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Sekten In Gottes Namen

Wird ein Medienunternehmen im Main-Kinzig-Kreis von Sektenmitgliedern geführt? Aussteiger berichten von Gehirnwäsche, Ausbeutung und Gewalt. Der Geschäftsführer beklagt die Vorwürfe als Teil einer Hetzkampagne.

Das Leben in der Gruppe sei von Schwarz-Weiß-Denken und Gehirnwäsche geprägt gewesen, sagen die Aussteiger. Foto: imago stock&people

Meine Kindheit war oft die Hölle“, erinnert sich Peter Lehnert (alle Namen geändert). „Ich bin in einem Regime aufgewachsen, das von Gehirnwäsche und Gewalt geprägt war“, sagt Lehnert über die Zeit, die mittlerweile mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegt. Er ist in einer mutmaßlichen Sekte groß geworden. Brigitte Kern, die Führungsfigur, habe manche Kinder – sowohl ihre eigenen als auch Mädchen und Jungen, die Mitglieder ihr zur Betreuung überlassen hätten – als böse betrachtet, „von dunklen Mächten besessen“. Deshalb seien sie ausgegrenzt, vernachlässigt und geschlagen worden. Kern habe sie in einen Raum sperren lassen, in dem nur Matratzen und Nachttöpfe gestanden hätten. Manchmal seien die Kinder nachts geweckt worden, um ihnen den Mund mit Seife auszuwaschen. Lehnerts Aussagen werden von weiteren Aussteigern bestätigt.
Sein Alltag sei ein „Ringen um Selbstverständlichkeiten“ gewesen, sagt Lehnert. „Einfach an den Kühlschrank gehen und sich etwas zu Essen herausholen, wurde verboten. Genauso wie Freunde außerhalb der Gruppe.“ Unerträglich seien auch die „ständigen Vorwürfe“ und „absurden Glaubensvorträge“ gewesen. Der Aussteiger spricht von permanenter Gehirnwäsche: „Die angeblichen Botschaften Gottes bestimmten das ganze Leben.“ Als Kind habe er Schutzmechanismen entwickeln müssen: „Ich habe mir immer wieder gesagt: Früher oder später werde ich ausbrechen.“
Die etwa 20-köpfige Gruppierung aus dem Main-Kinzig-Kreis existiert offenbar nach wie vor. Und Brigitte Kern steht mit ihrem Ehemann Wolfgang anscheinend weiter an der Spitze. Fünf Aussteiger berichten der Frankfurter Rundschau übereinstimmend: Brigitte Kern gebe vor, mit Gott – vor allem mit Hilfe von Träumen – kommunizieren zu können und von ihm Anweisungen zu erhalten, welche die anderen Mitglieder ausführen sollten.

Ständige Vorträge, Verbote und absurde Glaubensvorträge

Zwei Bücher von Kern sowie Briefe und E-Mails, die der Frankfurter Rundschau vorliegen, stützen die Angaben der Informanten. In ihren Träumen erhalte Kern Botschaften vom „Alten“ beziehungsweise vom „Alterchen“ – so wird Gott in vielen der Schreiben von ihr genannt. Ihr Ehemann Wolfgang halte sich ebenfalls für ein Medium, sagen die Aussteiger: Er kann demnach in Briefform zu Papier bringen, was Gott seiner Frau mitteilen wolle.
Zentraler Gedanke dabei sei die Vorstellung, dass es in jedem Menschen eine gute sowie eine dunkle Macht gebe. Jeder müsse sich entscheiden, ob er dem Guten oder dem Bösen in sich Raum zur Entfaltung gebe – und die Konsequenzen tragen. Die in einem der Briefe formulierten Gebote geben eine Vorstellung von dem Weltbild der Gruppe: „Hinter B. steht der große Gott“, lautet das erste, „B. sagt des großen Gottes objektiv gültige Wahrheit weiter“ das zweite. „Der große Gott selbst macht B. unruhig, wenn die Dunklen in einem Menschen verstärkt zugreifen“, besagt das dritte Gebot, „Wer B. nicht liebt, der liebt sich selbst nicht“ das neunte.
Die Folgen seien vernichtend, sagen die Aussteiger. Sie sprechen von Ausbeutung, psychischer und körperlicher Gewalt und Ächtung von Aussteigern. Von einem totalitären System, in dem Mitgliedern schwere seelische Schäden zugefügt und Familien zerstört worden seien.
In den Schriften, in denen Gott sich angeblich an Brigitte Kern richtet, finden sich Heilsversprechen und Drohungen. „Wenn die Menschen bei dir in selbstloser Liebe zu 100 % auf dich hören, was du ihnen im Namen des großen Gottes sagst, dann kann sich dein großer Gott zu 100 % für die Deinen einsetzen. Das gilt für das innere und äußere Leben, für die Gesundheit und alle Krankheitsattacken der Menschen bei dir“, steht in einem der Briefe. „Dein geliebtes Alterchen sagt, alle, die dein Leben endgültig verraten haben und die Botschaft deines großen Gottes und dein Leben für immer beschmutzt und verunglimpft haben, haben eine schwere und unfassbare Schuld auf sich geladen.“
In den Büchern geht es auch um Kinder und Erziehung. In einer Passage, in der Brigitte Kern Träume zusammenfasst, steht: „In allen Träumen wurde die kalte, überhebliche Verlogenheit unserer Kinder attackiert (…) Immer ging es um die Diagnose von Gott her und um den Weg zur Heilung (…), daß sie von ihren asozialen Tendenzen frei würden in dem Maß, wie sie innen und außen die Beziehung zu mir aufnehmen.“

"Plötzlich konnte ich kein Wort mehr sagen"

Die „kalten, verlogenen Machtkomplexe“ fingen schon früh an, so Kern weiter. „Dadurch verliert ein Kind jede echte Beziehung und verödet innerlich.“ Einige Seiten weiter: „Vor Jahren wachte ich eines nachts auf und bat Gott um Vergebung, weil ich so zornig gegen die Gemeinheit der Kinder vorgegangen war. Plötzlich konnte ich kein Wort mehr sagen und sah ein Bild vor mir, daß unsere sieben Kinder sich wie zu einem Vampir vereinigten. Da begriff ich sofort und bat Gott um Verzeihung, daß ich auch ein gutes Muttchen sein wollte.“
Der Ursprung der Gruppe liegt in den 1980er Jahren. Damals wurden drei Pastoren der evangelisch-methodistischen Kirche auch deshalb aus ihrer Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen, weil sie als Seelsorger auf die Methode der Traumdeutung zurückgriffen. Einer von ihnen war Kern, ein zweiter ist noch heute in der Gruppe aktiv.
Heute führen Mitglieder der Gemeinschaft ein Medienunternehmen, die Firma produziert auch Werbefilme. Das Unternehmen wird mutmaßlich als Werk Gottes betrachtet. Irgendwann solle es dazu dienen, die Botschaft von Kern und dem „Alten“ zu verbreiten, sagen die Aussteiger. In einer internen E-Mail, die an mehr als zehn Mitarbeiter adressiert ist, wird ein neues Firmengebäude mit der Arche verglichen. Sie gebe Geborgenheit und Schutz und sei gleichzeitig ein Symbol dafür, dass durch Brigitte Kern „Leben innen und außen gerettet worden ist“.
„Die Firma soll Einnahmen generieren und die Möglichkeiten schaffen, um die Botschaft zu verbreiten“, sagt Aussteiger Christian Wolter. „Der Alte“ und Brigitte Kern gäben alles bis ins kleinste Detail vor. In einer E-Mail ist die Rede davon, dass alle Preise und Bestellungen nach Absprache mit Brigitte Kern und „dem großen Gott“ gemacht werden. In einer anderen werden alle Mitarbeiter aufgefordert, sich einen der Briefe jeden Tag vor dem Frühstück durchzulesen: „Liebe Brigitte, dein großer Gott füllt dich mit seinen Energien, der Liebe und der Kraft (…) Die dunklen treiben ein sadistisches Spiel mit den Menschen, indem sie zerstören und aufbauen, sich verstecken und wieder sichtbar sind, lügen und betrügen.“

Darlehen in Höhe von etwa 1,65 Millionen Euro

In dem Unternehmen gebe es viele Paare. Brigitte Kern habe bei der Partnerwahl der Mitglieder immer das letzte Wort haben wollen und dabei vor allem im Auge gehabt, ob jemand der Firma nützlich sein könnte, sagen die Informanten. Die Arbeitsbelastung sei sehr hoch, der Lohn niedrig: „16 Stunden Arbeit pro Tag, 7 Tage die Woche – das ist keine Ausnahme“, sagt Tobias Weiß. Vollzeitkräfte hätten für 450 Euro im Monat gearbeitet.
Die Beschäftigten, so die Aussteiger, steckten ihr Privatvermögen in die Firma, ein Gebäude sei damit finanziert worden. „Brigitte Kern redet ständig von Liebe, aber das System ist ausbeuterisch“, sagt Weiß. Zum Jahresabschluss 2012 des Unternehmens stehen im Bundesanzeiger unter „sonstigen Verbindlichkeiten“ verschiedene Darlehen in Höhe von etwa 1,65 Millionen Euro, „hauptsächlich von Arbeitnehmern“. Gleichzeitig werde in der Gruppe und in der Firma extreme Sparsamkeit an den Tag gelegt, so die Informanten. In einer E-Mail ist zu lesen: „Brigitte bittet noch mal – auch angesichts der hohen Heizölpreise – darum, dass wir wie mit allem auch sorgsam mit Heizung und Warmwasser umgehen. Wir können ja auch Duschen und Haarewaschen so einrichten, dass wir das mit dem Schwimmengehen verbinden. Übrigens: wir sollten nicht länger als eine halbe Stunde schwimmen.“
Wenn sich die Gruppe sonntags treffe, halte Kern oft lange Monologe. Dabei mache sie Mitgliedern Vorwürfe, weil diese sich nicht genug einbringen oder „den Dunklen“ zu viel Raum geben würden. Wer die Gemeinschaft verlässt, werde geächtet. Über einen Aussteiger habe Kern gesagt, er werde bald sterben. Es sei ein „ständiges Spiel mit Ängsten“, sagt Wolter.

Psychiatrische Hilfe wäre längst notwendig gewesen

Mit den vier anderen geht er nun an die Öffentlichkeit, weil sie fürchten, dass die Gruppe weitere, vor allem junge Opfer anziehen könnte. „Sie versuchen, neue Anhänger zu besorgen“, sagt Tobias Weiß und berichtet, dass die Firma mit einer Bildungseinrichtung aus der Region kooperieren wollte. Die Einrichtung bestätigt dies auf Anfrage.
Die Informanten wollen die Menschen, die der Gruppe nach wie vor angehören, aufrütteln, sagen sie. „Wir wollen verhindern, dass noch mehr Schaden angerichtet wird. Und hoffen, dass unser Schritt andere dazu bringt, auch auszusteigen. Sie sind auch Opfer“, sagt Wolter. Brigitte Kern sei krank und hätte längst psychiatrisch behandelt werden sollen.
Die Frankfurter Rundschau hat Wolfgang und Brigitte Kern mit den Vorwürfen konfrontiert. Wolfgang Kern teilt mit, er kenne die Informanten. „Sie führen seit spätestens 2013 einen erbitterten Kampf gegen meine Frau und mich sowie unseren Freundeskreis und das von mir geführte Unternehmen (…), indem sie schwere Vorwürfe erheben…“, schreibt Kern. „Nach meiner Wahrnehmung geht es Ihren Informanten in erster Linie darum, mein Unternehmen mit allen Mitteln in den Ruin zu treiben.“ Vor diesem Hintergrund „bitte ich um Verständnis, dass ich mich zu den von Ihnen gestellten Fragen nicht im Detail äußern will.“
Viele der Fragen ließen sich nicht sachgerecht mit Ja oder Nein beantworten, so Kern. Er werde „aber auch nicht jede Einzelheit mit eigenen Erläuterungen kommentieren und damit zusätzliches Material für weitere Auseinandersetzungen mit Ihren Informanten liefern“.
Zur Religion der Gruppe schreibt Kern: „Meine Frau und ich und mit uns einige Freunde (Ehepaare und Einzelpersonen) haben viele Erfahrungen mit dem gemacht, wovon die Kirchen seit Jahrhunderten predigen – es aber nicht zulassen wollen, weil es ihre Machtstrukturen in Gefahr bringt –, dass nämlich Gott zu den Menschen spricht, aktuell, konkret und persönlich – wenn sie es denn hören wollen.“ Solche Erfahrungen hätten ihr Leben geprägt. „Sie erfordern aber auch, dass wir die Verbindlichkeit dessen anerkennen, was der Größere in uns zu sagen hat.“ Im Lauf der Jahre seien Menschen zu den Kerns gekommen, die dies verstanden hätten und denen dadurch geholfen worden sei. Niemand, der die Gruppe verlassen wollte, sei aufgehalten worden. „Bei uns sind auch unsere Kinder erwachsen geworden und die unserer Freunde – aber darüber hinaus keine Kinder von Dritten –, auch sie gehen inzwischen ihre eigenen Wege.“

Religiös motivierter psychischer Druck

Kern betont: „Wir sind keine Glaubensgemeinschaft oder sonstige religiöse Gruppe; wir haben keine Glaubenslehre, kein ,Medium‘ und keine Kultgegenstände, keine Symbole, keine Liturgien und keine Rituale.“ Sie würden nicht missionieren, weder Spenden noch Beiträge kassieren, „stehen aber füreinander ein, wie auch immer dies erforderlich erscheint“. Ein Großteil der Gruppe sei in der Firma beschäftigt. „Dennoch halten wir Privates und das Unternehmen ausdrücklich auseinander.“
Auf die Arbeitsbedingungen wolle er nicht im Einzelnen eingehen, so Kern. Er verweist aber darauf, dass ein Ex-Mitarbeiter das Unternehmen auf Zahlung von knapp einer Viertelmillion Euro nebst Zinsen verklagt habe. „In seiner Klage hat er im Wesentlichen die gleichen Vorwürfe erhoben, die auch Grundlage Ihres Schreibens sind, hat sich auf angeblich erlittenen religiös motivierten psychischen Druck, hohe ökonomische Ausbeutung und sittenwidrig geringe Bezahlung berufen.“ Seine Firma habe die Klagegründe „umfassend widerlegt“. Trotz „wiederholter Aufforderung mit Fristsetzung durch das Gericht hat der Kläger hierzu keinerlei Stellungnahme mehr vorzulegen vermocht“. Nach einigem Widerstand habe der Mann einen Vergleichsvorschlag angenommen, wonach ihm noch Lohn in Höhe von 10 000 Euro brutto gezahlt werden sollte.
Kern schreibt hierzu: Experten wüssten, dass ein Gericht einen solchen Vergleich – bei dem die Vergleichssumme gegenüber einer hohen Klageforderung nur einen „verschwindend kleinen Minimalbetrag“ ausmache – nur dann vorschlage, wenn es einen „offenkundig aussichtslosen“ Prozess schnell beenden und den Kläger mit Blick auf ein möglicherweise bestehendes kleines Restrisiko nicht durch eine Klageabweisung völlig leer ausgehen lassen wolle. Die Firma sehe sich durch dieses Verfahren in ihrer Auffassung bestärkt, dass sie sich wegen der Arbeitsbedingungen nichts vorzuhalten habe.
Der Bau des Firmengebäudes sei „neben dem Einsatz selbst erwirtschafteter Mittel zum überwiegenden Teil mit Bankdarlehen und zu einem kleinen Teil mit Privatdarlehen“ finanziert worden. Spenden seien nicht entgegengenommen worden. Die Firma sei nicht spendenberechtigt. Bei einer Betriebsprüfung vor zwei Monaten habe das Finanzamt keine Unregelmäßigkeiten festgestellt.

Von der Angst zur Befreiung

Die Aussteiger bleiben indes bei ihrer Darstellung. Zum Prozess vor dem Arbeitsgericht sagen sie, der Kläger habe dem Vergleich vor allem aus familiären Gründen zugestimmt. Er habe den Aufwand des Verfahrens nicht mehr bewältigen können und damals einen Schlussstrich ziehen wollen.
Den letzten Antrieb zum Bruch mit der Gruppe haben die Aussteiger durch neue Partner bekommen: Mehrere von ihnen haben sich in Menschen verliebt, die nicht zum Kreis der Kerns gehörten. Einige hielten ihre Beziehung lange geheim. „Wir standen unter einem hohen Druck, hatten ständig Angst aufzufliegen. Aber wenn wir zusammen waren, haben wir uns an keine Vorschriften gehalten. Das war unglaublich befreiend“, sagt Tobias Weiß. Die Liebe habe einen Denkprozess in Gang gesetzt. „Wir erkannten, wie viele Urteile von Kern nicht zutrafen. Und wie stark die Mitglieder der Gruppe ausgenutzt werden“, sagt Christian Wolter.
Weshalb sie so lange dabeigeblieben sind? „Wenn man voraussetzt, dass alle Botschaften stimmen, macht man es sich passend“, so Wolter. Die Zweifel kämen dann von der dunklen Seite. „Und wenn die wichtigsten Bezugspersonen von solchen Botschaften überzeugt sind, stehen die allermeisten Kinder auch dahinter – zumindest zunächst.“ Wer nicht hineingeboren wurde, sei mit dem sogenannten Love bombing, gezielten Schmeicheleien und Versprechungen, gewonnen worden. „Sie versuchen nicht zuletzt Leute anzuziehen, die in einer schwierigen Lebenssituation sind“, sagt Peter Lehnert.
Die Aussteiger haben den Absprung geschafft, ringen aber manchmal noch mit den Folgen ihres Lebens in der Gruppe. Einer von ihnen hatte große psychische Probleme: Er hat sich selbst schwere Verletzungen zugefügt und versucht, sich das Leben zu nehmen. Er habe einfach keine normale Kindheit und Jugend gehabt, kein normales Familienleben. Vor allem an Wärme und Wertschätzung habe es ihm gemangelt. Er habe verinnerlicht: „Wenn etwas schiefläuft, ist man selbst schuld. Wenn etwas gelingt, ist es dem Alten und Brigitte Kern zu verdanken.“

Führungsfiguren dürfen nicht hinterfragt werden

Susanne Körbel sagt: „Wenn ich zurückdenke, fange ich immer noch an zu zittern.“ Sie hat die Gemeinschaft vor mehr als zehn Jahren verlassen. „Ich suchte nach einer Ur-Erfahrung mit Gott. Die Kerns konnten mir das bieten.“ Doch irgendwann „wurde die Schlinge zugezogen“. Ihr größter Fehler sei gewesen, dass sie Brigitte Kern alle ihre Träume erzählt habe, sagt Körbel. „Dadurch wusste sie, was mir zu schaffen macht, und konnte mich manipulieren und erniedrigen.“
Der Psychologe Dieter Rohmann hat einige der Aussteiger betreut. „Auf die Gruppe um Brigitte Kern treffen viele für Sekten typische Merkmale zu“, erklärt er. Ein einfaches Weltbild, das jedes Problem erkläre. Eine Meisterin, die allein im Besitz der ganzen Wahrheit sei. Fast alles müsse von der Führerin, die sich dem Anschein nach als Sprachrohr Gottes betrachte, abgesegnet werden. „Die Außenwelt und die Menschheit wird von der Meisterin als verloren, eitel und dunkel definiert“, so Rohmann. Die Führungsfigur dürfe nicht in Frage gestellt werden. Wer dies tue, mache sich schuldig. „Er hat dem Bösen, den Dunklen Einlass gewährt und riskiert eine schmerzhafte Isolierung beziehungsweise den Ausschluss aus der Gruppe.“ Kritische Gedanken würden dadurch im Keim erstickt.

Intelligenz schütze nicht davor, Teil einer solchen Gruppe zu werden, weiß Rohmann aus Erfahrung. Die Meister appellierten an die Emotionen, nicht an den Verstand. Neben den großen Sekten gebe es mittlerweile „schrecklich viele“ kleine Gruppen mit zehn bis 20 Mitgliedern.
„Träume, Schuld, Dunkelheit und das Böse sind in der Gruppe zentrale Begriffe. Sie werden benutzt, um Mitglieder unter Druck zu setzen und sie glauben zu lassen, sie müssten von der Führungsfigur gereinigt werden.“ Das könne eine starke Abhängigkeit bei Mitgliedern erzeugen, die nur die Wahl haben zwischen entweder/oder, gut/schlecht, schwarz/weiß, hell/dunkel, drin/draußen.
„Der einzelne Mensch ist so gut wie nichts wert. Was zählt, ist die Gruppe“, so Rohmann. Deshalb könnten Mitglieder eine massive Ich-Störung davontragen. „Es fehlt ihnen an Selbstständigkeit, an Vertrauen in sich selbst.“ Wem kann ich vertrauen? Wie baue ich Beziehungen auf? Diese Fragen könnten Aussteiger nur schwer beantworten. „Der Ausstieg aus dieser Parallelwelt ist unfassbar schwierig und stellt ein hohes Risiko dar“, sagt Rohmann. „Man kann die Aussteiger mit den Seefahrern vergleichen, die einst überprüften, ob die Erde tatsächlich eine Scheibe ist. Denn die Außenwelt wurde ihnen von klein auf als verwerflich, dunkel, schlecht beschrieben.“

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