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Caligari Filmbühne Wiesbaden Ein Juwel unter den Lichtspielhäusern

Das 1926 als "Ufa im Park" und Stummfilmtheater eröffnete Lichtspielhaus hat eine spannende Geschichte hinter sich. Heute ist das Caligari ein Lieblingskino, glänzt mit Ambiente und Programm. Von Petra Mies

17.10.2009 00:10
Petra Mies
So muss Kino sein: Die Caligari-Filmbühne in Wiesbaden. Foto: FR/Schick

Bei Eugen Alles ist niemand im falschen Film. Es sei denn, irgendwer begeht den großen Fehler, beim Hauptfilmvorführer der Caligari Filmbühne sonntags um neun Uhr zu klingeln. Dann flippt "der Eugen", wie sie ihn alle liebevoll nennen, leider aus. "Doch das würde wohl niemand wagen", sagt der 50-Jährige und grinst.

Alles hat nämlich das Pech, gleich um die Ecke des Kinos in der Wiesbadener Innenstadt zu wohnen, das seit mehr als einem Jahrzehnt seine Wirkungsstätte ist. Und er hat das Glück, in einem "Juwel unter den deutschen Lichtspielhäusern", wie Regisseur Volker Schlöndorff das Caligari genannt hat, praktisch jede Glühbirne zu kennen. "Jeder Winkel im Haus ist mir vertraut, mir fällt jede Kleinigkeit auf", sagt Alles.

Das 1926 als "Ufa im Park" und Stummfilmtheater eröffnete Lichtspielhaus hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. In den Nachkriegsjahren haben die erstmals Mitte des vergangenen Jahrhunderts renovierte Filmbühne auch US-Besatzer genutzt, später ebenso Boulevard-Theater. Kino kam über die Jahrzehnte oft zu kurz, der Zustand war marode. Doch dann fand das Caligari dank einer Millionen-Renovierung vor dem Jahrtausendwechsel zu einer neuen Pracht. Bezahlt hat das die Stadt Wiesbaden, die das Kino auch betreibt.

Das Caligari, benannt nach dem expressionistischen Stummfilm "Das Cabinet des Dr. Caligari", ist eine Ikone unter den weit mehr als 300 Kinos in Hessen. Und deshalb gehört es auch zu den kulturellen Leuchttürmen, die beim Hessischen Kinokulturpreis in Serie abräumen. Auch diesmal. Nicht zu vergessen die vielen anderen Auszeichnungen des unter Denkmalschutz stehenden Hauses, auf die Menschen wie Jutta Beyrich, Leiterin der Filmbühne und Filmreferentin im Kulturamt, so stolz sind.

Es präsentiert sich opulent, opernhaft, orgiastisch. Eine cineastische Oase mit 425 Sesseln auf dem Parkett und dem Rang, deren Rot so wunderbar mit dem Schwarz der Wände, den goldenen Kelch-Leuchten an der Seite und den silberfarbenen Blättern hoch oben korrespondiert. Der Stil? "Das ist weder Jugendstil noch Art Déco", urteilt Jutta Beyrich. "Bei der letzten Renovierung haben wir das Design der fünfziger Jahre wieder hergestellt."

Chef-Vorführer Alles steht auf der Empore und blickt auf die Pracht. Allein die geschwungene Decke bis zur abschließenden Welle über der Vorhang-Bühne, die an eine Filmrolle gemahnt. "Ich habe das alles hier beim großen Umbau peu à peu wachsen sehen", sagt er. Und: "Das Ambiente begeistert und geht ins Herz. Wer hier erst einmal sitzt, der will nicht mehr weg, so bequem sind die Stühle." Selbst war er nur einmal Kinogast im Caligari: "Ich habe mir den Film Woodstock angesehen."

Seitdem sie im neuen Kleid erstrahlt, ist die Filmbühne ein Forum für Initiativen und Kooperationspartner. Das inzwischen tägliche Kinoprogramm - am Wochenende sind es inklusive der Kinderfilme bis zu vier Vorführungen - bietet Klassiker, Stummfilme mit Live-Musik wie auch Arthouseproduktionen. Fremdsprachige Filme im Original mit Untertiteln gehören ebenso dazu wie die vielen Festivals. Gerade hat das Natur- und Umweltfilmfest "Atlantis" die Zuschauer gebannt, und das zu annehmbaren Eintrittspreisen. Ein Erwachsener zahlt 5,50 Euro fürs Ticket.

Und Eugen Alles ist immer dabei. Er nimmt es genau, die Filme richtig zusammenzuschneiden, "Tonspur an Tonspur". Darauf achtet er auch bei den anderen fünf Vorführern, die im Caligari arbeiten, mitunter nebenberuflich. Der Profi sieht und hört penibel hin im Rot-gold-schwarz-silbernen Reich. Einen Film bekommt er als Akte, wie die kleineren Rollen heißen, geliefert, oft bis zu fünf. Bei einem eineinhalbstündigen Film sind das bis zu 2000 Meter Material, die Alles auf dem Umroller auf eine riesige Leerspule zusammenschneidet - oder eben auch auf zwei Spulen.

"Der magische Moment ist der Wechsel", sagt Alles im Vorführraum vor den beiden Projektoren, Experten als 35 Millimeter FP 30 bekannt. Acht Sekunden bleiben dem Mann an den Maschinen zum Überblenden.

Wenn sie unten im Saal nichts merken, ist alles gut

"Gefühlssache und Erfahrung", sagt er über den idealen Zeitpunkt, die zweite Maschine zu starten. Wenn sie unten im Saal nichts merken, dann hat er mal wieder das richtige Fingerspitzengefühl bewiesen. "Die Technik gibt vor, wie der Abend läuft." Dass 35-Millimeter-Filme bald in Archive verbannt sein könnten und dann alles nur noch digital und über Server liefe, stimmt ihn traurig. "Schade." Ein nostalgisches Seufzen entströmt seiner Brust.

Angespannt wie ein Kinostar ist auch der Vorführer, der nie lustlos einen Film abspult. "Vor allem, wenn der Saal voll ist, dann stehe ich im Schweiß", sagt er. Oder wenn sie Prominente wie Volker Schlöndorff auf den roten Sesseln zu Gast haben. Film ab: Da setzt Alles ganz darauf, "bloß keinen Patzer zu machen".

Zuhause, nur einen Steinwurf vom Filmpalast entfernt, hat er auch einen riesigen Bildschirm, "ein richtiges Heimkino", sagt er. Klar, da legt er auch oft eine DVD ein und die Füße hoch. "Doch das Kino wird es hoffentlich immer geben", preist er die Kultur der Lichtspielhäuser an. "Ausgehen, sich ganz einlassen auf einen Film und danach noch bei einem Essen über das Gesehene sprechen, das ist doch wundervoll." Alles strahlt. "So ein Abend im Caligari ist wirklich großes Kino."

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