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Gastbeitrag Nützliche Moscheekonflikte und ihre Lösung

Der Deal für religiöse Fundamentalisten jeder Art besteht darin, dass Säkularisierung und Religionspluralismus Gewinn für eigene Glaubensüberzeugungen bringen. Von Claus Leggewie

Minarett nicht höher als der Kirchturm - vermeintlich unteilbare Konflikte sind zu lösen. Foto: dpa

Konflikte um den Neubau und die Unterhaltung von Moscheen scheinen heute an der Tagesordnung und fast unvermeidlich. Wo immer ein Moscheeverein bauen will - und gleich, wie er religiös und politisch ausgerichtet ist, gibt es Proteste von Anwohnern, regt sich Widerstand politischer Unternehmer (nicht nur des rechten Spektrums) und erlebt man die "Wackelei" politisch Verantwortlicher.

Oft werden Moscheekonflikte zum brisanten Wahlkampfthema, so dass die Gotteshäuser erst mit großer Verzögerung, an anderer Stelle oder gar nicht gebaut werden. Vielfach ist die Atmosphäre so aufgeheizt, dass beide Seiten Enttäuschung und Wut verspüren: die Muslime, da man ihnen das im Grundgesetz garantierte Recht auf ungehinderte Religionsausübung verweigert, und die Einheimischen, weil Bürgermeister und Ratsfraktionen das Projekt an den Bürgern vorbei vereinbaren und durchsetzen.

Exemplarisch ist der ungelöste Moscheekonflikt in Köln-Ehrenfeld, der trotz seines kölschen Kolorits die üblicherweise nur lokale Aufmerksamkeit überschritten hat und die überregionalen Zeitungen und TV-Magazine beschäftigt, nicht zuletzt weil sich Medienprominente wie Ralph Giordano und Günter Wallraff zu Wort gemeldet haben.

Im Windschatten der Kölner Affäre sind ähnlich gelagerte Auseinandersetzungen in Großstädten wie München und Frankfurt ins allgemeine Bewusstsein gerückt; ein Spiegel-Titel "Mekka Deutschland" hat dem drastisch Ausdruck verliehen und die an Moscheebauten geknüpften Ängste vor Überfremdung und Terror beflügelt.

Wir bauen, weil wir bleiben

Es geht nicht um irgendwelche Moscheen, wie sie Jahrzehnte lang in Hinterhöfen und abgelegenen Industriegebieten eine unbemerkte Existenz führten, es geht um repräsentative Bauten, die in orientalisierender Form mit Kuppel und Minarett auffallen und damit Präsenz und Selbstbewusstsein der muslimischen Immigration demonstrieren: Wir bauen, weil wir bleiben wollen.

Dagegen hat der scheidende bayrische Landesvater Edmund Stoiber noch mal einen richtigen Kracher losgelassen: In Deutschland dürften Minarette keinesfalls höher sein als Kirchtürme.

Moscheekonflikte sind nichts Neues und nicht außergewöhnlich. Sie reihen sich in eine Serie von Nachbarschaftskonflikten ein, die auszubrechen pflegen, wo immer in einem Wohngebiet größere Zweckbauten entstehen, die zuerst Baulärm und dann Verkehr, Parkplatznot und andere Erschwernisse nach sich zu ziehen drohen. Dann greift das bekannte Sankt-Florians-Prinzip: Natürlich hat man nichts dagegen, dass ein Supermarkt gebaut wird oder eine Sporthalle, aber doch nicht ausgerechnet in der eigenen Nachbarschaft. Nimby (not in my backyard) nennen die Angelsachsen dieses im Übrigen sehr rationale und nachvollziehbare Verhalten, über das sich alle nur so lange moralisch empören können, bis es sie selbst trifft.

Unteilbare Konflikte

Rational ist Nimby, weil man gerne von Nachteilen anderer profitiert, die zum eigenen Vorteil gereichen, indem kostengünstig ein öffentliches Gut geschaffen wird. Verschärft wird dieses Trittbrettfahrerverhalten beim Bau so unangenehmer Dinge wie Startbahnen, Müllöfen und ICE-Trassen. Deren Vorteile genießen viele, eventuelle Nachteile (sinkende Grundstückspreise, Gesundheitsschäden etc.) müssen aber wenige tragen. Und es gibt hier meist keinen anderen Ausgleich als monetäre Kompensation - man zahlt Schmerzensgeld oder ermöglicht den Geschädigten den Neustart andernorts.

So werden auf den ersten Blick unteilbare Konflikte teilbar und lösbar. Niemand wird von der "Moschee um die Ecke" derart gravierende Nachteile erwarten, aber natürlich sind auch religiöse Bauten vom Sankt-Florians-Prinzip betroffen. Ältere erinnern sich an Beschwerden von Anrainern gegen donnerndes oder auch ganz sachtes Glockengeläut, bis auch der Gesetzgeber die Freiheit der Christenmenschen einschränkte, ihre Botschaft so lautstark zu verkünden, wie sie gewohnt waren. Könnten wir uns heute einen Kirchen- oder Synagogenkonflikt vorstellen? Im Prinzip ja, nur werden christliche Kultstätten kaum noch errichtet, eher geschlossen oder umgewidmet - im Extremfall sogar in eine Moschee. Und Protest gegen Synagogen-Neubauten ist tabu oder, wie man in München erleben musste, angetrieben durch neonationalsozialistische Vernichtungswut.

Richtet sich gegen christlich-jüdische Kultstätten eher der übliche Nimby-Protest, entzünden Moscheekonflikte jenseits der Streitigkeiten um Lärm und Parkplätze hochbrisante symbolische Konflikte. Es geht um die kulturelle Hegemonie oder Leitkultur in Gesellschaften, die auf Grund ihrer ethnischen und religiösen Vielfalt kein kulturelles Zentrum mehr bestimmen und verbindlich machen können.

Vor allem seit den Terroranschlägen 2001 und den Attacken in Europa gilt der bis dahin weniger beachtete Moscheebau als Ausdruck einer Landnahme, was durch unvorsichtige, bisweilen auch provokative Diktion der muslimischen Bauherren unterstützt wird. Darauf reagieren nicht nur christliche Kulturkämpfer nervös, die sich einer islamischen Missionierung ausgesetzt sehen, pikiert ist vor allem der säkulare Teil der Gesellschaft, der angesichts dieser in Stein gehauenen Demonstration von Glaubensstärke irritiert ist und eine Art Phantomschmerz der verblichenen eigenen Glaubensfähigkeit verspürt.

Hier ist im Übrigen eine gute Portion Identifikation mit dem vermeintlichen Aggressor zu spüren, und sie zieht wiederum eine oberflächliche Re-Christianisierung nach sich - man holt Andersgläubige nicht ökumenisch ins gesamtreligiöse Boot, sondern fällt auf ein unglaubwürdiges, weil selbst nicht geglaubtes Leitbild des christlichen Abendlandes zurück. Symbolische Konflikte wie diese - und das ist die Crux religiöser Überzeugungen - scheinen unteilbar und damit oft unlösbar. Bei ihnen gilt nämlich nicht das "Mehr oder Weniger", das einer materiellen Entschädigung zugrunde liegt, sondern das "Entweder - Oder" einer unbeugsamen Überzeugung, die besonders aggressiv wird, wenn man sich mit Rücken zur Wand fühlt.

Man erkennt das bei islamistischen Radikalen ebenso wie bei einheimischen Kulturkämpfern. Ist eine Vermittlung ausgeschlossen, rasen zwei Züge aufeinander zu? Unteilbar scheinen Konflikte, wenn es nicht nur einen Dissens in der Sache gibt, der in pluralistischen Gemeinwesen normal ist, ja für die Entwicklung moderner Gesellschaften positiv zu bewerten ist, sondern wenn sich die Konfliktgegner nicht mehr über die Prozeduren der Streitschlichtung einig werden, weil sie die gegnerische Position negieren und am liebsten, bisweilen wörtlich - ausradiert sähen.

Deal mit Fundamentalisten

Will man in dieser Konfrontation nicht verharren und ihr mit schlimmen Konsequenzen erliegen, muss man versuchen, unteilbare in teilbare Konflikte zu verwandeln, also aus dem "Entweder - Oder" ein "Mehr oder weniger" zu machen. Es geht um einen Deal, wie die Amerikaner einen Verhandlungskompromiss nennen, der in diesem Fall vor allem den Vorteil hätte, dass alle Beteiligten, wenn schon nicht vorher, dann doch wenigstens im Verlauf der Auseinandersetzung an einem Tisch sitzen und Spielregeln beachten müssen.

Der Deal für religiöse Fundamentalisten jeder Couleur besteht darin, dass Säkularisierung und Religionspluralismus auch Gewinn für die eigene Glaubensüberzeugung bringen; der Deal für die Anrainer, dass die Umwelt ihnen für ihre Kompromissfähigkeit Anerkennung zollt und sie, bei aller Renitenz, als die eigentlichen Vorkämpfer der Integration lobt. Sie sind nämlich die ersten, die wirklich Toleranz üben müssen, indem sie etwas akzeptieren, mit dem sie eben nicht einverstanden sein können. Dass man dafür beispielsweise die Höhe des Minaretts reduziert und die Architektur ins Gegebene einpasst, dass man sich auch den Muezzinruf spart, ist nur gerecht und im Übrigen ein gutes Beispiel für die Herbeiführung teilbarer Konflikte, die sich in Meter, Dezibel und Gestalt bemessen lassen.

Mediation kein Kinderspiel

Damit sich das Nullsummenspiel eines religiös überladenen Territorialkonflikts in einen bescheidenen Gewinn für alle verwandelt, bedarf es neutraler Instanzen, also der geschickten Moderation und Mediation von Konflikten. Diese Vermittlung bewirkt die Empathie für die andere, scheinbar feindliche Seite dadurch, dass sie - in mühsamen Einzelschritten -- die Übernahme des gegnerischen Standpunktes einübt und so der Radikalität der eigenen Überzeugung die Spitze nimmt.

Mediation ist kein Kinderspiel. Sie will gelernt sein und wird deshalb am besten von Professionellen betrieben, auch wenn diese Gefahr laufen, an Techniken und Tricks kleben zu bleiben. Mediatoren respektieren die Autonomie der am Konflikt Beteiligten; sie sind überzeugt, dass diese sich im Prinzip selbst helfen können, im gegebenen Fall aber eines Anstoßes und der Begleitung von außen bedürfen. Damit werden keine Lösungen verordnet. Mediation kann bestenfalls die Beteiligten animieren, die bestmögliche Lösung (oder die am wenigsten schlechte) für sich herauszufinden und mit dem Gegenüber auszuhandeln.

Die Teilnahme an Mediationsverfahren ist in jedem Fall freiwillig, alle Konfliktbeteiligten müssen einbezogen werden und den gleichen Informationsstand haben. Mediatoren üben strikte Neutralität und ergreifen nicht Partei, sie greifen gegebenenfalls auf Autoritäten zurück, die bei den Konflikt-Akteuren Ansehen genießen.

Moscheekonflikte werden derzeit gerne als Ausweis des Scheiterns multireligiöser Gesellschaften herangezogen, als Symbol der wechselseitigen Blockade, die zu einem rien ne va plus, zu einem Nichts geht mehr! führen müsse. Man könnte lamentieren, warum wir es so weit haben kommen lassen und nach 50 Jahren Einwanderung immer noch so wenig Kompetenzen in interkultureller Kommunikation und Mediation besitzen. Besser sitzen wir nach und holen auf, damit religiöse Konflikte nicht erneut in Kulturkämpfe ausarten, sondern ihre Nützlichkeit für den sozialen und kulturellen Wandel beweisen können. Jeder ausgestandene Konflikt hat die moderne Gesellschaft weitergebracht.

Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen

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