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Zeppelin-Absturz "Bis zuletzt hatte ich gehofft"

Drei Menschen haben das tragische Luftschiff-Unglück überlebt. Joachim Storch ist einer von ihnen. Der Pressefotograf spricht in der FR über seine Erlebnisse an Bord.

14.06.2011 15:20
Joachim Storch ist einer der drei Überlebenden Foto: dapd

Drei Menschen haben das tragische Luftschiff-Unglück überlebt. Joachim Storch ist einer von ihnen. Der Pressefotograf spricht in der FR über seine Erlebnisse an Bord.

Damit ein Luftschiff nicht aus der Balance gerät, muss man wechselseitig ein- und aussteigen. Deshalb bekamen wir von dem englischsprachigen Bodenpersonal exakte Anweisungen, als wir gegen 16 Uhr unsere Plätze mit dem Kind und den beiden Erwachsenen wechselte. Sie waren vor uns geflogen und hatten die Tour beim Hessentag gewonnen. Um am Boden die Kontrolle über das Luftschiff zu halten, hielt die Bodencrew es zusätzlich an drei bis fünf Meter langen Seilen und an der Messingreling.

Rund dreieinhalb Stunden waren wir dann in der Luft. Unser Pilot Mike war ein cooler Typ, die Stimmung gut. Zurück in Reichelsheim gingen wir jedoch nicht auf dem bemähten Rasen nieder, sondern auf einem unebenen Gelände mit hohem trockenen Gräsern . Wir rauschten mit einer ordentlichen Geschwindigkeit darüber. Plötzlich hatten wir Bodenkontakt. Wir hörten fürchterlich laute Schläge, die Maschine heulte. Die Landehelfer waren 200 bis 300 Meter entfernt.

Plötzlich verstummten die Motoren. Wir dachten, gleich kommt jemand, um uns zu helfen. Über das Headset hörten wir Mike: „I had an accident, I crashed the airship.“ Das waren die letzten Worte, die ich von ihm vernahm. Er gab uns danach keine Anweisungen, blieb aber ganz ruhig.

Ich bemerkte einen leichten Benzingeruch. Dann wurde er stechend penetrant. Auf der Rückbank, wo ich rund 30 Zentimeter vom Motor entfernt mit einem Kollegen saß, wurde es auf einem Schlag kochend heiß am Rücken, eine stechende Hitze. Die Kollegin auf dem Co-Pilotsitz schnallte sich ab, schaute aus dem Fenster und rief „Feuer, Feuer“.

Sie stürzte sich aus dem Fenster, das Luftschiff schaukelte leicht hin und her. Der Kollege saß links an der Tür. Er bekam sie nicht auf, aber der Pilot halb ihm sie zu entriegeln. Dann stürzte auch er sich raus, die Tür bleib offen. Ich sprang zum Schluss kopfüber aus dem ein Mal ein Meter großen Fenster. Noch immer war mir nicht klar, dass Menschenleben in Gefahr waren.

Das Luftschiff stieg im Zeitlupentempo in die Höhe. Dann eine Stichflamme. Ich spürte Panik. Der Motorblock brannte lichterloh. Das Fahrwerk löste sich, das aus zwei Zwillingsreifen bestand. Irgendwann ging das von starkem dunklem Rauch umgebene Schiff wie ein Komet zu Boden, mitten in eine Kuhherde, die auseinander stob. Bis zuletzt hatte ich gehofft, dass Mike sich noch retten konnte. Zeit dazu hätte er gehabt, seine Tür stand offen. Vielleicht wollte er sicher gehen, dass das brennende Luftschiff nicht direkt über der nahen Siedlung hinabfällt.

Aufgezeichnet von Jutta Rippegather

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