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Uniklinik Marburg Machtkampf im Betriebsrat

Die langjährige Betriebsratsvorsitzende an der privatisierten Uniklinik Marburg soll abgewählt werden. Ihre Gegner werfen ihr vor, ihrer Auskunftspflicht nicht nachzukommen.

Hinter den Kulissen der privatisierten Uniklinik in Marburg gibt es Zoff. Foto: Renate Hoyer

Zoff im Betriebsrat der privatisierten Uniklinik in Marburg: Statt gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen, bekriegen sich die Mitglieder gegenseitig. Für die heutige Sitzung steht ein Antrag auf Abwahl von Bettina Böttcher auf der Tagesordnung. Die 56-Jährige ist seit zwölf Jahren Vorsitzende der Mitarbeitervertretung. Auch die Freistellung von Björn Borgmann steht zur Abstimmung. Der 28 Jahre alte gelernte Krankenpfleger ist Vize-Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Uniklinik Gießen-Marburg und Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Rhön-Aktiengesellschaft.

Initiator des Sturzversuchs, sagt die Gewerkschaft Verdi, sind die Betriebsratsmitglieder der Ärztegewerkschaft Marburger Bund (MB). Denen passe nicht, dass Böttcher sich gegen „unerträgliche Arbeitsbelastung“, für bessere Entgelte und Arbeitsbedingungen einsetze. Verdi-Sprecher Fabian Rehm ruft die Unruhestifter auf, zur Sacharbeit zurückzukehren. „Wenn dies nicht geschieht, dann fordern wir Neuwahlen.“

Klaus Hanschur, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Uniklinik, rät den Konfliktparteien, mit Hilfe eine Mediators die Differenzen auszuräumen. „Eine Abwahl wäre schädlich für die Betriebsräte beider Standorte.“ Die Gründe für den Vorstoß seien ihm „ein völliges Rätsel“.

Vom 27-köpfigen Marburger Betriebsrat sind sieben für diese Tätigkeit freigestellt: Bei der jüngsten Wahl vor zwei Jahren kamen 14 über die Verdi-Liste in das Gremium, darunter Böttcher und Borgmann. Die Unabhängige Liste stellt sechs Vertreter, der MB sieben, darunter lediglich zwei Ärzte. Die anderen fünf kommen aus anderen Berufsgruppen – eine Besonderheit.

Laut Alexandra Kretschmer, stellvertretende Landesvorsitzende der Ärztegewerkschaft, kommt der Abwahlantrag „aus der Mitte des Betriebsrats“. Von allen drei Listen gebe es Befürworter. „Das ist kein Konflikt zwischen zwei Gewerkschaften“, betont Kretschmann. Böttcher wie Borgmann könnten auch ohne Freistellung im Betriebsrat aktiv sein. Doch eine Rückkehr zum Arbeitsplatz wäre für Böttcher unmöglich: Die Wäscherei, in der sie früher tätig war, ist längst outgesourcet.

Vorwuf des Machterhalts

Kretschmer wirft der langjährigen Betriebsratsvorsitzenden „Machterhalt um jeden Preis“ vor. Sie führe die Geschäfte des Betriebsrats nicht ordentlich, setze Beschlüsse nicht um, nehme willkürlich Themen von der Tagesordnung, komme ihrer Auskunftspflicht nicht ausreichend nach. „Es gibt Absprachen mit Arbeitgebern am Betriebsrat vorbei“, sagt sie und spricht von „Herrschaftswissen“.

Für Böttcher sind solche Aussagen „an den Haaren herbeigezogen“. Sie informiere die Kollegen nach bestem Wissen und Gewissen. Sie sei aber auch Mitglied des Aufsichtsrats und habe die Pflicht zur Geheimhaltung. Und als SPD-Stadtverordnete bemühe sie sich ebenfalls um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen an der Uniklinik. Auch darüber könne sie nicht immer offen sprechen.

Besonders trifft sie der Vorwurf des „Machterhalts“: Auf Anraten der Gewerkschaften habe sie vorgeschlagen, dass der gesamte Betriebsrat zurücktritt. „Der Marburger Bund wollte das nicht.“

Die Konflikte schwelen seit Monaten. Dennoch kam der Antrag auf Abwahl der Betriebsratsvorsitzende und ein Ende der Freistellung von Borgmann für beide überraschend. Sie waren nicht dabei, als die Tagesordnung für die heutige Sitzung beschlossen wurde; beide hatten Urlaub.

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