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IM GESPRÄCH Ein Flughafenbauer ohne Fernweh

Wolfgang Schubert bei Horst Amann

14.12.2002 00:12

Eigentlich könnte ihm der Ausbau des Flughafens ziemlich wurscht sein. "Ich habe keinen Fernreisedrang", sagt Horst Amann und beugt weiteren Fragen gleich vor. "Ich kenne weder die USA noch Asien. Wenn jemand das als Kultur-Defizit ansieht, dann habe ich eben ein Defizit." Den Urlaub im vergangenen Jahr verbrachte er mit der Familie im Hausboot auf dem Canal du midi in Südfrankreich. Als er vor einiger Zeit nach Dubai flog, war das auch nicht freiwillig: Dienstreise.

Dennoch dreht sich für den 49-Jährigen alles um den Ausbau. Die Fotomontage mit der neuen Landebahn und der Brücke über die Autobahn A 3 liegt im DIN A 3-Format bereits auf seinem Schreibtisch, die Wände des Büros sind gepflastert mit Plänen und Skizzen, in Griffweite hinter ihm stehen die 17 Aktenordner vom Raumordnungsverfahren, am Boden türmen sich die Kisten für das anstehende Planfeststellungsverfahren zum Bau der Wartungshalle für den Airbus A 380.

"Hier brummt der Bär", lächelt der Diplom-Ingenieur und kann kaum abwarten, bis die ersten Bagger vorfahren: "Ich will die Dinger landen sehen." Der "Darmstädter Bub" (Amann über Amann) ist ungeduldig. Eigentlich geht ihm alles viel zu langsam. Tempo ist das Maß der Dinge.

Das war schon immer so. Mit 17 in Darmstadt das Abitur gemacht, später bei der Bahn in Frankfurt unter Vorbehalt einen Vertrag unterschrieben, weil er noch nicht einmal das Diplom der TU Darmstadt in der Tasche hatte. Dass er zum Ende seiner Karriere bei der DB Projektleiter für die Tempo-300-Strecke von Frankfurt nach Köln war und als "Sahnehäubchen" noch den neuen Flughafenbahnhof mit seiner prägnanten Glaskuppel verantwortete, passt ins Bild.

Die Porsche-Modelle im Regal hinter dem Konferenztisch und der Porsche Kalender an der Wand, lassen es ahnen: Auch privat gibt der Mann gern Gas. Vier Sportwagen aus Stuttgart-Zuffenhausen waren auf ihn zugelassen, zuletzt ein Turbo mit "über 400 PS", wie er schmunzelnd erzählt: "Mit dem auf dem Nürburgring, das hat Spaß gemacht."

Noch aufregender war es in diesem Jahr beim Formel 3-Training. Für drei Tage hat er sich "obwohl ich viel zu alt und viel zu dick bin", in die engen Boliden gezwängt und auf dem Ring in der Eifel Gas gegeben. Ob Hockenheim, die Ferrari-Hausstrecke Imola oder Zandvoort in Holland, er kennt die Strecken alle aus eigener Anschauung, meint der Mann, der dennoch in der Verkehrssünderkartei von Flensburg in 32 Jahren nur zwei Einträge hatte. Drei Punkte wegen überhöhter Geschwindigkeit "von maßvollen 31 Stundenkilometern außerhalb einer Ortschaft" und wegen zu geringen Abstands. 22 Meter bei Tempo 120 - das weiß Amann noch genau. Er mag, sagt er, "keine halben Sachen". Entweder hopp oder top. Dazwischen gibt es nichts.

Als er mit der Basketballmannschaft mit 15 sogar Hessenmeister wurde, hat er kurz darauf dennoch aufgesteckt. Zum wirklichen Spitzenspieler hätte es wohl nicht gereicht - "da hatte ich von der Körpergröße zu viele Nachteile". 171 Zentimeter waren für eine Bundesligakarriere einfach zu wenig. Auch mit der Leichtathletik machte er Schluss, als er zwar respektable 11,4 Sekunden über 100 Meter schaffte, mehr aber trotz intensiven Trainings nicht drin war.

Heute rutscht die Hose schon mal unter den Bauchnabel und spannt das Hemd, wenn sich Amann genüsslich im Sessel zurücklehnt und vom Rotwein und dem Essen in Südfrankreich schwärmt. Dort besitzt die Familie seit drei Jahren ein Häuschen. Das führt der Fraport-Manager auch verschmitzt lächelnd als Grund an, warum er eine "Porsche-Pause eingelegt" hat: "Erst haben wir die Sparbücher geplündert, dann musste noch der Wagen dran glauben." Tatsächlich hat er sich vom Porsche in erster Linie getrennt, weil der manchmal wochenlang in der Garage stand. Heute fliegen die Amanns meist nach Südfrankreich. Nicht von Frankfurt, sondern vom Flughafen Hahn aus, mit Ryanair. Die landet in Perpignan, exakt 18 Kilometer vom Grundstück entfernt. Das ist praktisch und preisgünstig. Eigentlich stand der Hauskauf erst für später auf dem Plan. Doch dann kam eine günstige Gelegenheit und Amann stand wieder einmal im Leben vor der Entscheidung: hopp oder top.

Er hat weder den Hauskauf, noch den Wechsel von der Bahn zum Flughafen "auch nur eine Minute bereut", obwohl er damals mit dem Ausscheiden aus dem "wohlumsorgenden Arbeitgeber Bahn" auch die Pensionsansprüche komplett aufgegeben hatte.

Und dass sein Job nicht nur auf Zustimmung trifft, sei von vornherein klar gewesen: "Natürlich ist es in Raunheim und in Offenbach nicht so idyllisch wie in Bad Orb". Protest, sagt er, könne er zudem vertragen. "Das habe ich bei der Neubaustrecke nach Köln gelernt." Und persönliche Beleidigungen oder Beschimpfungen hielten sich "zumindest bis jetzt Gott sei Dank in Grenzen". Schließlich gebe es ja auch gute Gründen für den Ausbau des Airports.

Dennoch kommt es Amann nicht ungelegen, dass er mehr im Frankfurter Raum als in seiner Heimatgemeinde bei Darmstadt bekannt ist. Die Zeiten der Startbahn 18 West, als sich Flughafen-Manager stabilere Haustüren haben einbauen lassen und regelmäßig die Schmierereien von ihren Häusern beseitigen mussten, seien auch ihm noch in Erinnerung. "Deshalb bin ich nicht gerade scharf darauf, an meinem Wohnort als Ausbau-Amann verschrieen zu sein". Folglich ist er auch nicht unglücklich darüber, "dass die meisten Leute denken, ich bin noch bei der Bahn".

Verstärkt unter Druck gerät er aber allmählich in der Familie. Vor allem die zwölfjährige Tochter beschwere sich "natürlich zu Recht" darüber, dass er zu selten zu Hause ist. Und die zweite Tochter, drei Jahre älter, möchte die Ferien endlich mal nicht in Südfrankreich verbringen. Ganz oben auf der Wunschliste stehen die USA.

"Das wird sich machen lassen", sagt der Vater und sieht zugleich das große Problem: "Mehr als drei Wochen sind nicht drin." Drei Wochen am Stück seien angesichts der derzeitigen Arbeitsbelastung die Schmerzgrenze: "Mehr geht nicht."

Wenn die Familie am 27. Dezember zunächst einmal in den Weihnachtsurlaub aufbricht und selbstverständlich nach Südfrankreich fährt, ist dort das Fax-Gerät jeden Tag betriebsbereit. Und wenn die Amanns anschließend nur für eine Woche zum Skilaufen ins Montafon aufbrechen, hat der Vater das Handy auch auf der Piste dabei. Und für den allergrößten Notfall hat er sich von der Sekretärin sicherheitshalber schon einmal den Flugplan zwischen Friedrichshafen und Frankfurt ausdrucken lassen.

Man weiß ja nie: "An einem Tag könnte ich dann hin und zurück fliegen", sagt Horst Amann. Wie praktisch.

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