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Geschichte Von Waggonhausen zur Gartenstadt

Marioth - Lohwald - Waldheim-Süd. Als Waggonhausen war der Stadtteil einst im Offenbacher Volksmund bekannt. Obdachlose, Stadtstreicher und Bombenopfer aus dem Krieg fanden dort eine Unterkunft.

29.05.2008 11:05
Die Einfachst-Wohnungen dienten Obdachlosen als Unterkunft. Foto: FR

Um 1900 gründet der Frankfurter Unternehmer Jakob Latscha die Grundstücksgesellschaft Marioth-GmbH. Damit will er Wohneigentum für den kleinen Mann fördern. Er kauft preiswerte Grundstücke, auf denen Arbeitersiedlungshäuser entstehen sollen. Billiges Baugelände findet er in den Gemeinden Rumpenheim, Mühlheim und Bürgel, die seit 1912 zum Stadtgebiet Offenbachs gehören. Während des ersten Weltkriegs verkauft die Marioth-Gesellschaft das Gelände an die Stadt Offenbach. Es behält über Jahrzehnte den Namen "Marioth". Die Stadt Offenbach errichtet dort einen Friedhof und eine Kleingartenanlage. Ende der 1920er-Jahre besiedeln die ersten Menschen dieses Gebiet.

In den 1930er-Jahren entsteht dort eine Siedlung mit alten Eisenbahnwaggons. Deshalb nennen Offenbacher den Stadtteil auch "Waggonhausen". Die Stadt bringt dort Menschen unter, die wegen Armut und Arbeitslosigkeit keine andere Unterkunft finden können. Auf dem Gelände entstehen Notwohnungen und Baracken für Familien, die durch Bombenanschläge obdachlos geworden sind. Viele ältere Menschen und allein erziehende Frauen ziehen in die Kleingartenkolonie ein. Einige ziehen nach Kriegsende in die Stadt zurück, andere bleiben einfach dort wohnen und bauen ihre Gartenhäuschen aus.

Neues Obdachlosenasyl

Das Ordnungsamt bringt in den 1950ern viele Obdachlose in den Baracken unter. Die Stadt stellt außerdem drei ehemalige Luftschutzbunker zur Verfügung. Bis 1955 werden dazu vier Wohnblöcke im Marioth gebaut - ohne Wasseranschluss und ohne Toiletten. 1958 will die Stadt auf keinen Fall ein neues Obdachlosenasyl bauen und spricht zum ersten Mal von "dezentralisierter Armut", das heißt Menschen mit sozialen Problemen sollen nicht zentral an einem Ort untergebracht werden. Insgesamt bewohnen 470 Menschen das Asyl. Um mehr Menschen komfortabler unterzubringen, plant Bürgermeister Karl Appelmann den Bau von 60 Einfachstwohnungen, die wenigstens hygienisch einwandfrei sind.

Doch statt diese Menschen aufs Stadtgebiet zu verteilen, plant die Stadt schon 1963 57 neue Obdachlosen-Unterkünfte im Marioth. Sonst sei nirgends genügend Baugrund vorhanden. Der Magistrat will 870.000 Mark investieren, finanziert aus Darlehen. Es gibt in dieser Zeit 593 Obdachlose in den Asylen der Kirschenallee und in zwei Bunkern. Die Luftschutzbunker gehören dem Bund und dürfen von 1964 an nicht mehr als Unterkunft genutzt werden. Die Menschen wohnen darin ohne Fenster und mit künstlicher Belüftung. 1967 wird das Asyl für Stadtstreicher auch in die Mariothsiedlung verlagert.

Marioth heißt jetzt Lohwald

Ein Dreistufenplan wird entwickelt, um die Obdachlosen zu resozialisieren. Bessere Wohnungen sollen direkt vor deren Augen gebaut werden. Die Bewohner der Stufe I sollen sich anstrengen. Durch pünktliches Zahlen der Miete und gutes Benehmen sollen die Menschen schrittweise in eine bessere Wohnung ziehen können. Stufe II soll ein Doppelhaus mit vier Etagen werden, Stufe III ein komfortabel ausgestatteter Wohnblock.

Im Zuge der 68er-Bewegung werden im Stadtteil viele Untersuchungen angestellt, Sozialarbeit wird installiert. Die Lage am Stadtrand abseits der normalen Wohngebiete führt zur Isolierung der Bewohner. 1969 bis 1970 plant die Stadt, das Marioth-Gelände zu sanieren. Nicht nur baulich soll vieles verbessert werden, das Quartier erhält auch einen neuen Namen. Seit 1970 heißt es Lohwald-Siedlung. Ein Zentrum mit Geschäften soll entstehen, da es nur einen Tante-Emma-Laden und eine Trinkhalle im gesamten Quartier gibt.

1971 werden die Baupläne öffentlich. Eine Mischung aus Wohnblöcken und Ein- und Zweifamilienhäusern für bis zu 3000 Bewohner entsteht in der Lohwaldsiedlung. Die Nassauische Heimstätte (NH) wird verpflichtet, 32 Wohnungen für Obdachlose mit vielen Kindern zu bauen. Insgesamt sind 110 neue Wohnungen geplant. Die Primitivbauten der Stufe I sollen abgerissen werden. Die Kinder in der Siedlung wachsen nach wie vor unter katastrophalen Umständen auf; ein zweijähriges Mädchen war erfroren. 1971 leben 530 Obdachlose im Lohwald, 336 davon Kinder. 1972 beginnt die NH mit dem Bau der neuen Wohnblocks. Eine Brücke über die Bahngleise bindet den Lohwald besser an die Stadt an.

Sanierung und Sozialarbeit

Die Sozialarbeiter sind erfolgreich im Lohwald. 1974 entsteht eine Jugendfußballmannschaft, der FC Lohwald. 1980 wird ein Abenteuerspielplatz im Lohwald eröffnet mit großen baulichen Mängeln. Das Regenwasser läuft nicht ab, nach wenigen Tagen ist er geflutet und kann nicht mehr betreten werden. Der Spielplatz wird im gleichen Jahr geschlossen, erst ein Jahr später saniert und neu eröffnet.

Im Januar 1986 beschließt die Stadtverordnetenversammlung erneut die Sanierung des Lohwaldgebiets. Die NH stellt 1994 sogar einen eigenen Sozialarbeiter fürs Lohwaldgebiet ein. Er soll den Bewohnern helfen, sich mit "ihren" Häusern besser zu identifizieren und so den Vandalismus bekämpfen. Die Bewohner renovieren die Treppenhäuser ehrenamtlich, das Baumaterial stellt die NH. Das Jugend-, Berufshilfe- und Renovierungsprojekt Lohwald (JUP) wird für die Renovierung gegründet, eine Malermeisterin lernt zehn arbeitslose Männer zwischen 16 und 25 Jahren an. Sie sollen fit für den Arbeitsmarkt werden.

Die Stadt veröffentlicht 1998, dass die 600 Bewohner des sozialen Brennpunkts umgesiedelt werden. Der Stadtteil soll komplett abgerissen werden. Die NH verkauft ihren Grundbesitz an die Stadt. In Abstimmung mit dem Land Hessen plant Oberbürgermeister Gerhard Grandke (SPD), den Stadtteil schrittweise aufzulösen, abzureißen und neu aufzubauen. Die Stadt ist verpflichtet, für die 110 Sozialwohnungen 200 neue zu bauen. 100 Kleingärten müssen ebenfalls weichen. 30 bis 40 davon dienen als Dauerherberge.

Umzugsprämien entschädigen

Im Februar 1999 steht ein Viertel der Wohnungen leer. NH-Geschäftsführer Wolfgang Heimberger wird in der Presse zitiert: "So kann der Lohwald nicht weiter existieren. Eine ordentliche Verwaltung ist nicht möglich." Die Gemeinnützige Baugesellschaft Offenbach (GBO) bietet 500 Lohwäldern eine neue Bleibe an. Die Bewohner erhalten Umzugsprämien, damit sie den Umzug nicht selbst finanzieren müssen. Die Besitzer der Gartenhäuschen erhalten eine Entschädigung, da viele im Laufe der Jahre die Hütten zu Eigenheimen ausgebaut haben.

Im Mai 1999 entscheidet der Magistrat, dass der Lohwald nach dem Abriss und Neubau Waldheim-Süd heißen soll. Die stadteigene Erschließungs- und Entwicklungsgesellschaft (EEG) baut die neuen Häuser. Der Jugendclub schließt 2000 seine Türen. Da noch nicht alle Bewohner eine neue Bleibe gefunden haben, verzögert sich der Abriss. Die Lohwaldwohnungen sind gut ausgestattet mit Heizung, Balkon und einer Größe von bis zu sechs Zimmern. Zu diesem Zeitpunkt leben 23 Familien leben in den Wohnblocks, 35 in den Zeilen- und Gartenhäuschen.

Der Lohwald weicht Waldheim-Süd

Die ersten Blocks in der Siedlung werden im August 2001 abgerissen, obwohl noch ein paar Familien im Lohwald wohnen. Die Umzugskosten der Kleingärtner in Höhe von 3 Millionen Mark übernimmt die Stadt. Die Integration der anderen Bewohner läuft bis heute sehr positiv. Der Magistrat legt im Dezember 2001 die Entwürfe für Waldheim-Süd vor. 1200 Menschen sollen zukünftig im Stadtteil wohnen. Noch im Oktober 2002 wohnen die beiden letzten Familien in den Wohnblocks, im Juli 2003 sind alle ausgezogen.

Der Magistrat verabschiedet den Bebauungsplan für Waldheim-Süd im Juli 2003. Alle Wohnblocks und Häuser werden abgerissen, bis im März 2007 die Erschließung der Siedlung beginnt. Kabel, Wasser- und Abflussrohre, werden verlegt. Im April findet der offizielle erste Spatenstich statt. Anfang 2008 sind bereits die ersten Bauplätze verkauft und Investoren gefunden. Voraussichtlich sind die ersten Häuser 2009 bezugsfertig.

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