Lade Inhalte...

Nachfolger von Tebartz-van Elst "Die Entscheidung liegt beim Papst"

Seit Oktober hat Wolfgang Rösch zwei Jobs: Er ist Stadtdekan in Wiesbaden und vertritt in Limburg den umstrittenen Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Die Arbeit als Stadtdekan gibt er jetzt auf, um sich seinen Aufgaben in Limburg zu widmen.

Wolfgang Rösch freut sich auf seine neue Aufgabe. Foto: Michael Schick

Die Wehmut ist Stadtdekan Wolfgang Rösch im Gespräch deutlich anzumerken. Am 12. Januar wird der 54-Jährige in Wiesbaden verabschiedet. Seit Oktober arbeitet er bereits in Limburg und vertritt dort Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst.

Herr Rösch, Wiesbadener Stadtdekane haben in den vergangenen Jahren immer wieder für Wirbel gesorgt. Ernst-Ewald Roth ging in die Politik und heiratete, Johannes zu Eltz prügelte sich um eine Hostie. Und jetzt wurden Sie nach Limburg abberufen, um die Wogen dort zu glätten.

(lacht) Meine Pfarrei sagt, sie bedauere es sehr, dass ich jetzt gehe, aber sie sei stolz darauf, Ausbildungspfarrei zu sein. Das war natürlich nur ein Spaß. Tatsächlich habe ich als Pfarrer hier viel gelernt.

Zum Beispiel?

Wir hatten in der Pfarrei ständig junge Leute in der pastoralen Ausbildung. Mir hat die Zusammenarbeit mit ihnen immer viel Freude gemacht. Ich habe die Verantwortung für sie gerne übernommen. Zudem konnte ich als Pfarrer gemeinsam mit Haupt- und Ehrenamtlichen viel gestalten, gerade auch mit Blick auf den Pfarreiwerdungsprozess. Ich glaube, dass ich gelassener geworden bin und gelernt habe, geduldiger und beständiger zu agieren. Dies war wichtig, wenn es gilt, Menschen mit auf den Weg zu einer neuen Pfarrei zu nehmen und so auch Kirche weiterzuentwickeln. Dieser Prozess hat mich in den vergangenen drei Jahren gelehrt, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Ich muss nicht bei allem der Macher sein.

Durch die Reform gibt es in Wiesbaden bald nur noch drei Großpfarreien. Verlieren die Kirchorte dadurch nicht ihre Identität?

Das glaube ich nicht. Schauen Sie mal auf das Leben in einer Großfamilie: Da leben mehrere Kinder mit unterschiedlichen Persönlichkeiten zusammen und es klappt – auch wenn es hin und wieder mal Spannungen gibt. So ist es auch in den Pfarreien neuen Typs, wie sie bei uns im Bistum Limburg heißen: Es gibt eine gemeinsame Identität, aber jeder Kirchort hat auch sein eigenes Leben.

Man merkt, Sie sind ein großer Verfechter der Reform.

Ich glaube, der Prozess ist notwendig und bringt viele Vorteile mit sich. Nicht nur die Kirche musste sich verändern, um zu bleiben. Sie kennen das aus der Zeitungsbranche, aus dem politischen Leben, bei Fernsehanstalten. Es gibt nicht mehr die Alleinstellungsmerkmale wie vor 30 Jahren. Überall wurde die Struktur verändert und zusammengefasst. Wenn Wertvolles erhalten bleiben soll, muss geschaut werden, wie sich Struktur weiterentwickeln lässt.

Was war der Vorteil für Sie?

Dass der Pfarrer nicht mehr alleine für die Seelsorge zuständig ist, sondern dass es ein Miteinander von Priestern und Laien gibt. Im Pfarrhaus in Wiesbaden haben wir zu fünft zusammengelebt. Das war für uns alle sehr angenehm. So ist niemand alleine. Priesterliche Lebensform heißt nämlich nicht, einsam sein zu müssen.

Was hat die neue Struktur für Auswirkungen auf Ihre Arbeit?

Ohne den Prozess hätte es in St. Bonifatius mehrere Kirchorte ohne zuständiges pastorales Personal gegeben. So aber kann das Pastoralteam handlungsfähig bleiben, gestalten und neue Schwerpunkte setzen, auch nach meinem Weggang. Ohne die Strukturveränderung wäre das nur schwer zu stemmen gewesen.

Apropos stemmen: Wie haben Sie die Mehrfachbelastung in den vergangenen Monaten überstanden?

Die Mehrfachbelastung haben vor allem die Menschen um mich herum getragen. Ich bin stolz auf das, was das Pastoralteam, die Menschen in den Gremien und an den Kirchorten in Wiesbaden geleistet haben. Ich habe erlebt, dass man viel leisten kann, wenn es eine konstruktive und offene Atmosphäre gibt. So war es hier in Wiesbaden, und so ist es auch in Limburg.

Sie schwärmen von Ihrem Team. Wie groß ist die Wehmut, Wiesbaden zu verlassen?

Ich gestehe, dass ich den Abschied momentan noch total verdränge. Generell fällt es mir schwer, Abschied zu nehmen. Ich habe immer das Gefühl, Menschen alleine zu lassen.

Sie wollten eigentlich nicht Generalvikar werden.

Ja, das stimmt. Ich war als Pfarrer in Wiesbaden glücklich, aber ich habe mich immer neuen Aufgaben und Herausforderungen gestellt. Das gehört für mich zum Priestersein einfach dazu.

Nun ist die Wahl auf Sie gefallen. Wären Sie gerne länger in Wiesbaden geblieben?

Ja. Es ist gut, zehn bis 15 Jahre an einem Ort bleiben und wirken zu können. Etwa drei Jahre braucht man allein, um sich in die Gegebenheiten vor Ort einzuarbeiten. Für mich wäre es durchaus spannend gewesen, in den kommenden Jahren die Aufbauarbeit für die neue Pfarrei zu begleiten.

Aufbauarbeit? Woran hapert es denn?

Kirche und auch die Seelsorge verändern sich. Bis in die 60er Jahre wurde der Glaube stark in der Familie weitergegeben. Irgendwann kam es zum Bruch. Der Glaube kann nur noch bedingt durch Tradition in den Familien weitergegeben werden. Freizeit und Freiheit werden immer wichtiger, und das meine ich nicht abwertend. Menschen wollen eigene Erfahrungen machen, bevor sie etwas im Glauben annehmen. Konfessioneller Glaube ist für viele nicht mehr so wichtig. Das belegen auch die Zahlen. Ich finde diese Entwicklung sehr schade, denn ich bin davon überzeugt, dass der Glaube an Gott und an das Evangelium wichtig für unser Leben ist.

Welche Zahlen meinen Sie?

Kirchliche Bindung verändert sich. Dieser Herausforderung müssen sich alle Konfessionen stellen. Der Anteil der praktizierenden Katholiken betrug in den 60er Jahren noch 50 Prozent. Das bedeutet, dass damals auf dem Territorium meiner Pfarrei in vier Kirchen jeden Sonntag etwa 10 000 Menschen zu den Gottesdiensten kamen. Es wurden neue Kirchen gebaut. Heute haben wir acht Kirchen, in die sonntags nur noch etwa 2 000 Leute gehen. Wir können die vorhandene Struktur nur bedingt mit den Gläubigen ausfüllen, die wir haben. Das ist übrigens auch ein Grund für die Neuordnung der Seelsorge.

Sind die Leute heute weniger religiös?

Das glaube ich nicht. Ich denke, sie leben ihre Religiosität spontaner, selbstbestimmter und mehr anlassbezogen.

Wie wollen Sie dem entgegenwirken?

Wir müssen nach Anknüpfungspunkte suchen und dürfen uns nicht von den Menschen abwenden. Ein Beispiel ist eine gute Pastoral für Kinder und Familien. In St. Bonifatius gibt es im Jahr etwa 120 bis 150 Taufen. Als Pfarrer muss ich mit den Familien sprechen und sie einladen, in der Kirche mitzugestalten. Nur so kann die Geschichte fortgeschrieben werden. Auch beim Thema Integration und soziale Verantwortung können wir als Kirche punkten. Gemeinsam mit der Caritas und den Menschen an den
Kirchorten leisten wir eine sehr wertvolle Arbeit.

Sie haben schon in mehreren Pfarreien gearbeitet, was ist in Wiesbaden anders?

In Wiesbaden gibt es weniger traditionelle Sozialformen als im ländlichen Raum. Dafür ist die Gesellschaft hier sehr offen. Dadurch haben wir zum Beispiel wesentlich mehr Erwachsenentaufen als im ländlichen Gebiet, wir merken das auch bei Konversionen und Wiedereintritten.

Und Kirchenaustritte?

Natürlich treten auch in Wiesbaden Menschen aus der Kirche aus, weil ihnen die Bindung zur Kirche fehlt, und ihnen diese Gemeinschaft nicht mehr wichtig ist.

Aber auch die Negativschlagzeilen um Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst tragen dazu bei, dass viele aus der Kirche austreten. Wie kann diese Entwicklung gestoppt werden?

Kirche wird so wahrgenommen, wie sie sich selber erlebbar macht. Die letzte Erfahrung war der Eindruck einer Maßlosigkeit, die die Menschen empört. Ich kann das durchaus nachvollziehen. Wenn ich jedoch einen Blick auf die Pfarreien werfe, sehe ich, wie nachhaltig und ideenreich dort gewirtschaftet wird. Ich hoffe, dass die Kirche auch differenziert gesehen werden kann. In dieser Sichtweise sieht man das Negative, das in ihrer Geschichte vorkommt, aber auch ihren großen Beitrag in unserer Gesellschaft. Kirche soll selbstbewusst, aber auch demütig sein. Wir haben als Kirche ganz tolle Antworten im Leben der Menschen zu geben. Wir müssen aber auf die Fragen der Menschen achten, ihnen zuhören, noch mehr auf sie zugehen, mit ihnen zusammenleben und schauen, was ihre Fragen überhaupt sind.

Das hört sich ja relativ einfach an.

So ist es. Es braucht aber Geduld und Beständigkeit. Die Menschen müssen erleben, dass wir als Kirche aufrichtig sind. Dann werden sie uns vielleicht auch vertrauen.

In Wiesbaden mussten Sie sich der Kritik an der Strukturreform stellen und in Limburg hagelt es Kritik an den enormen Baukosten des Bischofssitzes. Wie gehen Sie mit Kritik um?

Kritik ist wichtig, vor allem wo sie konstruktiv ist. Ich versuche, auf Kritik zu hören und glaube, dass man durch sie viel lernen kann. Auf jeden Fall sollten wir keine Angst vor ihr haben. Sonst würde sie zu einem Scheinriesen, wie in der Geschichte von Jim Knopf. Je näher aber man sich kommt, umso mehr wird der andere als normaler Mensch erfahrbar. So ist es auch in Limburg. Ich habe den Kontakt zu den Menschen gesucht und dabei viel erfahren.

Wie groß ist der Scherbenhaufen in Limburg?

Einen Scherbenhaufen habe ich nicht erlebt. Wohl aber Verletzungen und Enttäuschungen. Im Bischöflichen Ordinariat gibt es tolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gemeinsam können wir zügig anfangen, konstruktiv zu arbeiten. Andererseits gibt es viele, die misstrauisch sind und der Kirche den Rücken zugekehrt haben.

Haben Sie Kontakt zum Bischof?

Ja. Wir telefonieren regelmäßig und vor Weihnachten habe ich ihn außerdem einmal in Metten besucht.

Wird er zurückkommen?

Diese Entscheidung liegt beim Heiligen Vater in Rom. Der Bischof hat sich ihm anvertraut und auch die Gläubigen im Bistum sollten auf ihn vertrauen. Bei der Entscheidung wird es, glaube ich, nicht nur darum gehen, was der Bischof getan oder nicht getan hat, sondern auch darum, was mit ihm getan wurde.

Wäre die Rückkehr des Bischofs im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit der Kirche nicht ein falsches Zeichen?

Ich denke, dass die Rückkehr des Bischofs von vielen als Provokation gesehen würde. Wir müssen abwarten. Alles ist noch viel zu frisch, und es braucht lange, bis alle Ereignisse aufgearbeitet sind.

Wie groß ist Ihr Respekt vor der neuen Aufgabe?

Ich habe keine Angst vor den Herausforderungen und Aufgaben, aber ich habe Achtung vor der Verantwortung und hoffe, dass ich ihr gerecht werde.

Wenn man mit Ihnen spricht, merkt man, dass Menschen Ihnen unglaublich wichtig sind. In Limburg sind Sie nun eher Verwaltungsmann als Seelsorger. Wird Ihnen das fehlen?

Die Seelsorge wird mir zunächst fehlen, aber ich bleibe Priester. Da ich gute Kontakte zu den Pfarreien habe, freue ich mich schon darauf, dort öfter mithelfen zu können. So geht mir die Pastoral nicht wirklich verloren.

Sind Sie zufrieden, wie Ihr Leben bislang verlaufen ist?

Ja, sehr. Ich kann Gott gut vertrauen und bin sehr glücklich mit meinem Leben. Aber es kam immer anders, als ich es vorhatte. Als Abiturient wollte ich nie einen Beruf haben, bei dem ich vor fremden Leuten stehen und sprechen muss.

Das hat nicht so ganz geklappt.

(lacht) Ich glaube, der liebe Gott hat seinen eigenen Humor und hat mehr in die Menschen hineingelegt, als sie selber sehen. Es ist gut, was er aus unserem Leben machen kann.

Falls der Bischof nicht nach Limburg zurückkommt, übernehmen Sie dann seinen Posten?

Das sind Denkspiele und Spekulationen. Diese Aufgabe kann sich niemand aussuchen. Papst Franziskus sagt dazu sehr klug: „volentes nolumus – die, die wollen, die wollen wir nicht“. Ich bin froh, das zu sein, was ich bin.

Werden Sie den Kontakt zu Wiesbaden halten?

Nach meiner Verabschiedung in St. Bonifatius feiere ich Mitte des Monats den Gründungsgottesdienst der neuen Pfarrei St. Birgid. Ende Januar ziehe ich dann nach Limburg und werde mich einleben. So halte ich mich zunächst von hier fern. Sonst würde das Heimweh zu groß sein. Ich bin aber davon überzeugt, dass ich den Menschen aus Wiesbaden immer wieder begegnen werde und darauf freue ich mich.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen