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Leitartikel Sich regen bringt Segen

Sport und Bewegungsförderung sind zentrale Bildungsaufgaben. Dazu gehört auch die Weiterbildung des Fachpersonals.

12.02.2009 00:02
MARTIN MÜLLER-BIALON
Martin Müller-Bialon ist Lokalredakteur der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Sportstudenten haben am Lauftreff Goetheturm mal eine Befragung unter Joggern durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass sogar Ärzte nicht korrekt beschreiben konnten, was Muskelkater ist und wie er entsteht. Ursache sei die Bildung von Laktose (Milchsäure) im Muskel, irrten sich die meisten.

Wenn also schon Mediziner Wissenslücken über die Folgen sportlicher Betätigung offenbaren, wie sollen dann Erzieher oder Grundschullehrer auf dem Stand der Dinge sein? Wer Sport treiben oder es anderen beibringen will, der braucht entsprechendes Wissen - erst recht, wenn es um Bewegungsförderung von Kindern geht. Eine aktuelle Untersuchung in Kindergärten des Main-Taunus-Kreises hat ergeben, dass drei Viertel der Erzieher sich diesbezüglich nicht ausreichend qualifiziert fühlen. Dass sie gleichwohl motiviert sind, beweisen die hohen Teilnehmerzahlen bei Fortbildungen.

Da kommt was in Bewegung. Und das ist gut so. Die Notwendigkeit gesundheitsfördernder Programme in Vor- und Grundschule ist jedenfalls unbestritten. Zu krass sind die empirischen Befunde: Kinder von heute sind signifikant schwächer, langsamer und weniger beweglich als die Kinder der 80er Jahre. Eine halbe Stunde am Stück traben oder eine Minute auf einem Bein stehen, das schaffen viele nicht mehr. Erschreckend hoch ist auch die Zahl der Haltungsschäden.

Über die Ursachen muss man nicht lange spekulieren. Der Computer übt für viele einen größeren Reiz aus als der Sportplatz oder das Schwimmbad. Hinzu kommt, dass der Spaß - oder wenigstens die Notwendigkeit - der Bewegung Kindern heute kaum noch vermittelt wird. Wenn einem immer mehr Aufgaben des Alltags, sei es Zähne putzen oder ein Autofenster herunterkurbeln, von elektrischen Helfern abgenommen werden, warum soll man sich dann noch selbst bewegen?

Bewegungsförderung ist mithin nicht nur eine Aufgabe von Schule oder Kindergarten. Im Gegenteil sind in erster Linie die Familien gefordert. Was Papa und Mama vorleben, das übernehmen die Kinder. Anders gesagt: Die besten Förderprogramme verlaufen im Sande, wenn die Eltern mit dem Auto die Brötchen holen. Deshalb ist es gut und richtig, dass die jetzt aufgelegten Projekte zur Bewegungsförderung auch Elternberatung vorsehen.

Wohl gemerkt: Bewegung muss nicht Sport bedeuten. Man kann seinem Kind auch außerhalb der Vereine genügend Bewegungsimpulse verschaffen. Dass Vereine und auch Krankenkassen die Programme unter anderem zur Eigenwerbung nutzen - sei's drum.

Entscheidend ist das Ziel: Kindern die Lust an der Bewegung zu verschaffen. Und wenn es das Erfolgserlebnis ist, den ersten Purzelbaum geschafft zu haben. Wichtig ist das nicht nur wegen der Gesundheit oder möglichen volkswirtschaftlichen Folgen von Bewegungsmangel. Sich regen bringt Segen; das heißt: Es ist auch für die Psyche und das Selbstbewusstsein gut.

Sport und Bewegungsförderung sind deshalb zentrale Bildungsaufgaben. Dazu gehört auch die Weiterbildung des pädagogischen Fachpersonals. Nicht nur, um den Muskelkater korrekt als Folge kleinster Faserrisse erklären zu können.

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