Lade Inhalte...

Künstlerportrait Mit dem Pinsel um die Welt

Der in Frankfurt geborene Marc Remus hat sich durch seine Stadtportraits einen Namen gemacht. Dafür bereist er die ganze Welt. Von B. Tzschentke und J. Knäbe

01.02.2010 15:02
B. Tzschentke und J. Knäbe
Marc Remus hat 200 Portraits von 85 Städten gemalt. Foto: J. Knäbe

"Hey Baby", wird Marc Remus stets begrüßt, wenn er nach Los Angeles kommt. Der Frankfurter Künstler verbringt mehrere Monate im Jahr in Kalifornien und wer ihn da so nett begrüßt, st Lola, der Kakadu seiner Freunde. "In den USA lebt ein großer Teil meiner Familie, dort habe ich die Highschool besucht und studiert", so der jugendlich wirkende Vierzigjährige. Doch weder in den Vereinigten Staaten, noch in seinem Sachsenhäuser Atelier in Frankfurt hält es ihn lange - mehrmals im Jahr geht er auf Reisen.

Er lebte in Japan und Honduras, bis jetzt besuchte er mehr als 50 Länder. So ist es kein Wunder, dass sich Remus auf Städtemalerei spezialisiert hat. Mittlerweile hat er etwa 200 Portraits von 85 Städten angefertigt. Hauptsächlich von der Westküste der USA, von großen japanischen und europäischen Städten. Im Moment fokussiert er sich auf Deutschland. Damit er da nicht den Überblick verliert, hängt in seiner Galerie eine große Karte. Ein gelbes Fähnchen steht für "diese Stadt ist fotografiert", ein schwarzes für "gemalt" und rot dafür, dass er in dem Ort bereits eine Galerie gefunden hat.

Um für seine Serie "Impressionen" die Städte möglichst detailgetreu abbilden zu können, recherchiert er zu Geschichte und Gegenwart, macht bis zu 1000 Fotos. Die wichtigsten Gebäude und Wahrzeichen integriert er in ein Bild und vereint so den Charakter der Stadt in einem Gemälde. "Ich versuche immer stadtspezifische Sachen einzubauen, die nicht auf den ersten Blick zu sehen sind", sagt er, "wie den Struwwelpeterbrunnen in Frankfurt".

Acryl, Aquarell, Lacke, Buntstifte und Gouache lassen ein realistisches Abbild der Gebäude auf Leinwand erscheinen. Für den individuellen Remus-Charakter dieser Serie sorgt eine selbsterfundene Kaffee-Tee-Grundierung. Die Idee dazu entstand, als er in Kambodscha eine Serie zu alten Kulturen wie den Khmer anfertigte. Eigentlich wollte er auf Papyrus malen, was mit Aquarellfarben nur schwer möglich ist, wie er sagt. "Dann habe ich mir einmal versehentlich Tee auf die Hose geschüttet und dabei festgestellt, dass er als Grundierung einen Papyrus-Effekt hat."

Die Kraft der Farben

Nach einer Ausstellung der "Alten Kulturen" in Frankfurt begann er 1997 die Stadtansichten zu malen. Oft sind es die Städte selbst, die ein Portrait ihrer Örtlichkeiten für Marketingzwecke in Auftrag geben. "Es kam aber auch schon vor, dass ich einen Münchendruck in Arizona verkauft habe", erinnert er sich. "Das waren dann Urlaubserinnerungen." Meist verkauft er Kunstdrucke, die ab 55 Euro erhältlich sind. Originale kosten bis zu 3000 Euro.

Vor ein paar Jahr bekam er die Diagnose Krebs. "Ich wusste nicht, ob ich noch drei Wochen, drei Monate oder drei Jahre zu leben habe", erinnert er sich. Noch während der Chemotherapie begann er so viel zu malen wie noch nie zuvor. "42 Stadtportraits malte ich in dem Jahr, 2009 habe ich zum Vergleich nur neun geschafft." Er sehnte sich nach lebendigen Farben und entwarf eine neue Serie in Acryl: "Fun Cities" zeigt die Merkmale der Städte in buntem Pop Art-Stil. "Das macht mehr Spaß, man muss nicht so wirklichkeitsgetreu bleiben und kann auch mal etwas verzerren", sagt er. Gerade dem jungen Publikum gefalle dieser Kunststil besser.

Was die Galerien wollen, weiß er auch nach jahrelange Erfahrung nicht genau: "Die eine sagt zum Beispiel 'Wir brauchen unbedingt Beigetöne', die nächste sagt, 'beige geht gar nicht, wir brauchen blau'." Viele potentielle Käufer ließen sich zu sehr von Kunstexperten beeinflussen, die vorschrieben, was als Kunst zu gelten hat, anstatt sich auf den eigenen Geschmack zu verlassen. "Was Kunst ist und was nicht, muss jeder individuell selbst festlegen."

Ausstellung im Palmengarten

Abstrakt, Pop-Art oder realistisch - so vielfältig wie seine Kunststile sind die kreativen Sparten, in denen Remus sich bereits ausprobiert hat. Er besuchte die Schauspielschule, studierte Japanisch und Ethnologie. Außerdem absolvierte er in Kalifornien ein Studium zum Illustrator, am renommierten Art Center College of Design, wo Disneyzeichner ausgebildet werden. Im Frankfurter Palmengarten zeigte er Fotografien von exotischen Pflanzen - in Detailaufnahmen, so dass selbst die Botaniker sie nicht mehr mit Sicherheit einer Pflanze zuordnen konnten.

Der Malerei nicht genug. Er schreibt auch noch. Derzeit arbeitet er an einer fünfteiligen Kinderbuchserie namens "Magora". Zwei der Bücher sind bereits geschrieben, aber noch nicht veröffentlicht. "Beim Schreiben kann ich ganze Fantasiewelten erschaffen, während ich mir bei der Malerei ein bestimmtes Motiv heraussuchen muss", erklärt er. Obwohl deutsch seine Muttersprache ist, verfasst er Bücher am liebsten auf Englisch. "So kann ich mich einfach am besten ausdrücken", erklärt er.

Der brotlose Künstler?

Das Bild des Künstlers sei bei vielen Menschen ein Falsches. Die Menschen erwarteten stets etwas Extravagantes. Doch sein Atelier ist aufgeräumt, er kleidet sich sportlich und geht ins Fitnessstudio. "In Deutschland ist der Beruf des Künstlers als brotlos verschrien, die erste Frage hier ist immer von was ich eigentliche lebe", sagt Remus. In den USA habe ein Künstler den Status, den hier ein Arzt oder Rechtsanwalt genießt.

Oft höre er in Deutschland: "Kunst, damit kann ich nichts anfangen", während die Amerikaner mehr Interesse zeigten. "Die USA sind offener für Neues, während in Deutschland vor allem Historisches wie etwa Botticelli geschätzt wird", erklärt er. "Gerade in Los Angeles inspirieren sich Kreative gegenseitig, anstatt sich den Erfolg zu neiden".

Der Umsatz liegt nicht nur am Geschick des Künstlers: "2009 hat es besonders in Amerika die Branche wegen der Krise hart getroffen." Viele Galerien mussten schließen. 2010 will er unter anderem eine neue Bilderserie anfertigen, in der er die Farben des Universums einfangen will. Als nächstes ist eine Reise nach Dubai geplant. Lola aus LA wird wohl noch eine Weile auf ihn warten müssen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen