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Frankfurter Geschichte(n) 2003 Weltrekord im Waldstadion

Am 12. August 1939 fing Mittelstreckenläufer Rudolf Harbig wieder einmal Mario Lanzi auf der Zielgeraden ab

24.07.2003 00:07
Fred Kickhefel
Waldstadion, 1939: Rudolf Harbig wird nach seinem Weltrekordlauf medizinisch untersucht ... Foto: Georg Schmidter / Frankfurter Stadtmuseum

Es muss dem armen Mario Lanzi vorgekommen sein wie die Geschichte vom Hasen und vom Igel: Jedes Mal, wenn der Italiener über die Ziellinie lief, war der Deutsche schon da.

Samstag, 15. Juli 1939: Ein heißer Sommertag in Mailand, die Luft im Stadion steht. Beim Länderkampf Italien gegen Deutschland tritt auf der 800-Meter-Mittelstrecke die europäische Elite an: Der Silbermedaillengewinner von 1936, Lanzi, und der Deutsche Meister Rudolf Harbig, der im Vorjahr in Paris vor Lanzi Europameister geworden ist. Revanche also für Lanzi, der losprescht, als sei ihm der Duce persönlich auf den Fersen. Erst bei 700 Metern kann der Deutsche den Italiener einholen - und nimmt ihm auf den letzten Metern den Sieg ab, mit sensationellen 1:46,6. "Record mondiale (Weltrekord)!", schreit der Stadionsprecher, und Harbig stammelt fassungslos: "Die Uhr ist kaputt." Die Uhr ist nicht kaputt, es ist eine der Sternstunden des Sports. Die Verbesserung eines solchen Rekordes um volle 1,8 Sekunden ist einzigartig. Erst im August 1955 wird der Belgier Roger Moens in Oslo mit 1:45,7 einen neuen Weltrekord laufen.

Genau vier Wochen später, am 12. August, wieder an einem Samstag, gibt es für den Italiener erneut Revanche: Anlässlich ihres 40. Vereinsjubiläums ist es der Frankfurter Eintracht gelungen, ins Waldstadion, das seit 1934 auf Nazi-Neudeutsch "Sportfeld" heißt, eine hochkarätige Leichtathletik-Besetzung einzuladen, darunter auch Lanzi und Harbig. Diesmal messen sie sich über die Distanz von 400 Metern, 10 000 Zuschauer fiebern. Die Hitze des Tages klingt gegen 18.30 Uhr ab, als sich die Läufer fertig machen. Harbig startet auf Bahn drei, Lanzi auf vier. Wieder geht der Italiener das Rennen ungeheuer schnell an, führt noch nach 200 Metern. Erst in der Zielgeraden holt Harbig auf, liefert sich 20 Meter lang ein Brust-an-Brust-Rennen mit Lanzi und läuft schließlich mit acht Metern Vorsprung durchs Ziel - in der neuen Weltbestzeit von 46,0 Sekunden. Es ist der einzige Weltrekord, der je im Frankfurter Waldstadion aufgestellt wurde. Er besteht bis 1948.

Weniger als drei Wochen später beginnt der Zweite Weltkrieg, den Harbig nicht überleben wird: Nach insgesamt sieben deutschen Meistertiteln gelingt ihm 1941 über 1000 Meter ein weiterer Weltrekord. Dann beginnt der Russlandfeldzug. Feldwebel Harbig fällt am 5. März 1944 an der Ostfront.

Harbig, "der größte Mittelstreckenläufer, den Deutschland je hervorgebracht hat" (Dresdner Neueste Nachrichten), wurde am 8. November 1913 in Dresden geboren, lernte nach der Schule Stellmacher (Wagenbauer), verpflichtete sich für drei Jahre bei der Reichswehr und arbeitete schließlich als Zählerableser bei den Dresdner Gaswerken. Handball, Wasserball und Leichtathletik betrieb er nur zum Spaß - bis die Naziführung 1934 unter dem Propagandamotto "Suche nach dem unbekannten Sportsmann" Teilnehmer für die Olympischen Spiele 1936 suchte.

Der Universitätsdozent und Sportlehrer Waldemar Gerschler entdeckte das Talent des 20-jährigen Dresdners und formte ihn zum Spitzenathleten. Von 1936 bis 1942 war Harbig Deutscher Meister über 800 Meter, gewann insgesamt 47 Läufe. 1938 wurde er außer über 800 Meter auch Europameister mit der 4 x 400-Meter-Staffel.

Da war doch noch was? Ach ja: Die Olympischen Spiele, für die er doch ausgewählt wurde. Es war der einzige Wermutstropfen in der sportlichen Laufbahn des Rudolf Harbig: Der haushohe Favorit für die Goldmedaille im 800-Meter-Lauf schied in Berlin bereits in den Vorläufen aus. Dass er geschwächt war durch eine Darmgrippe, milderte die öffentliche Kritik an Trainer und Läufer kaum. Seinen ursprünglich sicheren Platz in der 4 x 400-Meter-Staffel musste er sich erkämpfen, sicherte dem Team immerhin durch seinen fulminanten Schlusslauf die Bronzemedaille.

Bei den Spielen 1940 wäre Harbig wieder Favorit gewesen - doch die fielen kriegsbedingt aus. Eine neue Chance sollte er nicht mehr bekommen.

Nach dem Krieg wurde der für seine Fairness und Bescheidenheit bekannte Harbig in beiden deutschen Staaten zur Kultfigur. Der jährlich verliehene Preis des (Bundes-)Deutschen Leichtathletikverbandes trägt heute seinen Namen ebenso wie das Stadion seiner Heimatstadt Dresden. Das freilich erst wieder seit 1990; von 1971 an war es das "Dynamo-Stadion" gewesen. Auch die DDR - die Harbigs Witwe Gerda bis zu ihrem Tod 1962 im NOK vertrat - hatte das Stadion 1951 nach dem berühmtesten Sportler der Stadt benannt; bis die russischen "Befreier" ihr Befremden äußerten, wurde doch bekannt, dass Harbig nicht nur seit 1937 Mitglied der NSDAP war, sondern auch SA-Mann.

Aus demselben Grund weigerte sich die Jüdische Gemeinde Berlin in den 90er Jahren, ihre Hans-Galinski-Schule - der erste jüdische Schulneubau in Deutschland nach dem Holocaust - an der Harbigstraße in Charlottenburg zu errichten. Nachdem der Antrag auf Namensänderung abgelehnt worden war, wurde die Schule um die Ecke gebaut, in der Waldschulallee.

Als die alliierten Bomber im Februar 1945 Dresden zerstörten, verbrannte auch die Wohnung von Harbig-Trainer Waldemar Gerschler. Nach dem Krieg hat er, nun Direktor des Instituts für Leibesübungen der Universität Freiburg, erzählt, welches Relikt dabei mit unterging: seine Stoppuhr aus Mailand, die bei 1:46,6 stehen geblieben und nie auf Null zurück gestellt worden war.

Serie: Frankfurter Geschichte(n)

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