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Frankfurt für Anfänger Der Europaturm - einsame Spitze

Ein Schild hätte vermutlich gereicht. Doch an der Glasscheibe der schweren Eingangstür hängen gleich zwei Schilder nebeneinander, was der Sache Nachdruck verleiht: "Kein Eingang für Besucher".

08.11.2008 00:11
SEBASTIAN AMARAL ANDERS
Die Architekten Johannes Möhrle, Peter Metzger und Erwin Heinle planten den Turm, der zwischen 1974 und 1978 im Auftrag der Deutschen Bundespost gebaut wurde. Offiziell heißt das 337,5 Meter hohe Gebäude Europaturm. Foto: dpa

Ein Schild hätte vermutlich gereicht. Doch an der Glasscheibe der schweren Eingangstür zum Europaturm hängen gleich zwei Schilder nebeneinander, was der Sache Nachdruck verleiht. "Kein Eingang für Besucher", steht auf dem linken, zur Sicherheit gleich in drei Sprachen. Die Botschaft des anderen Schildes zerstört alle Hoffnungen, vielleicht über einen anderen Eingang in und dann auf den Turm zu kommen. "Der Fernsehturm ist grundsätzlich für Besucher geschlossen". Grundsätzlich also. Aha.

Das war nicht immer so. Im Gegenteil. Noch bevor die Deutsche Bundespost als Bauherr des Fernmeldeturms ihre technischen Einrichtungen in Betrieb nahm, hatten schon die ersten Besucher im Aufzug gestanden, der sie in die 222 Meter hohe Cafeteria brachte. Das war in der Vorweihnachtszeit des Jahres 1978. Seit der Grundsteinlegung im Frühjahr 1974 waren da gerade etwas mehr als viereinhalb Jahre vergangen. Im Januar 1979 eröffnete dann das Drehrestaurant mit 218 Plätzen in 218 Metern Höhe. Frankfurt war um eine Attraktion reicher.

Und um einen Zankapfel. Sein umgangssprachlicher Name "Ginnheimer Spargel" machte den Turm zum Symbol für die Grenzstreitigkeiten zwischen den den Stadtteilen Ginnheim und Bockenheim. Zuletzt entzündete sich der Streit im März 2007, als der Ginnheimer Ortsbeirat einen neuen Versuch startete, sich den nördlichen Streifen Bockenheims, auf dessen Gemarkung der Fernmeldeturm steht, einzuverleiben. Ein Aufschrei hallte durch Bockenheim, und wie schon beim letzten Versuch der Ginnheimer drei Jahre zuvor, scheiterte der Antrag am unerbittlichen Widerstand der Bockenheimer.

Für Jürgen W. Fritz, der im Ginnheimer Geschichtsverein zahlreiche Dokumente zu dem Bauwerk gesammelt hat, gehört der Turm zumindest gefühlt fraglos zu Ginnheim. "Das empfinden auch die meisten Frankfurter so", glaubt er. Ganz anders sieht das naturgemäß Friedhelm Buchholz von den Freunden Bockenheims, die die Ortsgeschichte des Stadtteils erforschen. Der Turm stehe rechtlich wie auch gefühlt "eindeutig auf Bockenheimer Territorium". "Auch wenn er nicht gerade unser Wahrzeichen ist."

Das ist er dafür für die ganze Stadt. Als zweithöchster Fernsehturm der Republik überragt er mit seinen 337,5 Metern alle anderen Hochhäuser Frankfurts, und auch an die werbewirksame magentafarbene-Beleuchtung in der Nacht haben sich die Menschen gewöhnt. So sehr, dass vor gut zwei Jahren zahlreiche Bürger bei der FR anfragten, warum der Turm plötzlich nachts nicht mehr leuchte. Die Antwort: Die Telekom, die den Turm über eine Tochtergesellschaft betreibt, hatte die Strahler wegen Renovierungsarbeiten ausgeschaltet.

Unbemannt und unspektakulär

Gebaut und gewerkelt wird am Europaturm indes schon seit Ende 1997. Ein letztes mal hatte die legendäre Discothek "Skytower" in der Silvesternacht dieses Jahres zur Party in 222 Metern Höhe eingeladen, bevor der Turm für die Öffentlichkeit geschlossen wurde. Für die Zeit der Bauarbeiten, hieß es damals. Wegen der strengen Brandschutzauflagen, erklärt Telekom-Sprecher George McKinney, steht der Turm bis heute leer. Von einem "reinen Technikgebäude" spricht McKinney, unbemannt und unspektakulär. Gespickt mit Richtfunk- und Mobilfunkantennen. Bevor hoch oben wieder Publikumsverkehr möglich wäre, müsste ein Investor laut McKinney angesichts der strengen Sicherheitsauflagen eine "siebenstellige Summe" investieren.

Am Fuße des Turms, in dem grauen Flachbau, dessen Architektur an ein vor Jahrzehnten gestrandetes Ufo erinnert, haben einige Menschen dagegen ihren Arbeitsplatz. Im Auftrag der Telekom überwachen sie den Telefon- und Datenverkehr im "International Net Management Center (INMC). Zumindest etwas menschliches Leben in diesem Stahlbetonkoloss. Alle anderen dürfen ja nicht rein. Grundsätzlich nicht.

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