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Leitartikel Die Pfeiler zum Moscheebau

Das Beispiel Frankfurt macht deutlich - sobald man in Deutschland um Moscheebauten streitet, geht es stets um Grundsätzliches, eben um Fragen des interkulturellen Miteinanders.

05.10.2007 00:10
MATTHIAS ARNING
Dr. Matthias Arning leitet die Stadtredaktion der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Der Stadtdekan wollte abwarten. Erst mal schauen, wie sich der Konflikt an der Peripherie Frankfurts entwickeln würde. Doch Wochen später musste Raban Tilmann, Frankfurts oberster Katholik, einsehen, dass die Zeit des Wartens vorbei ist, man auch von seiten der christlichen Kirchen Position beziehen sollte. Der Streit um den Bau einer weiteren Moschee schwappte aus dem Stadtteil und dem dortigen Ortsbeirat über. Als ausgewachsener Krach landete er inzwischen in der Mitte der Stadtgesellschaft. Dort hat der von einer schwarz-grünen Koalition getragene Magistrat am Donnerstag Abend Haltung bezogen: Gemeinsam mit SPD und Freidemokraten sagte das von Oberbürgermeisterin Petra Roth geführte Römer-Bündnis Ja zum Moscheebau. Wenn auch unter Bedingungen.

Aber immerhin - in einer für sich selbst Aufgeklärtheit beanspruchenden Stadt wie Frankfurt am Main, die sich seit mindestens zwei Jahrzehnten ausdrücklich als multikulturell versteht, hatte diese Positionierung lange auf sich warten lassen. Zu lange. Bis schließlich die CDU-Politikerin Roth darauf bestand, dass es einen ausgiebigen Prozess des Austausches in dieser Angelegenheit geben müsse und ein Mediationsverfahren zwischen den Streitenden einsetzen sollte, hatte die Stadtregierung darauf gebaut, dass sich dieser Konflikt schon regeln werde, sich also Verwerfungen wie in Köln vermeiden ließen.

In einer ersten Phase sah es so aus, als werde der Streit einer sein, in dem sich aufgebrachte Anwohner und ein investitionsfreudiger Moscheeverein gegenüberstehen. Die Bürger, die nicht öffentlich über ihre spürbaren Ängste reden wollten, brachten übliche Einwände auf baurechtlicher Ebene gegen die Moschee vor. Sie stellten sich vor, mit der Frage nach einer ausreichenden Zahl von Stellplätzen für die Moscheebesucher, die an Freitagen zahlreich in den Stadtteil kommen würden, das geplante Projekt schnell in ihrem Sinne erledigen zu können. Dem hielt der Verein, der diese neue Betstätte schaffen will, entgegen, sich doch frühzeitig der Diskussion gestellt und sich an dem vom Sozialwissenschaftler Claus Leggewie verbreiteten Leitfaden zum Bau von Moscheen und zur Vermeidung entsprechender Streitigkeiten orientiert zu haben.

Allen Beteuerungen zum Trotz, nicht Saudi-Arabien, sondern vielmehr in Deutschland aufgewachsene Bürger muslimischen Glaubens würden die Moschee via Vereinsbeitrag und Bankkredit finanzieren: Emotionen verschärften den Konflikt. Gefühle, die Ausdruck einer großen Verunsicherung waren. Gefühle aber vor allem, die rechtspopulistische Kräfte erst richtig angestachelt hatten. Etwa in "offenen Briefen" an das Stadtoberhaupt, deren Inhalte sich in Zeitungen nachlesen ließen und den Eindruck von Schmähschriften erweckten. Diese, mitunter im Stadtparlament vertretenen Populisten beanspruchten die Rolle, die in Köln der Schriftsteller Ralph Giordano übernommen hatte: Giordano setzte zu einem Rundumschlag an, polemisierte gegen die Moschee, brachte die ja durchaus zu Recht verurteilten "Ehrenmorde" ins Spiel, geißelte die Unterdrückung der Frauen im Islam. Kurzum: Der von manchem als moralische Instanz verehrte Autor stellte das Projekt Multikulturalität grundsätzlich in Frage.

Seitdem zielt jeder Streit um den Bau einer Moschee in einem Land, in dem an jedem Marktplatz mindestens eine christliche Kirche zur vollen Stunde die Zeit vorgibt, auf Grundlegendes. Schließlich sitzt die Frage, ob denn die multikulturelle Gesellschaft gescheitert ist, wie ein Stachel im Fleisch dieser Republik. Man kann sagen: Gescheitert ist dieses Projekt, für das man in Frankfurt am Main im Jahr der Zeitenwende von 1989 das republikweit erste Amt für multikulturelle Angelegenheiten geschaffen hatte, sicherlich nicht. Aber die Lage der Einwanderungsgesellschaft ist seit der ersten Generation von Zuwanderern, die man noch mit dem Verweis auf das Vorläufige ihrer Anwesenheit "Gastarbeiter" nennen konnte, eine andere geworden. In der dritten Generation bleiben die Menschen - als deutsche Staatsbürger muslimischen Glaubens. Sie dürfen mit der Garantie des Menschenrechts auf Religionsfreiheit rechnen. Dazu gehört der Bau von Moscheen. Gleichzeitig kann die Mehrheitsgesellschaft allerdings auch Erwartungen an sie richten. Etwa solche: In den Moscheen, alten wie neuen, sollten nur Imame lehren, die hierzulande ausgebildet sind. Es geht eben um Prinzipielles.

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