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Leitartikel zu Tebartz-van Elst Fortschritt auf Katholisch

Das nahe Aus für den Bischof Tebartz-van Elst und die Reformen der Freiburger Katholiken gehen beide auf Impulse des neuen Papstes zurück. Für Franziskus ist diese Macht auch eine Bürde.

Unfreiwillig ist Tebartz-van Elst zum Exponenten einer Kirche geworden, über die nicht nur der Zeitgeist hinweggegangen ist, sondern auch der Heilige Geist. Foto: dpa

Das nahe Aus für den Bischof Tebartz-van Elst und die Reformen der Freiburger Katholiken gehen beide auf Impulse des neuen Papstes zurück. Für Franziskus ist diese Macht auch eine Bürde.

Über einen Mangel an Nachrichten aus der katholischen Welt brauchte sich zuletzt niemand zu beklagen. Neben dem skandalträchtigen Dauerbrenner über die bischöfliche Prunkresidenz auf dem Limburger Domberg sorgte auch der Freiburger Vorstoß für eine neue Offenheit gegenüber Geschiedenen in dieser Woche für Schlagzeilen. Das verbindende Motiv beider Themen: Die katholische Kirche ist im Umbau. Der Architekt und Masterplaner dafür sitzt in Rom. Sein Name: Franziskus.

Gewiss, das extravagante Bauprojekt des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst wäre auch ohne den Pontifikatswechsel in Rom ein Ausbund an Vermessenheit und das Ergebnis eines eklatanten Amtsmissbrauchs. Aber erst der Kontrast zur Botschaft der Bescheidenheit, mit der Papst Franziskus neuerdings den katholischen Trend setzt, hat den Limburger Skandal zur Bombe gemacht, die jene Mauern sprengen dürfte, hinter denen Tebartz sich und sein Amt sicher glaubte.

Der Strafbefehl aus Hamburg ist nur noch der Explosionsbeschleuniger. Ein Bischof, der vor der Justiz eine Verletzung der Wahrheitspflicht und damit einen Rechtsbruch einräumen muss, kann nicht im Amt bleiben. Das müsste Tebartz mit einem Minimum an politischem wie menschlichem Gespür erkennen. Nicht zuletzt zum eigenen Schutz.

Hätte er schon früher die Konsequenz gezogen, wäre ihm die Hamburger Schmach womöglich erspart geblieben. Denn nach einem Rückzug von seiner exponierten Position hätte die staatliche Behörde den bizarren Fall um die eidesstattliche Erklärung nach Tebartz‘ Erste-Klasse-Flug als minderschwer einstufen und zum Ergebnis gelangen können, dass eine Ahndung nicht unbedingt im öffentlichen Interesse liege. Doch diese Chance ist vertan. Vielleicht darf man das mit Blick auf Tebartz‘ Persönlichkeitsbild tragisch nennen. Zumindest verdient er an dieser Stelle Mitgefühl.

Tebartz glaubte, er könne tun, was er wolle

Unfreiwillig ist Tebartz-van Elst zum Exponenten einer Kirche geworden, über die nicht nur der Zeitgeist hinweggegangen ist, sondern auch der Heilige Geist. Auf dessen Wirken beruft sich die Kirche ja für die Auswahl und Bestellung ihrer Amtsträger, allen voran des Papstes. Dass Franziskus guthieße, was sein Namensvetter in Limburg seit Jahr und Tag getrieben hat, ist kaum unvorstellbar. Dabei geht es nicht nur um ein sündhaft teures Bauprojekt. Es geht auch um das selbstherrliche Auftreten eines Bischofs, der geglaubt hat, er könne einfach tun, was er wolle.

Der neue Bergoglio-Stil in Rom steht dem entgegen und hat Tebartz‘ Kritikern Mut gemacht. Sie haben die Visite eines päpstlichen Sondergesandten bewirkt und dem Bischof so Zugeständnisse abgerungen, die nun höchstwahrscheinlich seinen Rücktritt oder seine Absetzung zur Folge haben werden. Denn was sollte sonst passieren? Käme Tebartz mit seinem 31-Millionen-Moloch auf dem Domberg und dem Hamburger Strafbefehl in der Tasche jetzt noch davon, stünde Franziskus als Phraseologe da, dessen Wort nichts wert ist.

Ähnliche Überlegungen, wenn auch mit anderer Stoßrichtung, müssen das Erzbistum Freiburg zu seinem Vorpreschen in der Geschiedenen-Pastoral veranlasst haben. Die Erläuterungen zu einer Leitlinie, die Katholiken auch nach Trennung vom Ehepartner und Wiederheirat den Zugang zu den Sakramenten ermöglicht, ziehen einen Fundus von Franziskus-Zitaten heran. Als ob sie den Kritikern schon vorauseilend mit dem Hinweis begegnen wollten: „Was habt ihr denn? Wir beherzigen doch nur, worüber der Papst andauernd redet!“ Nämlich über Barmherzigkeit und über den Vorrang des Einzelfalls vor dem Beharren auf der reinen Lehre.

Wie weit man in der Kirche kommt, wenn man damit ernst macht, das testen die Freiburger aus. Ob es klug ist, einen solchen Sieben-Meilen-Schritt mit leichtem Schuhwerk im Alleingang zu tun, ist eine aus taktischer Sicht berechtigte Frage. Aber sie passt wiederum nicht zum Geist der franziskanischen Wende. Besser etwas wagen, sagt der Papst, als aus lauter Angst vor Fehlern in Reglosigkeit verharren.

Diese Maxime hat etwas Sympathisches, nicht nur für Katholiken. Aber zugleich hat die Projektion sämtlicher Hoffnungen und Reformerwartungen auf Person und Charisma des Papstes etwas Missliches. Das scheinbar neue Denken bedient sich alter katholischer Schemata: der Berufung auf höhere Autorität zur Absicherung des eigenen Verhaltens.

Das gilt für den Freiburger Reformeifer ebenso wie für den nun zu erwartenden Schlussakt im Limburger Trauerspiel. Ausgerechnet hier, wo es in der Kompetenz der Ortskirche läge, eines rechtsbrüchigen und uneinsichtigen Bischofs Herr zu werden, kann es am Ende doch nur wieder der Papst richten. In seiner ganzen Hitzigkeit offenbart der Limburger Konflikt damit auch die Mängel einer Kirchenverfassung, die alle Macht in die Hand eines Einzigen gibt. Das ist institutionell, theologisch und auch menschlich eine Überforderung. Was immer Franziskus aus dieser Bürde zu machen gedenkt, er wird Hilfe brauchen.

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