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Problemviertel Bonames "Wir sind denen doch scheißegal"

Es gilt als Problemviertel - zumindest in Teilen. Auch das Frankfurter Viertel Bonames hatte die Wahl.

28.01.2008 00:01
FELIX HELBIG
Auch der Frankfurter Stadtteil Bonames hat die Wahl. Foto: FR/Boeckheler

Auch Bonames hat die Wahl an diesem Sonntag (27. Januar 2008). In der tristen Grünanlage zwischen den Häuserblöcken am Ben-Gurion-Ring kann man Mehran und Omar treffen, zwei junge Hauptschulabsolventen, die auf einer Bank unten am Teich zwischen den künstlichen Hügeln sitzen und über ein Mädchen reden, für das sie offenkundig nicht allzu viel übrig haben. Oder Said, der lässig schlendernd seinen Hund ausführt. Oder Sanji, der noch Schüler ist, und Frau Franz, die Rentnerin aus Nummer 42. Gewählt haben nur Sanji und Frau Franz.

Omar hat irgendwie damit gerechnet, dass an diesem Sonntag jemand von der Zeitung kommt, um ihn zu fragen, ob er wählen war. "Nach allem, was in den letzten Wochen passiert ist, war das ja klar", sagt der 21-Jährige. "Aber weißt du was? Die Politiker interessieren sich doch gar nicht für uns, in Wahrheit sind wir denen doch scheißegal." Wie sein gleichaltriger Freund Mehran suche er jetzt schon ewig eine Lehrstelle. "Aber die gibt es nicht, nicht für uns. Weißt du was? Die Politiker sind mir auch scheißegal."

Kaum Plakate im Stadtteil

Bonames ist ein Stadtteil im Nordosten Frankfurts, so weit draußen aus der Stadt und scheinbar so unbedeutend, dass hier kaum Wahlplakate hängen. Bonames hat einen dörflichen Kern, beinahe idyllisch an der Nidda gelegen. Und Bonames hat dieses Viertel oben auf dem Hügel, wo die Betonhochhaus-Burgen stehen. Das Viertel am Ben-Gurion-Ring ist das, was gemeinhin als Problemviertel bezeichnet wird. Es leben überdurchschnittlich viele Familien mit Migrationshintergrund hier, es gibt viele junge Menschen in Bonames, die ohne Arbeit sind und ohne Chancen. Und vielleicht kriminell. Jedenfalls suggerierte das der Landtagswahlkampf von Roland Koch. Bonames gehört zum Wahlbezirk von Andrea Ypsilanti.

Eigentlich müsste die Polarisierung hier also greifbar sein. Als vor drei Wochen ein U-Bahnfahrer im nahen Heddernheim brutal zusammengeschlagen wurde, stellte sich schnell heraus, dass der Schläger aus Bonames kam. Zwar passte der 17-Jährige kaum in die gängigen Klischees, hatte weder einen Migrationshintergrund, noch mangelte es ihm am Schulabschluss. Doch Said, der junge Mann mit dem Hund, erinnert sich noch gut, "wie dann die ganzen Kamerateams kamen und die Fotografen hier den ganzen Tag im Viertel rumgerannt sind". Manche hätten sogar Geld für ein Foto geboten. "Aber von den Politikern war keiner hier. Hier hängt ja nicht mal ein Plakat von Roland Koch. Der weiß schon genau, warum." Zur Wahl gehe er nicht, weil die anderen Politiker auch nicht besser seien. "Die interessieren sich doch alle nicht für uns."

Im Bürgerhaus am Ben-Gurion-Ring, einem Neubau mit Wahlplakaten aller Parteien an allen Treppenaufgängen und Laternenpfählen, geht es nachmittags gemächlich zu. Um halb drei haben etwa 30 bis 35 Prozent der Wahlberechtigten aus Bonames ihre Stimme abgegeben, die Briefwähler nicht mitgerechnet. "Das ist nicht berauschend", sagt Wahlvorstand Gerhard Heinrich, "aber das ist ja hier oben immer so." Auffällig sei, dass bei dieser Wahl viele mit ihrem Personalausweis kämen. "Die haben ihre Wahlunterlagen wahrscheinlich vor Wochen schon weggeschmissen, als sie im Briefkasten lagen, es sich in der Zwischenzeit aber anders überlegt."

Wirklich was los ist am Ben-Gurion-Ring an diesem Wahlsonntag nur in einem Container hinter dem Jugendhaus. Ein Fitness-Raum ist dort eingerichtet, anders als das Jugendhaus hat er auch sonntags für alle geöffnet. Aber sagen möchte niemand etwas. "Wir haben entschieden, vorerst nicht mehr mit Journalisten zu reden", sagt der Fitnesstrainer. Nachdem Reporter einer Boulevardzeitung durch das Viertel gezogen waren, um über die "gemeinen U-Bahn-Schläger" zu schreiben, haben die Jugendlichen beschlossen, kein Wort mehr zu sagen.

Sanji will nicht schuld sein

Sanji kann das gut verstehen. Für den 18-Jährigen ist es aber ein Grund, erst recht zur Wahl zu gehen. "Bei dieser Regierung sind immer die Ausländer schuld, das ist einfach unerträglich", sagt er. Seine Wahlbenachrichtigung trägt der junge Schüler offen durch die Grünanlage, es klingt fast ein wenig auswendig gelernt, als er sagt, dass er es wichtig finde, zu wählen, weil dabei über die "Zukunft des Landes" entschieden werde. Und über seine Zukunft. Sanji will bald sein Abitur machen.

Vor dem Wahllokal im schicken Bürgerhaus steht Frau Franz "aus Nummer 42". Sie kennt die meisten jungen Leute im Ben-Gurion-Ring, zumindest vom Sehen, aus dem Fenster habe sie ja einen guten Blick in die Grünanlage. "Ich kann die gut verstehen", sagt Frau Franz, "um die kümmert sich ja auch keiner, um die geht es ja immer nur, wenn mal wieder ein Sündenbock gesucht wird."

Sündenböcke gebe es wahrlich genug im Viertel, aber nicht nur junge, nicht nur Ausländer. "Die, die nichts zu tun haben, die sind das", sagt Frau Franz. "Das ist das Problem. Aber ob da eine andere Regierung hilft, weiß ich nicht."

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