Lade Inhalte...

Frankfurt für Anfänger Das angebaute Quartier

Sossenheim ist vor allem wegen seiner Siedlungen bekannt - und dank Chlodwig Poth. Von Anita Strecker

11.11.2008 00:11
ANITA STRECKER
Neuer Glockenbau vor dem alten Kirchturm St. Michael. In Sossenheim verschwimmen die Grenzen zwischen alt und neu. Foto: FR/Kumpfmüller

Da steht er und plätschert stinkend vor sich hin. Aynur Polat hat drei Plastikeimer unter die drei Ausläufe gestellt. Exquisites Schwefelwasser für ihre Blumen, die sie im Verkaufswagen vis à vis der Polizei feilbietet. Manche alten Sossenheimer holen sich das Mineralwasser aus dem Faulbrunnen, das auf der Zunge nach faulen Eiern schmeckt, zum Kochen, erzählt die gebürtige Türkin. "Soll gesund sein."

Vor 83 Jahren löste das Wasser eine regelrechte Euphorie aus, sollte Glanz bringen in das schmucklose Dorf, in dem vornehmlich Kleinbauern, Handwerker, Ziegelbrenner und Tagelöhner der Fabriken lebten. "Wenig los und nicht mehr so gepflegt wie früher", sagt Aynur Polat heute über ihren Stadtteil, in dem sie als Kind 1980 mit ihrem Vater aus der Türkei ankam. Für das Sossenheim von 1925 dürfte Ähnliches gegolten haben. Bis zum großen Wasserstrahl. Der Homburger Ingenieur und Wünschelrutengänger Schermoly sollte den versiegenden alten Faulbrunnen neu bohren. Und prompt kam aus 43 Metern Tiefe neben dem Sulzbach, unweit der Straße Alt-Sossenheim ein armdicker Wasserstrahl zehn Meter hoch geschossen, ließ die Sossenheimer schon vom Adelstitel "Bad" träumen. Wurde aber nichts daraus. Das Wasser war nur schwefelstoffhaltig, kein Heilwasser.

Die Sossenheimer blieben die "Russenbrenner", die in den sieben Ziegelbrennereien schafften, bis alle Lehmgruben ausgeschlachtet waren. Oder in der Moha, der Molkerei der Hafenbetriebe, die immerhin bis 1987 durchgehalten hat. Aber wenigstens hat ihnen das Schwefelwasser einen schönen Brunnen beschert. Neben dem Alten Rathaus, einem barocken Fachwerkbau aus dem 17. Jahrhundert, und dem neuen alten Rathaus, einem klassizistischen Sandsteinbau aus dem 19. Jahrhundert, immerhin eine der wenigen Sehenswürdigkeiten.

Ein Quartier, das sich als Cross-Over der Stile zwischen A648, A 66 und Höchst klemmt: die Hochhäuser der Robert-Dißmann-Siedlung mit ihren Waschbeton-Fassaden, Einfamilienhäuser aus den 70ern, umgemodelte Bauernhöfe, Fachwerkhäuschen zwischen zweigeschossigen Mehrfamilienbauten, dazu die 80er Jahre Geschäftshaus-Moderne der Stadtteilbibliothek und dann , wie ein angehängter Fremdkörper, die Mehrfamilien-Riegel der Henry-Dunant-Siedlung.

Gefundenes Fressen für den Satiriker und Karikaturisten Chlodwig Poth: "Last exit Sossenheim". Mit der ironischen, liebenswert-bösen Cartoonreihe über seine Wahlheimat hat er den Stadtteil wohl berühmter gemacht als es ein "Bad" im Namen je geschafft hätte. Sossenheim das schmucklose "Wohnkaff". Poth ist zeitlebens trotzdem nie weggezogen.

Und auch für Günter Moos ist Sossenheim liebens- und lebenswert. "Weil es meine Heimat ist." Weil seine Familie hier seit 400 Jahren lebt. Weil das Ortsbeiratsmitglied einfach alle alten Sossenheimer kennt, er sich mit Schulkameraden in den alten Gaststätten wie dem Taunus,dem Löwen, dem "Riwweler" zur Krone oder im Café Knipfel an der Straße Alt-Sossenheim trifft. Und dann sind da natürlich die Streuobstwiesen rundrum, das Unterfeld, die Sulzbachwiesen, der alte Höchster Friedhof, der eigentlich zu Sossenheim gehört. Oder die Nothelferkapelle an der Kurmainzer. Der Wochenmarkt und natürlich der Kirchberg, wo man sommers draußen vor Eis Venezia sitzt und der Vereinsring Feste feiert.

Trotzdem hat sich Frankfurts Oberbürgermeister Ludwig Landmann ziemlich schwer getan, das "rückständige Sossenheim" ohne Kanalisation anno 1928 einzugemeinden. Aber Frankfurt wuchs in alle Richtungen, brauchte Land für neue Siedlungen. Die haben Sossenheim verdoppelt, charakterisieren den Stadtteil bis heute: Stadtteil der Siedlungen. In den 60ern entstehen 1000 Wohnungen der Henri-Dunant-Siedlung, wird die Carl-Sonnenschein-Siedlung mit 700 Wohnungen erfunden, der Tatzelwurm, Robert-Dißmann, die Westerbach-Siedlung, Westpark.

Mit den Jahren hat sich die Bevölkerungsstruktur des neuen Sossenheims gewandelt, in den alt gewordenen Wohnungen leben zur Hälfte Familien mit Migrationshintergrund. Vor allem aber Familien mit geringem Einkommen und Jugendliche ohne Ausbildung. "Es gab immer wieder Probleme mit Jugendlichen", sagt Moos. Mal am Treffpunkt Henri Dunant, mal an der Otto-Brenner-Straße, mal am Tatzelwurm. Dank Streetworkern, Quartiersmanagern und Jugendarbeitern hat sich viel verbessert, meint Moos. "Im alten Ort kriegt man nichts mit." Hier stehen vorwiegend alte Leute auf dem Weg zum Einkaufen beisammen und babbeln. Sossenheim ist Dorf geblieben - no exit.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen