwahlkampf 2009 springt Roland Koch auf die Bühne wie ein Popstar im Primaner-Look. Heute, am 7. Januar, dem kältesten dieser vielen kalten Tage, ist es die Stadthalle in Limburg an der Lahn. Abends, erzählt der Spitzenkandidat der hessischen CDU, müsse er noch nach Kassel zur Veranstaltung mit Angela Merkel. Und dann einer dieser Sätze, die keiner so formt wie Koch: "Hoffentlich hält sich der Schnee in angemessenen Dimensionen." Es klingt selbst beim Wetter noch ein Hauch von Bürokratie im Ohr. Als wäre der Schnee ein Demonstrant oder ein Haushaltsloch. Etwas, das es den für Koch "angemessenen Dimensionen" anzupassen gilt oder das sich ihnen, noch besser, von alleine anpasst.

Dirk Metz, Kochs Sprecher, Staatssekretär und Strippenzieher, sagt: "Er ist ein Problemlöser." Tarek Al-Wazir, Spitzenkandidat der hessischen Grünen, sagt: "Er ist politiksüchtig." Wahrscheinlich stimmt beides: "Problemlöser", das klingt nach Verwaltung und Vernunft statt nach Vision und Verblendung, und so ist es auch gemeint. So tritt Roland Koch in diesem Wahlkampf auf. Wer Probleme löst, der streitet nicht über Ideologien, sondern gegen Ideologen. So soll es wirken, so soll der rechte Hardliner, den Koch vor einem Jahr gab, vergessen gemacht werden.

Wahrscheinlich ist es sogar wahr: Dieser Hardliner war so wenig der "echte Koch" wie die gemilderte Ausgabe, die jetzt durch Hessen tourt. Der "echte Koch" ist womöglich genau der, den Al-Wazir "politiksüchtig" nennt. Einer, der nichts anderes kann und nichts anderes will als Politik zum Zwecke des Machterwerbs. Und der, wenn es dem Machterwerb dient, auch mal seine Meinung ändert.

An diesem Vormittag in Limburg ist der Ministerpräsident gut aufgelegt. Küsschen links, Küsschen rechts für die Karnevalsprinzessin, die zufällig auch eine CDU-Aktivistin ist - ein Raunen der 400 im Saal begleitet die emotionale Ausschweifung. Dann, an den alten Kumpel und langjährigen Finanzminister Karl-Heinz Weimar gerichtet, ein geradezu derber Scherz, den sich nur leisten kann, wer oft genug unter Älteren als Gesichtsältester verschrieen war: "So wie du aussiehst, bist du inzwischen der Dienstälteste." Das klassische Koch-Bild verschwimmt: Wo ist er geblieben, der verbissene Verteidiger des anständigen Abendlandes gegen Grüne, Kommunisten, Ausländer und Schulversager? Steht hier der neue, der menschliche, der milde Koch?

Gerd Mehler ist einer von denen, die Roland Koch gern mal rausgewählt hätten. Mehler, sieben Jahre älter, saß seit 1972 im Kreistag des Main-Taunus-Kreises, für die SPD. 1951 geboren, gerade noch ein 68er, könnte man sagen. Einer von denen, die sich doch einließen auf die ungeliebte Partei- und Parlamentspolitik, weil sie, mit Willy Brandt, das vom Studentenprotest aufgerüttelte Land reformieren wollten.

Vater Koch, Karl-Heinz, saß schon auf der Gegenseite, bevor auch sein Sohn 1977 ein Mandat gewann. Karl-Heinz Koch kannte man als einflussreichen und tatkräftigen Bürger im Kreis, seit er mit Frau und Sohn Mitte der Sechziger von Frankfurt nach Eschborn gezogen war. Eschborn, das Bauerndorf, und der ganze Main-Taunus-Kreis nahmen eine rasante Entwicklung. Entlang der Autobahn Frankfurt-Wiesbaden verwandelten sich die Äcker und Wiesen in riesige Gewerbeflächen - mancher Landwirt verdiente sich am Verkauf eher eine Platin-Nase als nur eine goldene. Die Unternehmen kamen reichlich, denn Eschborn unterbot das nahe Frankfurt gezielt mit niedriger Gewerbesteuer.

Karl-Heinz Koch, Wirtschaftsanwalt mit Büro an der Frankfurter Zeil, muss eine Art lebende Brücke von bäuerlicher Vergangenheit zu metropolitaner Zukunft gewesen sein. Einer, der sich auskannte, auch in der Wirtschaftswelt. Einer, der eher vermittelte als polarisierte. Ein im Auftreten bescheidener, überzeugter Konservativer, der es bis ins Amt des hessischen Justizministers bringen sollte. Im vergangenen Jahr ist Karl-Heinz Koch gestorben.

Nun also, 1977, hatte auch Sohn Roland, keine 20 Jahre alt, ein Mandat. Gerd Mehler, schon ein Erfahrener damals, aber noch im Juso-Alter, langhaarig und sicher kein Krawattenträger, erinnert sich noch gut an die ersten Auftritte des geschniegelten Jungunionisten: "Ich habe mich gewundert, dass man in so jungen Jahren arrogant, überheblich und besserwisserisch sein kann." Ja, er spielte anders als der Vater - härter, aggressiver -, aber er spielte auf demselben Feld.

Gerd Mehler hält gar nichts von den Spekulationen über den "wahren Koch". Schon 1999, als Koch sich den Ruf eines harten Rechtsauslegers redlich verdiente, warnte Gerd Mehler vor allzu eindeutigen Interpretationen. Koch hatte mit seiner Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft kaum verhohlen an fremdenfeindliche Strömungen appelliert und prompt die Landtagswahl gewonnen. "Aber damals schon", erinnert sich Mehler, "habe ich gesagt: Die Kampagne war Mittel zum Zweck, in der Politik wird nichts darauf folgen. Der Zweck war der Sieg, der ist erfüllt - und Ende." Will heißen: Den Überzeugungstäter Koch, den gibt es nicht. Und weil die Anti-Ausländer-Masche beim zweiten Mal daneben ging, sagt Mehler, ziehe Koch eben jetzt die Konsequenz: "Er denkt durch und durch strategisch."

Natürlich muss sich Roland Koch nicht allzu sehr anstrengen, gute Laune zu zeigen. Die Aussichten sind blendend. Wenn nicht noch alles danebengeht, wird er nach einem Jahr am Rand der totalen Niederlage die Wahl am 18. Januar klar gewinnen und für fünf Jahre mit seinem alten Bekannten Jörg-Uwe Hahn von der FDP eine Regierung bilden. Klar, das macht Freude. Wer aber Roland Koch auf dem Weg zu den Bühnen beobachtet, wer seine Kiefer arbeiten sieht, als kaue er die fröhlichen Worte angestrengt vor, der ahnt: So aufrichtig der Optimismus sein mag - hier wird auch nach einem Drehbuch gespielt.

Die "emotionale Achterbahnfahrt", wie Koch die Ereignisse des Jahres 2008 nennt, hatte noch gar nicht begonnen, die sich zweimal anbahnende und zweimal doch gescheiterte Ablösung durch Andrea Ypsilanti stand noch bevor, ein neuer Wahlkampf war noch nicht in Sicht, da berechneten sie in der Staatskanzlei schon die neue Route. Drei Korrekturen wurden beschlossen und durchgezogen.

Thema Nummer eins: Die Eltern und Großeltern und viele andere hatte man doch zu sehr verärgert mit aggressivem Unverständnis für Kritik am achtjährigen Gymnasium und seiner unprofessionellen Ausgestaltung.

Die Antwort: Kurz nach der Wahl war nicht nur Kultusministerin Karin Wolff - wie fast alle im Kabinett eine Weggefährtin Kochs aus der politischen Lehrzeit - verschwunden. Jürgen Banzer, auch ein alter Kumpel und Justizminister, übernahm das Schulressort mit. Und es herrschte plötzlich ein anderer Ton, der so gar nicht Koch-like wirken mag, der aber zu Koch passt, weil er ihm strategisch passt. Natürlich wird "G8" nicht zurückgenommen, aber nun heißt es in jeder Wahlkampfrede: "Wir wollen die Kinder nicht überfordern" und "Wir sind bei der Ausgestaltung jederzeit gesprächsbereit". Banzer lässt sich blicken und hört zumindest zu. Und die Luft ist so gut wie raus.

Thema Nummer zwei: Die konservativen Naturschützer und die bürgerlichen Teile des Grünen-Klientels hatte man vor einem Jahr verschreckt, als zur Umweltpolitik kaum mehr zu hören war als das verbohrte Mantra "Windräder verschandeln unser Land".

Die Antwort: Diese Kampagne ist einfach nicht mehr da, denn die Berechnungen haben ergeben: Genutzt hat sie jedenfalls nicht. Jetzt erinnern sie in Kochs Umfeld gerne daran, dass er im Landtag während der Achtziger als umweltpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion begann. Als atomfreundlicher Gegenspieler von Joschka Fischer zwar (ein faszinierendes Duell, das Kochs Bekanntheit und damit seine Karriere entscheidend förderte), aber doch als einer, der sich auskennt mit Ökologie und Naturschutz. "Ich habe größte Hochachtung vor den Sorgen vieler Menschen um die Umwelt", pflegt Koch jetzt den Wählern zu sagen. "Nur darf das nicht zu einer neuen Ideologie werden."

Irgendwie, soll das wohl heißen, balancieren wir die Straßen und Flughäfen, die wir so gerne bauen wollen, mit den Umweltbelangen aus. Das klingt nicht gerade grün, aber so verbissen anti-grün wie vor einem Jahr klingt es auch nicht. Man weiß nicht, auch das hat 2008 gezeigt, ob man die Grünen nicht doch mal braucht. Wenn es denn strategisch sein muss, zählen ideologische Skrupel nichts.

Ach ja, das dritte Thema: die Sache mit der Kriminalität und den Ausländern. Sie ist, gemessen an der Aufregung vor einem Jahr, nebensächlich geworden. Noch beim Wahlkampfauftakt in Künzell bei Fulda, am Tag nach Weihnachten, sah sich Koch wenigstens zu einer Art Begründung im Vorbeigehen genötigt: "Die innere Sicherheit wird dieses Mal keine so große Rolle spielen, weil die wirtschaftlichen Fragen für die Menschen im Vordergrund stehen."

Jetzt, im Endspurt, gibt es allenfalls mal einen Nebensatz der Art, dass natürlich auch die Sicherheit der Bürger bei der CDU am besten aufgehoben sei. In der Staatskanzlei haben sie zwar ausgerechnet, dass Schule, Studiengebühren, Mehrarbeit für Landesbedienstete und die Umwelt entscheidender zur Beinahe-Niederlage beigetragen haben als der Wahlkampf gegen junge Ausländer. Aber genutzt hat er auch nicht, also: weg damit. Für dieses Mal.

Tarek Al-Wazir ist kein Freund von Roland Koch. Als Opfer ausländerfeindlicher Untertöne muss sich der geborene Offenbacher fühlen, seit die CDU vor einem Jahr alles, was für ihre Wähler fremd oder böse klingt, in einem Rutsch plakatierte: "Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen!" Und doch betont der Grüne: "Ich würde nie sagen, dass Koch ein Rassist ist." Nur kenne er " keinerlei Skrupel, Gefühle auszunutzen, wenn er etwas davon hat". Oder glaubt, etwas davon zu haben, denn beim Thema Ausländerkriminalität, so Al-Wazir, habe sich Kochs "geringe Meinung" von den eigenen Wählern und ihren Vorurteilen zum Glück nicht bestätigt. Dass er nun auf ähnliche Ausfälle verzichte, das sage über den "wahren", den "echten" oder "wirklichen" Koch nichts aus. So wenig wie der Appell, sich um die Umwelt zu sorgen. So wenig auch wie der verlogene Appell ans historische Verantwortungsbewusstsein des Publikums, als man für verschobenes Parteigeld ausgerechnet die Legende von den "jüdischen Vermächtnissen" erfand.

Alles "Mittel zum Zweck", würde Gerd Mehler, der Main-Taunus-SPDler, sagen. Tarek Al-Wazir sagt: "Das Grundgefühl ist, dass er eigentlich nichts ernst meint." Außer vielleicht diese schwer zu fassende Freundschaft zum Dalai Lama und dem tibetischen Volk.

Künzell bei Fulda, 27. Dezember 2008. Auch so eine Stadthalle. Lange Tische, belegte Brötchen, Kaffee, hier und da ein Bier. Um die 400 Leute sind gekommen, so viele wie elf Tage später in Limburg. Das ist eine gute Resonanz, der Platz für noch mehr Leute ist unauffällig abgeteilt. "In Zeiten wie diesen..." steht auf allen Wahlplakaten. "In Zeiten wie diesen braucht Hessen Kompetenz und Klarheit." Roland Koch spricht, in Zeiten wie diesen, ausführlich über die Wirtschaftskrise. Über die Nothilfe, die der Staat jetzt geben muss, um die größten Brände zu löschen. Über den Inder, der auf dem Weg in die USA den Zwischenstopp in Frankfurt für ein paar Geschäfte nutzt, der aber künftig in Dubai Station machen wird, "wenn in Hessen Leute drankommen, die uns jeden Flieger vorzählen". Über Autobahnen und Land- und Umgehungsstraßen, die gebaut werden müssen, denn: "In Zeiten wie diesen kämpfen wir um jeden Arbeitsplatz."

Selbst der Satz, der am meisten von Kochs wirtschaftsfreundlichen Grundüberzeugungen verrät, klingt hier wie eine Selbstverständlichkeit: "Hessen ist, solange wir den Wünschen der Unternehmen nicht ausdrücklich im Wege stehen, ein sehr attraktives Land."

Ganz unideologisch soll das klingen, pragmatisch, sachlich, und wenn es das Gegenteil der Parolen von früher ist - geschenkt. Koch sagt: "Wir brauchen eine Regierung mit Erfahrung, um das Land durch die Krise zu steuern. Das ist sehr pragmatisches Handwerk, nichts für Theoretiker, jenseits jeder Ideologie." So redet kein Polarisierer. So redet keiner, der das Land großartig verändern will, zum Guten oder zum Bösen. So redet ein Mann, der sagt, was zu sagen ist, um Mehrheiten zu gewinnen. Das ist das Ziel. Und wer meint, Politiker strebten nach Macht, um bestimmte Inhalte durchzusetzen, der darf Koch für den unpolitischsten Politiker Deutschlands halten.

Gerd Mehler erinnert sich an den Kommunalwahlkampf 1989. Er, Mehler, war SPD-Spitzenkandidat gegen Roland Koch, mit dem er nun schon zwölf Jahre im Kreistag saß und mit dem er drei Jahre vorher, als beide die ersten Söhne erwarteten, im Geburtsvorbereitungskurs war. Es war alles ein bisschen ähnlich wie im Land 2008, sagt Mehler, "nur ohne Linkspartei". CDU und FDP hatten keine gemeinsame Mehrheit und die Freien Wähler, von Koch im Wahlkampf massiv bekämpft, wollten nicht helfen. "Der Roland Koch", sagt Mehler, "ist mit mir frühstücken gegangen und hat mir - zack-zack - erzählt, wie es weitergeht." Heraus kam eine informelle Koalition der Großen.

Koch und seine Leute tauschten schnell den CDU-Landrat aus, die SPD bekam einen Esten Kreisbeigeordneten namens Gerd Mehler, und das politisch so unterschiedliche wie persönlich befreundete Gespann privatisierte von der Abfallentsorgung bis zu den Kliniken so effizient, dass bis heute Kommunalpolitiker aller Couleur im Main-Taunus-Kreis um Rat nachsuchen. Gerd Mehler blickt noch heute täglich zufrieden auf die Früchte dieser Arbeit: Er ist Geschäftsführer der Main-Taunus-Recycling GmbH, der Rhein-Main Deponie GmbH, der Biomasse Rhein-Main GmbH und der Rhein-Main Deponienachsorge GmbH. Die nächste Wahl nach dem denkwürdigen Koch-Mehler-Bündnis hat die SPD im Main-Taunus-Kreis verloren.

"So ist der Roland Koch", sagt Mehler. "Ein echter Wertkonservativer. Aber was strategisch sein muss, geht vor." Tarek Al-Wazir sagt: "Man wundert sich manchmal, wo der die Chuzpe hernimmt." Und Andrea Ypsilanti sagt im Jahr eins nach ihrem Scheitern an Koch: "Mich hat man machtgeil genannt. Mir ist es nie gelungen, klarzumachen, dass ich Macht wollte, um Inhalte durchzusetzen. Bei Roland Koch ist es genau umgekehrt." Koch, so erklären sie ihn alle, ist mit den Regeln des Machtkampfs groß geworden wie andere mit dem Kicken auf dem Bolzplatz. Das ist sein Leben, und es scheint, als hielte er diesen Kampf schon für Politik. "Er kocht nicht nur gern", erzählt Gerd Mehler, "er handwerkelt auch." Vielleicht geht es ja dem Macht-Handwerker Roland Koch wie manchem anderen Handwerker auch: Wichtiger als das Werkstück ist der Prozess seiner Entstehung.

Stadthalle Limburg, 7. Januar 2009: Am Ende der Rede sagt Roland Koch: "Wir engagieren uns ja nicht einfach so. Wir haben Überzeugungen." Es klingt, als spüre er, dass das Publikum einen ideologischen oder wenigstens ideellen Mehrwert erwartet. Was dann folgt, ist allerdings kein Bild von der Gesellschaft, die Koch sich wünscht. Es ist eine Warnung, vielleicht ist es auch Ausdruck einer ehrlichen Angst: "Wenn die Furcht sich ausbreitet, dass es dauerhaft bergab geht, dann ist Solidarität nicht mehr möglich, weil jeder nur an sich selbst denkt." Es ist, das merkt man Kochs Zwischentönen an, jene "Solidarität", wie es sie über die Gartenzäune hinweg früher gab und vielleicht heute noch gibt, in Eschborn und anderswo. Kochs Aufruf für den Wahlsonntag geht so: "Lassen Sie Ihre Nachbarn nicht aus den Augen. Machen Sie sich Ihre Liste für den Sonntag. Sprechen Sie alle an, die CDU wählen würden, dass sie wählen gehen sollen."

Der Journalist Hajo Schumacher berichtet in seiner großen Koch-Biografie über den Schulsprecher Roland. Da steht einer von der Jungen Union zwischen all den 68er-Lehrern und Jeans-Kameraden wie ein Fremdkörper, aber sie wählen ihn, und es gibt nur einen Satz, der das erklärt. Einen Satz, den Gerd Mehler wörtlich wiederholt: "Auf Roland Koch kann man sich absolut verlassen."

Mag sein, dass er als Politiker heute dies erzählt und morgen das. Aber Verlässlichkeit, am Gartenzaun und darüber hinaus, ist Pflicht. Vielleicht ist das die wichtigste Grundüberzeugung, die Roland Koch jenseits aller opportunistischen Orientierung an Mehrheitsstimmungen trägt. Andrea Ypsilanti sagt es so: "Er will eine Gesellschaft, in der alles und jeder seinen Platz hat. Das ist verlässlich, eine durchlässige Gesellschaft ist es allerdings nicht." Aber es spricht, so scheint es, ein verbreitetes Bedürfnis nach klaren Koordinaten in unübersichtlichen Zeiten an. Es ist, genau genommen, ein zutiefst unpolitischer Antrieb, dem Deutschlands vielleicht brillantester Politiker folgt.

Apropos Ypsilanti. Zum Wahlkämpfen gehört das Bekämpfen des politischen Gegners, und wer bis hierher den brutalstmöglichen Koch vermisst hat, bitte sehr. In den Sälen von Kassel bis Darmstadt ist der Name Ypsilanti zum Synonym für alle Sünden dieser Welt geworden. Nichts bringt so viel Applaus wie Ypsilanti-Bash-ing. Wieder und wieder, Redner für Redner ist von der "Wortbruchfrau" zu hören, und Koch scheint sehr sicher, den Kampf gegen die Erinnerung an seine Wortbrüche gewonnen zu haben. Immer wieder prangert er an, wie die SPD das heilige Versprechen, nicht mit den Linken zu paktieren, brach: "Zwei Tage nach der Wahl war nix mehr mit Moral, nur noch Macht." Da redet einer, der sich auskennt.

"Mir sagen viele", sagt Roland Koch, "ich sei viel netter als im Fernsehen." Karnevalsprinzessin Elke I. von Limburg zu Oranien-Nassau sagt: "Stimmt." Elke Fehr, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, ist CDU-Lokalpolitikerin und im Hauptberuf Geschäftsführerin einer Transportfirma. Gelegentlich sitzt sie auch selbst am Steuer eines Vierzigtonners, aber heute ist sie in vollem Ornat als Koch-Fan unterwegs. Unter großem Beifall trägt sie ein Gedicht vor mit Zeilen wie diesen: "Als Frau Ypsilanti kam ihr in den Sinn/ich werde Hessens Ministerpräsidentin. Nach der Wahl erwischte man in flagranti/mit der Linken die schöne Andrea Ypsilanti. Nun steht sie da, die Wortbruchfrau/und beklagt ihn laut, ihrn Supergau." Und so weiter. Was sie an Koch so gut findet? "Er ist politisch-rhetorisch sehr souverän, und er kennt sich aus."

Ja, Roland Koch hat viel gelernt über das richtige Leben, das er nie wirklich lebte.

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