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Mainz statt Koblenz 60 Jahre Hauptstadt

Bei kühlem Wetter und heißer Blasmusik haben hunderte Gäste den Geburtstag von Rheinland- Pfalz im Mainzer Landtag gefeiert. Dabei wäre der fast in Koblenz gelandet.

17.05.2010 14:05
Der Landtag in Mainz während einer Sitzung. Foto: dpa

Bei kühlem Wetter und heißer Blasmusik haben hunderte Gäste am Dienstag in Mainz den 63. Geburtstag von Rheinland- Pfalz gefeiert. Landtagspräsident Joachim Mertes und Ministerpräsident Kurt Beck (beide SPD) eröffneten in wechselseitiger Ansprache das Bürgerfest rund um den Landtag. Mertes mahnte: "Halten wir unser Land schön in Ordnung, damit wir auch eine gute Zukunft bekommen!" Beck bekannte mit Blick auf die angebotenen kulinarischen Köstlichkeiten: "Ich bin zweimal vorbeigelaufen und habe schon ein halbes Kilo zugenommen, so gut sieht alles aus."

Die rheinland-pfälzische Landesverfassung wurde am 18. Mai 1947 in einer Volksabstimmung verabschiedet - drei Jahre später einigten sich die Abgeordeneten nach hartem Ringen auf ihre Hauptstadt.

Mainz gewinnt das Tauziehen

Die Mainzer Fastnachter brachten es seinerzeit auf den Punkt: Beim Rosenmontagszug im Jahr 1950 zeigte einer der Motivwagen ein heftiges Tauziehen zwischen den beiden Städten Mainz und Koblenz - um den Hauptstadtsitz. Die Gründung von Rheinland-Pfalz lag schon knapp vier Jahre zurück, aber das neue Bundesland hatte noch immer keine echte Hauptstadt. Die Regierung saß in Koblenz, Mainz war noch stark zerstört - und Rheinland-Pfalz ein Gebilde aus der Retorte. Die Entscheidung fiel am 16. Mai 1950: Mit einer knappen Mehrheit von 49 Ja-Stimmen gegen 32 Nein-Stimmen wählte der Landtag Mainz zur Landeshauptstadt.

Das Tauziehen um den Hauptstadtsitz erscheint heute unvorstellbar, schließlich sei Mainz eine "Stadt von besonderer Anziehungskraft" mit einer Jahrtausende alten Geschichte, sagt Landtagspräsident Joachim Mertes. Vor 60 Jahren sei deshalb eine "sehr gute und weitreichende Entscheidung" gefallen - gut nicht nur für Mainz, sondern auch für Koblenz, das in der Folge Sitz zahlreicher Bundesbehörden wurde. Eine Entscheidung, die auch das neu geschaffene Bundesland Rheinland-Pfalz rettete und formte.

Bevölkerung wurde nicht gefragt

Es war der 30. August 1946, als die Französische Militärregierung die Verordnung Nummer 57 erließ, darin der Satz: "Es wird hiermit ein Land geschaffen, welches die Pfalz und die gegenwärtigen Regierungsbezirke Trier, Koblenz, Mainz und Montabaur umfasst." Es war die Geburtsstunde von Rheinland-Pfalz, das es so vorher nicht gegeben hatte. Die Bevölkerung war bei dem Akt der Besatzungsmacht Frankreich nicht gefragt worden, sie stand dem "Gebilde aus der Retorte" entweder mit Skepsis oder mit schlichtem Desinteresse gegenüber.

Das galt auch für die Hauptstadtfrage: Artikel 2 der Verordnung bestimmte Mainz zur Landeshauptstadt, doch das einst "goldene Mainz" am Rhein war im Krieg stark zerstört worden. Sitz der Regierung wurde deshalb im November 1946 zunächst Koblenz, die alte Hauptstadt der preußischen Rheinprovinz. Den Mainzern war das ziemlich egal: "In der Nachkriegszeit ging es um das blanke Überleben", berichtet Mertes. Wichtiger als alles andere war sich Lebensmittel zu sichern, eine Wohnung und eine Heizung für den Winter. Noch 1950 gab es rund 10 000 Wohnungssuchende in Mainz - aber keine Wohnungen, geschweige denn Büros für Landesbedienstete.

Zum entscheidenden Motor für Mainz wurde ausgerechnet ein Koblenzer: Peter Altmaier (CDU), seit 1947 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, setzte sich massiv für den Umzug nach Mainz ein. Altmaier fürchtete um nichts weniger als den Bestand des jungen Bundeslandes, eine Hauptstadt Koblenz wäre den Pfälzern im Süden nicht zu vermitteln gewesen. Mainz dagegen wurde eine "Klammerfunktion" zwischen Nord und Süd zugeschrieben. Der Bestand des Landes sei damals "alles andere als sicher" gewesen, sagt auch Mertes: Nicht wenige hätten dem Gebilde Rheinland-Pfalz keine Zukunft gegeben, die Frage Mainz oder Koblenz sei deshalb auch eine Frage gewesen: "Rheinland-Pfalz, Ja oder Nein?"

Wie umstritten die Entscheidung war, zeigte sich bei einer ersten Abstimmung über die Hauptstadtfrage am 4. April 1950: Genau 43 Abgeordnete stimmten für Mainz - und 43 dagegen. Zuvor war am selben Tag der Artikel 2 der Verordnung der französischen Besatzungsmacht aufgehoben worden - damit der Landtag souverän entscheiden konnte. Das peinliche Patt lösten schließlich 26 CDU-Abgeordnete und 16 SPD-Abgeordnete auf: Sie unterschrieben einen gemeinsamen Initiativantrag für den Umzug nach Mainz.

Am 16. Mai 1950 entschied sich der Landtag mit 49 Ja-Stimmen gegenüber 32 Nein-Stimmen für die neue Landeshauptstadt. Drei Abgeordnete enthielten sich, 16 Parlamentarier waren der Abstimmung fern geblieben. Am 24. Juli 1950 begrüßte der Mainzer Oberbürgermeister Franz Stein (SPD) die ersten Beamten der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei in Mainz - standesgemäß mit dem Mainzer Fastnachtsgericht "Weck, Worscht und Woi", Brötchen, Fleischwurst und Wein. (ddp)

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