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Leitartikel Der dritte Pädagoge

Wer Unterricht bis 17 Uhr haben will, der muss sich zwangsläufig mit dem Begriff "Lebensraum Schule" auseinandersetzen. Von Martin Müller-Bialon

05.06.2008 00:06
Martin Müller-Bialon
Martin Müller-Bialon ist Lokalredakteur der Frankfurter Rundschau. Foto: FR

Der Raum ist der dritte Pädagoge." Dieser Satz stammt von dem norditalienischen Erziehungswissenschaftler Loris Malaguzzi (1920-1994). Er verbreitete die Auffassung, die Mitschüler seien der erste, der Lehrer nur der zweite Pädagoge, gleich gefolgt vom Raum.

Dass an dieser These etwas dran ist, wird niemand bezweifeln. Um so mehr erstaunt, dass sich die Bildungsdebatte stets nur um den zweitwichtigsten Pädagogen, den Lehrer, dreht. Bisweilen wird auch über das Lernen durch Gleichaltrige (peer group learning) gesprochen, so gut wie nie aber über die Gestaltung des Raums. Das Thema war bis jetzt völlig ausgeblendet.

Und so sehen die Schulen dann halt eben auch aus. Die allermeisten sind entweder sehr alte oder rein funktionale Gebäude. Vor allem bei den Nachkriegsschulen galt - wie im damaligen Wohnungsbau - nur: Es musste preiswert und schnell gebaut werden. Welche Architektur Schulen brauchen, damit Kinder gut lernen können, stand nicht auf der Agenda.

So ist das bis heute. In der hessischen Schulbaurichtlinie steht alles über Klassengrößen, maximale Schülerzahlen, Raumhöhen oder die Breite der Flure. Hinweise auf die Effekte von Licht und Farben auf das Lernergebnis oder auf die Verwendung von Naturmaterialien sucht man dort vergebens. Von den Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie wollen wir gar nicht erst reden.

Es wird also höchste Zeit für ein Umdenken. Und hier erweist sich die aktuelle Debatte über den Ausbau der Ganztagsschulen als Glücksfall. Denn wer Unterricht und Betreuung bis 17 Uhr haben will, der muss sich zwangsläufig mit dem Begriff "Lebensraum Schule" befassen.

Die Defizite sind hier eklatant. Da gibt es Schulen, die wollen am liebsten gleich mit dem Ganztagsprogramm starten, haben aber weder eine Kantine noch Ruhe- und Rückzugsräume oder ein geeignetes Außengelände. Dort beginnt nun das Nachdenken.

Immerhin: Auch das Bildungsdezernat hat die Lage erfasst und ein "Raumbuch" mit Kriterien für den Schulbau entworfen. Das gilt zwar zunächst nur für die derzeitige Vorzeige-Grundschule auf dem Riedberg. Glaubt man den Ankündigungen, soll es aber für alle folgenden Schulbauten als Grundlage dienen.

Den Aufwand hätte die Arbeitsgruppe gar nicht betreiben müssen - ein Besuch bei der Hallgarten- oder einer Waldorf- oder Montessorischule hätte es auch getan. Dort sind viele der Aspekte bereits realisiert, die man nun als wichtig erkannt hat: Helle Räume, freundliche Farben, Naturmaterial, kleine Einheiten im großen Gefüge. Es wird wohl noch dauern, bis dieser Anzug des "dritten Pädagogen" in allen Schulen passt.

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