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Baumängel zum Start "MyZeil" - eine Reklamation

MyZeil - Frankfurts neues Einkaufszentrum stammt von dem Architekten Massimiliano Fuksas. Was er der Stadt vermacht hat, ist eine Hochburg der Mängel. Neu wie es ist, wirkt es doch vernutzt.

Die verblendeten Wände wurden ziemlich grob bearbeitet, wie auf den ersten Blick zu erkennen ist (schwarze Streifen). Foto: Christian Thomas/FR

MyZeil - Frankfurts neues Einkaufszentrum stammt von dem Architekten Massimiliano Fuksas. Was er der Stadt vermacht hat, ist eine Hochburg der Mängel. Neu wie es ist, wirkt es doch vernutzt.

Schon hat der berühmte Architekt, der der Großstadt ein neues Einkaufszentrum vermacht hat, andere Dinge im Kopf, denn er hat ja nach eigener Aussage nur die Zukunft in seinem Architektenkopf. Doch trotz der Dinge, die der Architekt nicht mehr im Kopf hat, lebt kein Mensch in der Großstadt, der sich nicht an den Architekten erinnert. Hat doch jeder Großstädter noch das Wort des Architekten im Ohr, wie sehr er mit seinem Werk zufrieden ist, zu 80 Prozent nämlich.

Die Großstädter sind die Frankfurter, das Einkaufszentrum ist "MyZeil", und der Architekt der 80 Prozent Massimiliano Fuksas. Damit hat der italienische Architekt, den alle Welt einen Stararchitekten nennt, so dass ihm dieser Ruf auch in die Großstadt vorauseilte (um in der Großstadt dann rasch heimisch zu werden), gar nichts anderes andeuten wollen, als dass er doch ein enormer Perfektionist und Formvollender sei.

"Eigentlich war ich noch nie mehr als zu 80 Prozent zufrieden, wenn ich ein von mir entworfenes Gebäude betreten habe", antwortete der befragte Fuksas. Einem begnadeten Baumeister, der er wohl mit bereits 80 Prozent sei, fehlten, so musste man seine Eitelkeit verstehen, am Optimum stets 20 Prozent, zwangsläufig, unter allen Umständen. So legte es ein Architekt nahe, der, auf dem Sprung, auf dem er war, als er in der Großstadt war, auch gesagt hat: "Die Vergangenheit ist vergangen. Wir sollten an die Zukunft denken."

Seit dem Satz des Baumeisters von "MyZeil" hat die Großstadt Frankfurt ganz bestimmt keinen großen Bogen um dessen Bauwerk gemacht, vielmehr hat man sich ihm unterworfen, und das dürfte daran liegen, dass die Prozedur der Aufnahme in "MyZeil" die denkbar kürzeste ist, die man sich vorstellen kann. Wird man doch vom Menschenstrom auf der Straße, die ja die berühmte Zeil mit ihren Besucherströmen ist, buchstäblich mitgerissen.

Und schon steht man, weil es kein Entkommen gibt, unter Hunderten von "MyZeil"-Gewillten und unterwirft sich der Anstrengung, über das Geschehene, das über einen hineingebrochen ist, nachzudenken. Dazu gehört die Tatsache, dass es prophylaktisch von Seiten des "MyZeil"-Managements hieß, der "MyZeil"-Verbraucher werde zu "MyZeil"-Spitzenzeiten "nur dosiert reingelassen". So erfuhr es der Kunde praktisch an seinem Leibe, naturgemäß im Interesse der Sicherheit.

Gesund ist es seitdem für jeden "MyZeil"-Interessenten, wenn er "MyZeil" zu Spitzenzeiten meidet, auch wenn der Ansturm auf "MyZeil" einen Vorstoß verspricht, als gäbe es mit dem Andrang etwas zu gewinnen wie früher beim Run auf eine Bastion, also so etwas wie eine Erlösung, ja, wenn nicht so etwas wie eine Befreiung, dann doch einen Trost.

Trotz dosierten Reinlassens stellt sich "MyZeil" aber so dar wie ein schon seit Monaten und nicht erst seit zwei Wochen benutztes Haus, ja man verspürt den Impuls zu sagen, dass es regelrecht vernutzt wirkt. Die Lage in "MyZeil" ist die, dass im sogenannten Hochpreissegment des Stararchitektentums die Detaillierung nicht zählte; gemessen an Malls, wie sie zuletzt von Berlin über Braunschweig, Münster bis Wiesbaden eröffnet wurden, wurde Frankfurt die billigste Ausführung angedreht.

Es quillt aus den Ritzen und Fugen, die Schaufenstersprossen sind nicht auf derselben Höhe, Fensterformate in den Oberlichtern nicht auf Format gebracht, Fußleisten bereits abgefallen, Schlitze zwischen Putz und Metallpaneelen sind Einladungen, um sie mit Kaugummipapier zu stopfen.

An Ecken und Kanten ist der Universalputz abgebröckelt, das Metallgewebe in den Wänden nicht verputzt, Scharniere an Feuerlöscherboxen sind so schief, dass die Türen nicht abschließen, das Material der Dehnungsfugen ist aufgeplatzt. Was festgemacht werden sollte, wurde nicht festgemacht, was montiert wurde, fällt bereits aus seiner Fassung, was verkittet gehört, wurde verschmiert.

Was für ein Sortiment! Also kann der "MyZeil"-Verbraucher auch frei wählen, ob es sich bei all den weißen Farb-Tränen, die auf den Wänden zurückgelassen wurden, um Tränen der Lustlosigkeit oder der Gleichgültigkeit handelt, um Tränen des Widerwillens oder der Wut. Das zu entscheiden steht einem jeden Kunden frei, all den Augenzeugen, darunter vielleicht sogar dem einen oder anderen Handwerker unter all den "MyZeil"-Kunden, dem Maler oder Lackierer oder Elektriker oder Schreiner, die mitansehen, wie das, was zusammengefügt werden sollte, nicht zusammengefügt worden ist.

Und plötzlich denkt der "MyZeil"-Kunde, ob es mit den Abdeckungen und Blenden und Materialien deshalb so ist, wie es in "MyZeil" nun mal ist, weil der Architekt über alles, Handwerk und Materialen, denkt wie über die Vergangenheit, nämlich gleichgültig.

In der Tat strömt auf den "MyZeil"-Kunden eine ganz ungeheure Auswahl an Eindrücken ein, angefangen damit, dass in diesem Gebäude nichts eckig ist und nichts kantig, sondern alles rund und gebogen und geschwungen und verschlungen.

Um den "MyZeil"-Endverbraucher in Stimmung zu versetzen, wurde das Bauwerk bewusst unübersichtlich konzipiert, wurde die Anordnung der Rolltreppen darauf angelegt, dass sich der Einkaufszentrumverbraucher verläuft. Ist es ein Wunder, wenn er Halt und Orientierung in den Läden sucht? Ist es Kalkül, dass er es tut?

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Auf jeden Fall geht der Konsum regelrecht gut von der Hand. Und dem Einzelnen geht es dabei sicherlich wie den Vielen. Und schon deshalb liefert "MyZeil" eine Standortbestimmung. Diese Standortbestimmung betrifft die Entwicklung des Konsums, keine Frage, wobei dieser Konsumentwicklungsstandort gleichzeitig so etwas ist wie ein Geistesentwicklungsstandort.

Doch was heißt das für die Produktion von "MyZeil"? War es Hast, die die schlechte Verarbeitung zurückgelassen hat, schlechte Laune oder mangelndes handwerkliches Vermögen? All diese Fragen stehen an, wenn man sich nur die verschmuddelten und hintergrundbeleuchteten Stoffbespannungen anschaut, die als Lichtbänder dienen. Wer legte hier Hand an, Handwerker?

Oder war es Sabotage, die die Stichsäge an Schlitzen in den Wänden wie eine Fräse geführt hat? Aber was heißt das, irritiert das, wie reagiert der "MyZeil"-Kunde auf diesen Konsum des Billigen, positiv oder negativ? Und ist die positive "MyZeil"-Reaktionsmöglichkeit dann die, dass man sich gleichfalls den Dingen und Details gegenüber hässlich verhält? Und was wäre dann eine negative Reaktion?

In "MyZeil" sind die Kategorien in einer wahrhaft ungeheueren Unordnung, zwangsläufig grotesk daher der Zugang zur wieder aufgerichteten Rückfront des barocken Thurn-und-Taxis-Palais', entworfen nach der Vorlage einer schauerlichen U-Bahn-Passage, mit der hier das Schnöde an eine wieder aufgebrezelte Barock-Schönheit angeflanscht wurde.

Zum Umgang mit der Dingwelt gesellt sich in der "MyZeil"-Welt der "MyZeil"-Menschenumgang. Auf den Freiflächen, zwischen den Rolltreppen, auf möblierten Plattformen für den Teilzeitaufenthalt, kann der "MyZeil"-Verbraucher auf "MyZeil"-Sitzgelegenheiten darüber nachsinnen, was es bedeuten kann, zwischen allen Stühlen zu sitzen.

Von dem Tag an, an dem "MyZeil" übergeben wurde, darf sich der "MyZeil"-Endverbraucher sicher sein, dass dieses Einkaufszentrum die stadtbekannteste Adresse für Zusammengeschustertes ist. Was etwa verbunden werden sollte, wurde praktisch zusammengeflickt. Was etwa vorgeblendet wurde, wurde praktisch zusammengeschummelt.

An erster Stelle ein Branchenmix aus echten Malern oder echten Schreinern oder echten Glasern (denn wie leicht lässt sich für einen echten Handwerksbetrieb ein authentischer Betriebsausflug organisieren) wird sich zu nicht einmal 80 Prozent durch "MyZeil" vertreten, womöglich gar in seiner Branchenmixehre verletzt fühlen, wenn man die Handwerkerehre einmal ganz eng auslegt und nicht so freizügig und neoliberal und dereguliert.

Alles in allem, also im strengen Sinne unter'm Strich, ist das Einkaufszentrum "MyZeil" der tagtägliche Schönheitsfehler der Architekturgroßstadt Frankfurt am Main, doch was wollen all die Großstädter machen, jetzt, wo diese Eins-A-Adresse zu einhundert Prozent existiert?

Und so muss der "MyZeil"-Endverbraucher einfach mit diesem Prozentsatz leben lernen, so wie er sich bereits damit abfinden musste, dass der Architekt Fuksas, naturgemäß der Stararchitekt Fuksas, den Impuls verspürte zu sagen: "Ich wollte eine neue Verbindung zwischen der Stadt und der Natur schaffen."

Da es dem berühmten Baumeister Fuksas mit allem, ob er es nun sagt oder tut, ernst ist, und ernst ist es ihm ja vor allem mit der Zukunft, ist es die Großstadt Frankfurt, die nun auch noch der Vollendung von vier Fuksas-Türmen, unmittelbar neben "MyZeil", entgegensieht. Sie, die Türme, werden ebenso zu den zukünftig in Frankfurt unumstößlichen Tatsachen zählen wie ihre Integration in die berühmte Natur.

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