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Rhön AG Klinikkonzern kauft Arztpraxen auf

Nach dem Kauf der Universitätskliniken Marburg/Gießen will die Rhön AG auch mit der ambulanten Versorgung Geld verdienen. Kritiker befürchten eine zu große Marktmacht und sehen die freie Arztwahl der Patienten in Gefahr. Von Jutta Rippegather

Die Rhön AG will jetzt auch mit der ambulanten Versorgung Geld verdienen. Foto: dpa

Seit zwei Jahren suchen der Neurologe und sein Praxispartner einen Nachfolger. Kein junger Kollege wagt bislang das wirtschaftliche Risiko, die gut eingeführte Praxis in Marburgs Innenstadt zu übernehmen. Jetzt verhandeln die beiden, die anonym bleiben wollen, mit dem Rhön-Konzern. "Die sind an Kassenarztsitzen sehr interessiert, weil sie hier ein medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) gründen wollen." Ein MVZ ist eine ambulante Einrichtung, in der Fachärzte verschiedener Fachrichtungen zusammenarbeiten - in der Regel als Angestellte. Der Kaufpreis stehe noch nicht fest, "ist aber besser als nichts", sagt der Neurologe.

Rhön befindet sich auf Expansionskurs. Auch in Mittelhessen, wo das Unternehmen die Universitätskliniken Marburg/Gießen gekauft hat, gibt es sich nicht mehr mit dem Profit aus der stationären Versorgung zufrieden. Die Aktiengesellschaft will auch mit der ambulanten Versorgung Geld verdienen. Im vergangenen Jahr hat sie dafür einen neuen Geschäftsbereich eingerichtet. Jetzt gilt es, Sitze von Kassenärzten zu kaufen. So wie den der Neurologen, die aus Altersgründen aufhören wollen, und weil sich der Betrieb nach der jüngsten Honorarreform kaum mehr lohnt.

Auch Susanne Deuker zählt sich zu den Verliererinnen des 2009 in Kraft getretenen neuen Abrechnungssystems. An Rhön würde die Marburger Orthopädin aber nie verkaufen. Ihre Patienten hätten zu schlechte Erfahrungen mit der Qualität der Versorgung gemacht. Deuker hofft, dass auch andere Kollegen sich verweigern. Sonst bestünde die Gefahr, dass Rhön eines Tages auch den ambulanten Markt in Mittelhessen beherrsche. Die freie Arztwahl des Patienten sei dann passé. "Er kann zum Beispiel keine zweite Meinung einholen", sagt die Ärztin, die Mitglied von Notruf 113 ist, einer Initiative, die über die Folgen der Konzernmedizin aufklären will. Notruf 113 beobachtet mit Sorge, dass Rhön jetzt auch in die ambulante Versorgung drängt.

Ziel des Konzerns sei es, Geld für seine Aktionäre zu verdienen. Also werde der Patient eines Rhön-MVZ auch in eine Rhön-Klinik überwiesen werden und umgekehrt. "Ping-Pong" nennt Susanne Deuker das.

Auch im Kreis Miltenberg, wo Rhön zwei Kreiskrankenhäuser gekauft hat, regt sich Widerstand gegen die MVZ. Der 1. Vorsitzende vom Ärztenetz Untermain, Andreas Morgenroth, nennt die Gründe: Die niedergelassenen Fachärzte bluteten aus, Praxen auf dem Land würden vernichtet, ein Monopol erwache. "Irgendwann diktiert Rhön dann die Preise."

Privatkonzerne seien bei der Gründung von MVZ besonders aktiv, sagt Gerd Zimmermann, Vize-Chef der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Die KV hat keine Übersicht darüber, wie viele Arztsitze Rhön in Hessen bereits gekauft hat. Doch Zimmermann bestätigt: "Rhön plant, Fachärzte in Nähe der Kliniken anzusiedeln." Das könnten sowohl angestellte, als auch selbstständige sein, die mit dem börsennotierten Konzern eng kooperierten.

Die wirtschaftlichen Vorteile: gemeinsame Gerätenutzung, die Verweilzeit des Patienten wird noch kürzer, weil ihn die ambulante Versorgung nebenan entgegennimmt. "Das Krankenhaus hat die optimale Ausbeute und der Niedergelassene das optimale Honorar." Die MVZ seien auch eine gute Möglichkeit, Nachwuchs für den Arztberuf zu gewinnen. Ein geregeltes Angestelltenverhältnis ermögliche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Zimmermann sieht aber auch Nachteile. Statt von Monopolisierung spricht er lieber von "Ausdünnung durch Konzentration". Die flächendeckende Versorgung falle weg. "Das bedeutet längere Wege für die Patienten." Die Geschäfte mit Kassensitzen laufen offenbar unbewacht. Keine staatliche Behörde habe ein Auge darauf, ob sich Monopole bildeten, bestätigt Zimmermann.

Rhön teilt auf Anfrage mit, dass die Universitätskliniken derzeit drei MVZ mit zehn Kassenarztsitzen betrieben. Mit mehreren niedergelassenen Ärzten gebe es derzeit Gespräche über mögliche Kooperationsformen. Der Konzern wolle "eine hochwertige medizinische Versorgung nicht nur im stationären, sondern auch im ambulanten Bereich sicherstellen".

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