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Transplantationen Muhammet Eren Dönmez Das Gerechteste wäre eine Lotterie

Wie gerecht kann Medizin sein? Der Transplantations-Mediziner Wolf Bechstein spricht im FR-Interview über die Schwierigkeiten ärztlicher Entscheidungen.

14.09.2014 19:30
Transplantationen sind heute Routine. Wer aber entscheidet, wer ein neues Organ bekommt? Foto: REUTERS

Seit fast sechs Monaten liegt Muhammet Eren Dönmez auf der Intensivstation des Kinderherzzentrums an der Uniklinik Gießen. Die Ärzte wollen ihn nicht auf die Warteliste für ein Spenderherz setzen. Ein Fall, der die Gemüter bewegt und die Frage aufwirft, wie gerecht Medizin sein kann.

Ein kleiner Junge kommt nicht auf die Warteliste für ein Spenderherz, weil er einen Hirnschaden erlitten hat. Ein Fall, der in der Öffentlichkeit hohe Wellen schlägt. Schaden solche Diskussionen der Bereitschaft, ein Organ zu spenden?
Zu dem aktuellen Fall in Gießen kann ich nichts sagen. Aber das Gute an den vergangenen Skandalen ist, dass wir als Transplantations-Mediziner der Öffentlichkeit klarmachen können, worin unsere Arbeit besteht. Zum Beispiel, dass immer eine Gruppe von Ärzten die Entscheidung trifft, nie ein einzelner. Und dass das nicht immer einfach ist.

Organe für Transplantationen sind rar. Das führt zwangsläufig zu einer Rationierung. Kann es da überhaupt gerecht zugehen?
Die Frage der Gerechtigkeit ist sehr abstrakt. Sie hat unterschiedliche Aspekte. Da geht es um die Dringlichkeit. Dass jemand, dem unmittelbar der Tod droht, Vorrang hat. Das praktizieren wir in manchen Situationen. Bei der Nierentransplantation hingegen spielt die Hauptrolle, zu welchem Zeitpunkt der Mensch an die Dialyse gekommen ist.

Und welche Kriterien gibt darüber hinaus?
Es gibt ein Konzept, das sagt, wer den meisten Nutzen hat, hat Priorität. Kinder zum Beispiel werden in der Regel auf der Warteliste bevorzugt. Man muss aber auch die Meinung der Bevölkerung berücksichtigen. Da sagen viele, dass eine verschuldete Erkrankung ein Ausschlusskriterium ist – etwa Alkohol, Drogenkonsum oder wenn ein Raucher ein neues Herz bekommen soll.

Und ist das ein Ausschlusskriterium?
In den Vereinigten Staaten gibt es Transplantationszentren, die Raucher nicht auf die Warteliste nehmen. Bei uns kann das auch eine Rolle spielen – schließlich hängt vom allgemeinen Gesundheitszustand der Erfolg der Transplantation ab.

Sie als Ärzte müssen also vorab auch die Erfolgsaussichten einschätzen?
Ja. Das Schwierige dran ist, dass die Erfolgsaussichten für diejenigen, die am kränkesten sind und am dringendsten ein Organ bräuchten, oft besonders schlecht sind. Auch deshalb ist das mit der Gerechtigkeit eine so schwere Frage. Das gerechteste System wäre eine Lotterie, bei der alle die gleichen Chancen hätten.

Die Anwälte des kleinen Muhammet Eren kritisieren, dass die Richtlinien der Bundesärztekammer den Ärzten bei dieser schwierigen Entscheidung zu viel Spielraum ließen. Würde es Ihnen als Arzt helfen, wenn es klarere Gesetze geben, am Ende ein Richter entscheiden würde?
Das zu glauben, ist eine Illusion. An den Richtlinien der ständigen Kommission haben nicht nur Ärzte mitgearbeitet, sondern auch Juristen, Vertreter der Patienten, der Politik, der Kostenträger. Im konkreten Einzelfall gibt es jedoch niemanden, der dem behandelnden Arzt die Verantwortung abnehmen kann. Und die Transplantation ist nicht der einzige Bereich.

Meinen Sie die Diskussion, ob ältere Menschen künstliche Hüftgelenke erhalten sollen?
Organe sind eine ganz knappe Ressource. Bei allem anderen gilt, solange unsere Gesellschaft reich genug ist, um das zu bezahlen, ist es kein Problem. Viel schwieriger ist die Entscheidung, ob es richtig ist, alles zu machen, was man kann. Das ist durch das Patientenbetreuungsgesetz leichter geworden. Bei einer entsprechenden Patientenverfügung eröffnet es die Möglichkeit, bei Erkrankungen zum Lebensende die Therapie einzustellen.

Interview: Jutta Rippegather

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