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Frankfurter Geschichte(n) 2003 Günter Sares Tod ist bis heute ungeklärt

28. September 1985: Die Anti-NPD-Demonstration im Gallus findet ein schlimmes Ende

18.09.2003 00:09
Stephan Loichinger
An der Kreuzung Frankenallee/Hufnagelstraße, wo der Wasserwerfer Günter Sare überfuhr, hielten Bürger im Herbst 1985 Mahnwachen ab. Foto: Ullrich

Heute noch fordert ein hingesprühter Schriftzug auf der Wand des Hauses Nr. 34 in der Bockenheimer Basaltstraße: "Rache für Günter Sare!" Im Herbst des Jahres 1985 schallt der Ruf in dieser oder ähnlicher Form immer wieder durch Frankfurter Straßen - bei Protestmärschen, Mahnwachen, Diskussionsabenden, Teach-Ins. Der Tod des 36-jährigen Schlossers Günter Sare am 28. September 1985 wühlt viele auf. Auch in Bremen, Berlin, Göttingen, Hannover, Hamburg, Karlsruhe und München geraten linke Demonstranten und Polizisten aneinander. Frankfurts Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) verhängt ein Demonstrationsverbot über die Stadt. In Wiesbaden setzen die Landtags-Grünen die Koalitionsverhandlungen mit den Sozialdemokraten aus.

An jenem 28. September 1985 hatten sich im Haus Gallus an der Frankenallee um die 70 Anhänger der rechtsradikalen NPD zu einer politischen Kundgebung versammelt. Ausgerechnet im multikulturellen Gallus! Nachmittags veranstalteten Antifaschisten, NPD-Gegner, Stadtteilparteien und Migrantengruppen gleich nebenan, im Hof der Günderrodeschule, ein deutsch-ausländisches Freundschaftsfest. Rund 700 Menschen feiern friedlich.

Am Abend schlägt die Stimmung um. Die Polizei spricht von "etwa 400 Militanten", die gegen 19.30 Uhr beginnen, Steine, Flaschen, Beutel mit Buttersäure auf NPD-Anhänger zu werfen, um deren Zugang zum Haus Gallus zu verhindern. Die Polizisten vor Ort versuchen, die beiden Gruppen auseinanderzuhalten. Sie setzen ihre Schlagstöcke gegen Demonstranten ein. Etwa ab 20 Uhr lässt die Polizei auf beiden Seiten der Frankenallee die Wasserwerfer auffahren. Es ist gegen 20.30 Uhr, als eine Gruppe von Demonstranten beginnt, die Absperrung zur Hufnagelstraße abzuräumen.

Wieder rücken Polizisten mit Schlagstöcken vor, wieder beschmeißen die NPD-Gegner sie mit Flaschen und Steinen. Einer der Wasserwerfer, die auf die Flaschen- und Steineschmeißer halten, so scheint es den Beamten, gerät durch die Menge in Bedrängnis. Da fährt ein Wasserwerfer des größten Typs in die Kreuzung Frankenallee / Hufnagelstraße vor.

Der Wasserwerfer, Typenbezeichnung Wawe 9 IV / 1, Kennzeichen WI - 3026, spritzt mit 15 Atü und ist 26 Tonnen schwer. Er steuert auf mehrere Personen zu, die auseinander stieben. Nur ein Demonstrant bleibt auf der Straße zurück. Der Strahl des Wasserwerfers erfasst ihn. Um 20.52 Uhr überrollt das Gefährt Günter Sare, aufgewachsen im Gallus, 36 Jahre alt, von Beruf Schlosser, im Vorstand des Jugendzentrums Bockenheim, seit 15 Jahren aktiv in der links-autonomen Szene, bei Häuserbesetzungen im Westend und bei Demos gegen den Bau der Startbahn West.

Günter Sare liegt auf dem Asphalt der Straßenkreuzung. Aus seinem Kopf rinnt Blut. Sein Brustkorb ist eingedrückt. Er atmet noch. Der Medizinstudent Michael Wilk, dazu ein Arzt und ein Sanitäter versuchen, an Ort und Stelle Erste Hilfe zu leisten. Wilk beschwert sich unmittelbar danach, umstehende Polizisten hätten keine Scheinwerfer angemacht, obwohl er sie darum gebeten habe. Auch sei der Notarztwagen zu spät eingetroffen.

Der Notarztwagen ist um 21.14 Uhr an der Kreuzung Frankenallee / Hufnagelstraße. Günter Sare stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus.

Zu dem Zeitpunkt ist für die Demonstranten im Gallus klar, dass die Polizei einen der ihren umgebracht hat. Sie werfen Steine auf Polizisten, auf Telefonzellen, auf die nahe Empfangspforte des FAZ-Vertriebs. Etwa 200 Leute ziehen in einer spontanen Demo in die Innenstadt, zahlreiche Fenster gehen auf ihrem Weg zu Bruch. Die Feuerwehr schätzt den Schaden am Tag danach auf zwei Millionen Mark. In diesen folgenden Tagen kommt es wieder und wieder zu wütenden Protesten auf den Straßen. Sachen werden beschädigt, Polizisten zum Teil schwer verletzt, Demonstranten festgenommen.

Die Grünen im Landtag, die mit der SPD eine Koalition eingehen wollen, verschieben diese Gespräche. Sie fordern von SPD-Innenminister Horst Winterstein, der die Oberaufsicht über die Polizei hat, eine Aufklärung der Vorgänge. Die Frankfurter Polizei nennt Günter Sares Tod "tragisch" und bekundet "tiefe Betroffenheit". Der Tod resultiere aus einem Unfall. Dem Fahrer und dem Kommandeur des Wasserwerfers sei kein Fehlverhalten vorzuwerfen. Der Polizeipräsident hält in einem Rundbrief die ihm unterstellten Polizisten dazu an, trotz der enormen psychischen und physischen Belastung aufgrund der vielen Demonstrationen nach Günter Sares Tod "differenziert vorzugehen" und, indem "sie sich nicht provozieren lassen und besonnen reagieren", zur Deeskalation der angespannten Lage beizutragen.

Drei Tage nach Günter Sares Tod veröffentlicht die Deutsche Presse-Agentur ein Bild eines Fotografen, der namentlich nicht genannt werden will: Es zeigt einen Mann, allein auf der Kreuzung Frankenallee / Hufnagelstraße, erfasst von zwei Wasserwerfer-Kaskaden. Alle sind sicher: Das ist Günter Sare kurz vor seinem Tod.

Für Angehörige und Sympathisanten autonomer und linker Kreise untermauert das Bild zusammen mit etlichen Zeugenaussagen bei der Demonstration Anwesender, dass Günter Sares Tod kein Unfall gewesen ist. Der Wasserwerfer habe den Mann im Scheinwerfer gehabt und sei schnell und direkt auf ihn zugefahren.

Günter Sare, so ergibt die Obduktion seines Leichnams, ist an einem Schädelbasisbruch gestorben. Diesen habe er sich beim Aufprall auf die Straße zugezogen, nachdem der Wasserwerfer ihn umgefahren habe. Die Obduktion ergibt auch, dass Günter Sare zum Zeitpunkt seines Todes 1,49 Promille Alkohol im Blut gehabt hat.

Ein Bericht des Innenministeriums beurteilt im Januar 1986 die Planung des Polizeieinsatzes bei der Anti-NPD-Demonstration als unbedenklich. Er klammert die Umstände des Todes von Günter Sare jedoch bewusst aus: "Ob die Besatzung des Wasserwerfers IV / 1 sich im Kreuzungsbereich richtig verhalten hat, bleibt offen."

Diese Frage zu klären, nimmt sich ein Gerichtsprozess vor. Im Juni 1986 erhebt die Staatsanwaltschaft Frankfurt Anklage gegen den Fahrer und den Kommandeur des Wasserwerfers wegen fahrlässiger Tötung Günter Sares.

Fast ein Jahr später, im Mai 1987, beginnt der Prozess am Landgericht. Darin kommt zutage, dass es für die Männer im Wasserwerfer durch den Wassernebel hindurch wenn nicht unmöglich, so doch extrem schwierig ist, das Geschehen vor sich auf der Straße richtig zu erkennen - zumal bei Nacht. Die Aussage des Fahrers, er habe auf der Straße keinen Mann gesehen, kurz bevor das Gefährt Günter Sare überrollt hat, ist nicht zu widerlegen. Hingegen widerlegen zwei Sachverständige die bisherige allgemeine Annahme, der Mann im Wasserwerfer-Strahl auf dem von dpa kurz nach der Demonstration verbreiteten Foto sei Günter Sare. Der Abgebildete sei größer und trage hellere Schuhe. Die beiden Angeklagten werden vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen.

Bis heute ist nicht völlig geklärt, wie Günter Sare am 28. September 1985 im Gallus unter das rechte Hinterrad des tonnenschweren Wasserwerfers geraten ist.

FR-Serie: Frankfurter Geschichte(n)

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