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Frankfurt für Anfänger Herr Göckel sucht das H

Über das allmähliche, einem Ritual gleichende Intonieren der neuen Orgel für die alten Zwischentöne - zwischen Symphonik und Romantik. Ein Ausflug in die Kirche am Liebfrauenberg.

08.08.2008 00:08
MATTHIAS ARNING
Ein Klangwunder in der "Oase der Stille" am Liebfrauenberg, die neue Orgel des Orgelbaumeisters Göckel. Foto: Christoph Boeckheler

Das H ist noch zu hell. Wieder schlägt Karl Göckel die dritte Taste. Das H, dunkler soll es sein. Also setzen Göckels Kollegen im Inneren des Instruments den Schlitz für die Zufuhr der Luft weiter runter. Jetzt, sagt Karl Göckel und drückt behutsam die dritte Taste ein weiteres Mal nach unten, jetzt stimmt das H. "Perfekt", setzt der Orgelbaumeister hinzu.

Fast fertig, sein Opus 66. Bis Samstag nachmittag bleibt Zeit für Aufräumarbeiten, dann steht das erste Konzert auf der neuen Orgel der Liebfrauenkirche auf dem Programm. Auf der Göckel-Orgel, benannt wie bei Instrumenten dieser Dimension üblich, nach ihrem Erbauer, einem 51-Jährigen, der zum Ende dieser Woche mit der Intonation befasst ist.

Eine Intonation ist ein Ritual. Fortan geht es mit der Orgel in die entscheidende Phase. Jetzt, sagt Herr Göckel, komme es drauf an. Darauf, dass es von dieser Empore der Kirche aus gotischem Bestand an zentraler Stelle der Innenstadt so klingt, wie Göckel sich das vorgestellt hat. Damals, als die Verantwortlichen von Liebfrauen an ihn herangetreten sind, ob er sich denn vielleicht als erfahrener Meister des ehrgeizigen Projektes annehmen könne. "Man wollte ein Instrument, das vor allem warme Töne hat", berichtet Göckel. Das hänge für die Patres der Liebfrauenkirche damit zusammen, dass dieses Gotteshaus inmitten des Großstadtalltags einen Ort der Ruhe, des allmählichen Gleichmuts, bieten solle. Oder, wie Franz-Peter Tebartz-van Elst, der Bischof von Limburg, es in der Festschrift beschreibt: "Für viele ist die Liebfrauenkirche eine ,Oase der Stille' und ein Lernort des Glaubens", der vom "Engagement der Kapuziner" an diesem "geistlichen Zentrum inmitten der Frankfurter City" geprägt werde.

Für Peter Reulein ist diese Angelegenheit schon vor langer Zeit ganz klar gewesen. Damals, als der Organist, Jahrgang 1966, in Liebfrauen als Kirchenmusiker angeheuert hat: Es sollte in absehbarer Zeit eine neue Orgel geben, berichtet Reulein; niemand habe einen Sinn darin erkennen können, das bestehende Instrument aus der Nachkriegszeit zu renovieren.

In den acht Jahren, die seitdem vergangen sind, reifte die Einsicht zur Gewissheit. Es sollte ein neues Instrument entstehen, das sich "in die Frankfurter Orgellandschaft" einpassen würde. Der Stadtregierung ließ sich ein solches Vorhaben plausibel machen: Der Römer steuerte ein halbe Million Euro zu den Gesamtkosten von 863 000 Euro bei. Für die Differenz wie für weitere Aufwendungen an der Statik der Empore, heißt es dazu in der Festschrift, habe Roumald Hülsken, der neue Pfarrer in Liebfrauen, der Stadt eine verbindliche Finanzierungszusage machen müssen. Und so starteten Gläubige zum Liebfrauenfest 2003 eine Spendenaktion, um für die insgesamt 3370 Pfeifen Paten zu finden.

Fortan dachte Herr Göckel, der Meister aus der Nähe von Heidelberg, über ein Instrument nach, mit dem sich warme Töne in den Raum bringen ließen, der auf gotischem Erbe wiedererrichtet worden war. Allerdings ohne das fein ausgearbeitete Gewölbe, das nach 1945 nur über dem Altarbereich rekonstruiert wurde.

Göckels Novum

Entstanden ist "ein absolutes Novum", sagt Karl Göckel. Denn hinter den mächtig wirkenden Orgelpfeifen, die abends von einem Spiel des Lichts in Szene gesetzt werden, befinden sich zwei hölzerne Kästen, Schwellwerke genannt, die sich mit einem Lamellensystem öffnen lassen: "Französische Symphonik und deutsche Romantik", schwärmt Göckel, das gesamte Spektrum, gebe es nirgends, weil man sich entscheiden müsse - Symphonik oder Romantik, damit blieben musikalische Orientierungspunkte gesetzt.

Bei Peter Reulein sorgt diese Option für eine gewisse Erleichterung. Dem Kirchenmusiker mit einer ausgeprägten Vorliebe für Improvisationen kommt die Ausstattung der neuen Orgel, die wärmend im Kirchenraum wirken und schließlich auch noch die Herzen der Gottesdienstteilnehmer erreichen soll, ausgesprochen entgegen: Schließlich ziele seine Musik auf "eine Sphäre zwischen Geistlichkeit und Alltäglichkeit", in der sich gerade gestresste Menschen für einen Augenblick einrichten können.

Für die Premiere am Samstagabend hat sich Reulein ein Programm vorgenommen, das das gesamte Spektrum der Orgel entfaltet. Reulein beginnt mit Bach. Wie sollte es anders sein. Aber selbstredend taucht dann auch der von ihm verehrte César Franck aus der Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Am Ende steht Reulein selbst. Mit Improvisationen. Zu einem Text aus der Offenbarung. Mehr aber, dafür bittet er um Verständnis, wolle er noch nicht verraten.

Orgel-Premiere in der Liebfrauenkirche am Liebfrauenberg, Samstag, 9. August, von 21 Uhr an; Eintritt frei

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