Lade Inhalte...

Rhön-Universitätsklinik Gutmütigkeit ausgenutzt

Die für die Gebäudereinigung der privaten Krankenhauskette Rhön Klinikum zuständige Firma soll Mindestlohnbestimmungen umgangen und Sozialbeiträge hinterzogen haben. Eine ehemalige Mitarbeiterin des Reinigungsteams berichtet über den Zeitdruck bei der Arbeit.

20.12.2013 18:05
Der Rhön-Konzern soll Putzkräfte zu Überstunden gezwungen haben, ohne sie dafür zu bezahlen. (Symbolbild) Foto: picture-alliance / Sven Simon

Die private Krankenhauskette Rhön-Klinikum steht in der Kritik. Die für die Gebäudereinigung zuständige Tochtergesellschafte soll Mindestlohnbestimmungen umgangen und Sozialbeiträge hinterzogen haben. Auch in Hessen hat der Zoll Büros durchsucht. Margit M. (Name geändert) hat vier Jahre an der Rhön-Uniklinik Gießen-Marburg sauber gemacht. 2011 musste die 45-Jährige aufhören.

Ich habe den ganzen Druck nicht mehr geschafft, war körperlich fertig und seelisch kaputt. Putzen geht auf die Knochen, aufs Kreuz und die Arme – man bekommt Sehnenscheidenentzündung. Um 6 Uhr morgens geht es los mit den Verwaltungsräumen. Eineinhalb Stunden für 18 Büros. Das ist zu knapp. Deshalb putzte ich an einem Tag die eine Seite gründlich, am nächsten die andere. Die Mülleimer leerte ich jeden Tag. Nach einer halben Stunde Pause ging es auf Station. Jede von uns war für eine feste Station zuständig. Vier Stunden Zeit hat man, um die 14 Patientenzimmer sauber zu machen, die beiden Leitstellen der Pflegekräfte, die Toiletten für Personal und Patienten, das große Bad und den Flur.

Man muss wie ein Wirbelwind da durchrauschen und wischt auch mal nicht immer unter den Betten. Manchmal bekam ich eine Springerin für eine halbe oder dreiviertel Stunde zur Unterstützung. Die sammelte den Müll ein, machte die Toiletten. Dann konnte ich Fensterrahmen abstauben.

Weil die Stammfrau krank war, musste ich einmal auf einer anderen Station Vertretung machen. In einem Patientenzimmer war hinter der Toilette alles voll Stuhlgang. Es war schwer wegzubekommen. Er war schon hart und verkrustet. Da war bestimmt schon ein paar Tage nicht geputzt worden. Die Stammfrau hatte wohl zu wenig Zeit.

Ich persönlich habe mich nicht beschwert. Aber eine Kollegin hat einmal die Vorarbeiterin um Verstärkung gebeten hatte, weil sie ihr Pensum nicht schaffte. Das hat ihr die Objektleiterin verweigert. Wir haben auch länger gearbeitet. Die Überstunden wurden uns bezahlt.

Einen Monat durcharbeiten

Normal sind 14 Tage am Stück arbeiten, dann zwei Tage frei. Doch oft war der Krankenstand so hoch, dass manche drei oder gar vier Wochen durcharbeiten mussten. Eine Kollegin wollte frei haben, weil ihr siebenjähriger Enkel gestorben war. Das lehnte die Objektleiterin ab. Wie kann man nur so hart und herzlos sein? Andere wurden krank, weil sie nicht frei machen durften.

Die Gutmütigkeit der Reinigungskräfte wird ausgenutzt. Sie haben Angst, dass sie rausgeschmissen werden, wenn sie sich nicht nach der Obrigkeit richten. Es gibt nur Zeitverträge, die immer wieder verlängert werden. Meist für die Dauer von einem Jahr, manchmal gibt es auch nur Verträge über drei Monate oder ein halbes Jahr. Bei einer Kollegin lief der Vertrag am 31. Dezember aus. Am letzten Tag wurde ihr gesagt, dass er nicht verlängert wird. Das ist schon unverschämt, richtig gemein.

Früher wurden die Reinigungskräfte von Verwaltungsmitarbeitern geschult, was sie bei Norovirus oder MRSA beachten müssen. Später hat das ein Hygienefachmann übernommen. Doch mitunter sind Mitarbeiter nicht der deutschen Sprache mächtig. Deshalb kam es vor, dass sie das Reinigungsmittel für Norovirus, mit heißem Wasser ansetzten, statt mit kaltem. Die atmeten dann die giftigen Dämpfe ein.

Als ich 2007 anfing, bekam ich einen Stundenlohn von 7,15 Euro, ein Jahr später 8,15 Euro und dabei blieb es. An einem Montag hieß es, am Mittwoch kommt das Gesundheitsamt. Wir wurden angewiesen vor allem den Eingangbereich pico bello zu putzen. Dafür wurden sogar extra Leute eingestellt. Merkwürdig – in Gaststätten wird immer ohne Voranmeldung kontrolliert.

Nach meinem Ausscheiden hat sich nicht viel geändert. Der Druck ist nach wie vor groß. Es wird immer mehr Zeit weggenommen, es werden Quadratmeter dazugegeben. Wenn ein Patient reden will, dann geht nicht. Wenn man es doch tut, dann muss man danach husch-husch machen.

Aufgezeichnet von Jutta Rippegather

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen