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Dornenvögel international

Wie ein australischer Priester und der Jesuitenorden eine Deutsche frustrieren

21.06.2008 00:06
MARTIN MÜLLER-BIALON
Frankfurt,  Bild 1 von 5
Protest vor St. Georgen: Wiltrud Weber und ihr Sohn David fordern Reue von den Jesuiten. Foto: Arnold

Um zu verstehen, was die Geschichte von Wiltrud und David Weber mit dem Jesuitenkolleg an St. Georgen zu tun hat, muss man einen Umweg über Australien, die Niederlande, Düsseldorf und Hamburg machen. Wer diese Tour nachvollzieht, fühlt sich unweigerlich an den Film "Die Dornenvögel" erinnert.

Stellen wir uns also einen australischen Priester vor, in diesem Fall einen Jesuiten. Der Mann heißt Francis Kelly und ist Provinzial, also quasi der Chef, des Ordens in Down Under. Während eines Sabbatjahres geht er auf Bildungsreise und lernt in Paris die deutsche Übersetzerin Wiltrud Weber kennen. Man verliebt sich, plant eine Hochzeit - und alsbald ist auch ein Kind unterwegs. Als der Sohn 1975 geboren wird, ist Priester Kelly aber schon wieder in Australien. Und jetzt beginnt ein Drama in vielen Akten, das bis heute noch kein Ende gefunden hat.

David gegen Goliath

Dabei mutet es fast schon als Ironie des Schicksals an, dass der Sohn ausgerechnet den Namen David erhielt. Denn der kämpft mit seiner Mutter - offiziell seit 1992 - einen Kampf gegen einen schier übermächtigen Gegner - die katholische Kirche in Gestalt des Jesuitenordens. Für den 32-Jährigen ist der Fall klar: "Der Orden hat meinen Vater gezwungen, die Beziehung zu meiner Mutter abzubrechen, um zu verhindern, dass Unterhaltsansprüche geltend gemacht werden."

In den ersten 15 Jahren seines Lebens habe er seinen Vater nicht gesehen, berichtet David Weber, der wie seine Mutter als Übersetzer in Hamburg arbeitet. Statt der versprochenen Heirat sei kurz nach seiner Geburt ein Brief aus Australien gekommen: "Habe eine Frau mit vier Kindern geheiratet und deshalb kein Geld."

Unstrittig ist, dass Pater Kelly David Webers Vater ist und dass er nach der Heirat mit der verwitweten Australierin aus dem Jesuitenorden austrat. Weiter bestätigt auch der Orden, dass bis heute keine Unterhaltszahlung geleistet wurden. Fragt sich nur, ob hier eine Verschwörung der Societas Jesu (Gesellschaft Jesu) vorliegt, oder lediglich die persönliche Verfehlung eines Priesters.

Der Orden, zumindest die "Deutsche Provinz" mit Sitz in München, sieht sich nicht in der Pflicht, reagiert gleichwohl prompt mit einer Pressemitteilung, als Mutter und Sohn einen Sitzstreik vor St. Georgen beginnen. Der 2004 gestorbene Francis Kelly, heißt es da, sei "für seine Beziehungen und die daraus stammenden Verpflichtungen selbst verantwortlich" gewesen.

Ordenssprecher Thomas Busch nennt die Darstellung der Familie Weber auf Nachfrage "absurd". Es komme immer mal wieder vor, dass Jesuiten den Orden verließen, "weil sie gegen die Regeln verstoßen haben". Es werde aber niemand unter Druck gesetzt.

Für Wiltrud Weber ist nicht nur das, sondern viel Schlimmeres geschehen. Sie mutmaßt, dass der Orden ihren damaligen Geliebten einer Art Gehirnwäsche unterzogen hat. "Wir wollten damals heiraten, haben sogar den Namen unseres Kindes gemeinsam ausgesucht. Und dann kommt plötzlich dieser lapidare Brief…"

Mehrfach, jeweils in Düsseldorf, hat die 63-Jährige versucht, vor Gericht ihre Ansprüche durchzusetzen. Bis jetzt ohne Erfolg. Das hat damit zu tun, dass David Weber längst erwachsen ist und seine Mutter nie auf die Idee kam, eine Unterhaltsklage in Australien anzustrengen. Stattdessen gehören für sie und ihren Sohn auch die Gerichte zu den Verschwörern. "Der Staat will der Kirche nicht wehtun", behauptet David Weber.

Asylgesuch in Holland

Statt die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens einzugestehen, organisieren die Webers immer wieder öffentliches Aufsehen. Zweimal - einmal vor dem Bundesverfassungsgericht, einmal in den Niederlanden - sind sie bereits in den Hungerstreik getreten. David Weber hat sogar einmal Asyl in Holland beantragt. Auf Versuche des Ordens, die Sache außergerichtlich mit einer Zahlung zu lösen, gingen die beiden nicht ein.

Jetzt haben sie sich St. Georgen ausgesucht, sitzen davor, "weil hier ein Sitz der Jesuiten ist". Sie fordern 500 000 Euro Schadenersatz. Viel wichtiger sei ihm aber "eine Entschuldigung des Ordens", sagt David Weber. Im Internet hat er Kontakt zu Schicksalsgefährten aufgenommen (www.priesterkinder.com).

Ein Einlenken der Jesuiten ist nicht in Sicht. Der Rektor des Jesuitenkollegs an St. Georgen, Thomas Gertler, lehnt jeden Kontakt mit den Webers an der Offenbacher Landstraße ab, denn man sei "für die Forderungen in keiner Weise zuständig". Ohne eine Reaktion aber wollen die Webers nicht abziehen. In ein paar Tagen, wenn sich nichts tut, wollen sie in den Hungerstreik treten. Den dritten. Ein Happyend ist also nicht in Sicht. Aber das hat es ja bei den "Dornenvögeln", einem verfilmten Roman, auch nicht gegeben.

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