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Moscheebau Frankfurt-Hausen Keine Angst vorm Islam

Pfarrerin Ilona Klemens warnt davor, die Moschee wegen islamistischem Terror abzulehnen. Im FR-Interview spricht sie über Integration, Toleranz und Terrorangst.

19.09.2007 00:09
Jlona CLEMENS
Pfarrerin Ilona Klemens warnt davor, die in Frankfurt-Hausen geplante Moschee aus Angst vor islamistischem Terror abzulehnen. Foto: FR

Frau Klemens. Muslime wachsen schon in dritter Generation in Deutschland auf, viele haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Warum können wir so schwer ertragen, dass Muslime Moscheen bauen wollen, statt zu sagen, "toll, das ist ein Zeichen von Integration, wenn sie sich Häuser und Kirchen bauen"?

Wenn uns der Islam auch nach Jahrzehnten gelebter Nachbarschaft immer noch fremd erscheint, liegt das auch daran, dass wir, das heißt die Mehrheitsgesellschaft, ihn schlichtweg nicht wahrgenommen haben - so wie es auch lange versäumt wurde, Deutschland als Einwanderungsland zu begreifen. Hinzu kommt die politische "Großwetterlage" durch Terroranschläge, die gerade in den letzten Jahren dazu geführt haben, dass viele pauschal Angst vor "dem Islam" haben. Genau an diesem Punkt holen uns jetzt die Versäumnisse der Vergangenheit ein. Würden wir unsere muslimischen Nachbarn und ihren Glauben besser kennen, gäbe es sicher weniger Vorbehalte gegen Moscheebauten. Jetzt gilt es zu vermitteln, sie als Hinweis zu sehen, dass muslimische Gemeinden in dieser Gesellschaft angekommen sind und sie mitgestalten möchten.

Qua Gesetz definiert sich unsere Gesellschaft als tolerant und säkular. Inwieweit haben die Menschen diese Prinzipien tatsächlich verinnerlicht?

Ein demokratischer Rechtsstaat zeichnet sich dadurch aus, dass seine ihm zugrunde liegenden Werte auch dann Geltung haben, wenn manche diese Werte nicht teilen. Deshalb bleibt es eine gemeinsame Aufgabe in dieser Gesellschaft, für Toleranz im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen zu werben und sie vor allem zu leben.

Überspitzt gilt zu fragen, ob die Toleranz unserer Gesellschaft in Wahrheit doch nur Duldung ist, die dort endet, wo der Zugezogene sich weigert ebenso säkular zu leben, und die eigenen kulturellen und religiösen Wurzeln zu verbergen?

Säkular bedeutet doch nicht Zwang zur Religionslosigkeit. Religionsfreiheit heißt bei uns nicht nur Freiheit von der Religion, sondern Freiheit zur religiösen Gestaltung des Lebens, auch in Form von sichtbaren Gebäuden.

Inwieweit wirkt die Angst vor radikal islamistischem Terror kontraproduktiv, sich tatsächlich mit Integration und christlich-muslimischem Miteinander auseinander zu setzen?

Angst wird dann kontraproduktiv, wenn sie dazu führt, eine ganze Gruppe, in diesem Fall die Angehörigen einer Weltreligion nur noch als eine Art "Schreckgespenst" wahrzunehmen. Angst ist ernst zu nehmen, darf aber nicht zur Rechtfertigung pauschaler Ablehnung und Ausgrenzung dienen. Hier gilt es zu unterscheiden: Die Angst vor islamistischem Terror ist gerechtfertigt, die Angst vor "dem Islam" nicht.

Ist es eine Überforderung für Christen zwischen Islam als Religion und religiös verbrämten islamistischen radikalen Gruppen zu differenzieren?

Im Gegenteil! Ich sehe uns Christinnen und Christen aus unserem Glauben heraus in der Pflicht zu differenzieren und uns nicht an Pauschalisierungen und der Konstruktion von Feindbildern zu beteiligen. So wie wir nicht immer wieder kollektiv und undifferenziert mit den Untaten der christlichen Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart identifiziert werden wollen, dürfen auch wir nicht jeden Muslim, dem wir begegnen, für die Gewalt und den Terror im Namen seiner Religion verantwortlich machen.

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie hat gesagt, der moderne Mensch in einer säkularen Gesellschaft leide an einer Art Phantomschmerz, den die Distanzierung von Religion ausgelöst hat. Ein Schmerz, der umso stärker wird wenn andere, sprich Muslime, in unmittelbarer Nachbarschaft eine tiefe Religiosität ausleben. Hat sich der säkulare Mensch zu leichtfertig seiner Religion entledigt?

Als evangelische Christin sehe ich keinen Widerspruch darin, ein moderner Mensch und gleichzeitig religiös zu sein. Ich spüre diesen "Phantomschmerz" also nicht. Wo er auftritt, sollte man ihm nachgehen!

Der Islam ist Teil unserer Gesellschaft, der Moscheebau nun gewissermaßen zur Nagelprobe der multikulturellen Gesellschaft und Integration geworden. Was wäre eine Lösung, mit der alle leben können?

Zunächst gilt es ernst zu nehmen, dass der Integrationsprozess Zeit braucht und es keine schnellen und einfachen Lösungen gibt. Diese können nur gemeinsam und durch intensiven Dialog gefunden werden. Zu ihm gibt es keine Alternative.

Interview: Anita Strecker

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