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Diskriminierung in Hessen „Gehörlose können alles außer hören“

Im Beruf bleiben gehörlose Menschen oft auf der Strecke, weil Gebärdensprachdolmetscher fehlen. Thomas Meiler, Chef beim Gehörlosen und Schwerhörigen Stadtverband Frankfurt, spricht über die alltägliche Diskriminierung Gehörloser und die Chancen des Internets.

Thomas Meiler, der 33-Jährige ist Chef beim Gehörlosen- und Schwerhörigen-Stadtverband. Foto: peter-juelich.com

Telefonieren geht nicht, alles andere schon, denn es gelte der Grundsatz „Gehörlose können alles außer hören“, sagt Thomas Meiler (33), Geschäftsführer des Gehörlosen- und Schwerhörigen-Stadtverbandes. Daraus folgt für Meiler: Wenn das Versprechen der Politik von Teilhabe und Inklusion ernst gemeint ist, dann müssten Gehörlose bei Wahrnehmung und Kommunikation unterstützt werden. Doch „überall fehlen Gebärdensprachdolmetscher“, beantwortet Meiler die Frage nach der alltäglichen Diskriminierung.

Das Schreiben am PC fällt ihm leichter als das Sprechen, das er aber durchaus, wenn auch etwas leise und langsam, beherrscht. Deshalb beantwortet er die Fragen der FR am PC. Mit seinem Smartphone telefoniert er nicht, sondern chattet, verschickt SMS und E-Mails. Seitdem es das Internet gibt, „gab es bei uns Gehörlosen einen Boom“. Ohne Internet müssten sie zur „altmodischen Zeit“ zurückkehren, Faxe senden oder Briefe schreiben. Mit Handy, PC oder Tablet hat die schriftliche Kommunikation einen rasanten Aufschwung genommen. In der Schule würden bereits die Grundlagen von Arbeitsprogrammen wie Microsoft Office vermittelt.

Doch für die mündliche Kommunikation würden nach wie vor die Gebärdensprachdolmetscher benötigt, betont Meiler. Bei öffentlichen Veranstaltungen müssten sie zur Selbstverständlichkeit werden. Auch sollte es die Möglichkeit geben, für bestimmte Anlässe solche Gebärdensprachdolmetscher zu engagieren. Die Kosten dürften nicht die Gehörlosen, sondern andere Institutionen tragen.

Auch im Beruf würden gehörlose Menschen oft auf der Strecke bleiben, während „die Hörenden“ gute Karrierechancen hätten. Das derzeit in der Behindertenbewegung viel diskutierte Bundesteilhabegesetz müsse auch diese Benachteiligungen berücksichtigen und durch entsprechende Hilfsmittel kompensieren. Dass gehörlose Menschen weder Chirurg noch Pilot werden können, empfindet Müller ebenfalls als diskriminierend. In den Vereinigten Staaten sei das zumindest teilweise anders: Dort könnten Gehörlose auch als Chirurg arbeiten. Meiler findet, dass grundsätzlich „alles möglich ist, nur dass wir auf kommunikative Hilfsmittel angewiesen sind. Die Zeit ist reif dafür“.

Gute Erfahrung mit Stadt Frankfurt

Gute Erfahrungen hat Meiler mit der Stadt Frankfurt gemacht. Als er dort vor zwei Wochen einen Termin hatte, war auch eine Gebärdensprachdolmetscherin dabei: „Die Stadt kennt meine Termine und bucht im Voraus die Gebärdensprachdolmetscherin.“ Nach Frankfurt ist der 33-Jährige vor acht Jahren gekommen, als er sich auf die Stelle des Geschäftsführers für den Stadtverband beworben hatte und genommen wurde.

Meiler stammt aus dem Stuttgarter Raum, wurde in Waiblingen geboren und ging in Schwäbisch Gmünd auf eine Hörgeschädigtenschule. Er hat eine Ausbildung als Verwaltungsangestellter in der Fachrichtung Kommunal- und Landesverwaltung. Nachdem er im Alter von drei Jahren an einer Mittelohrentzündung erkrankte, stellten die Ärzte fest, dass er auf beiden Ohren schwerhörig war.

Schon in der Schule habe er mit seinen Klassenkameraden die Gebärdensprache geübt. Jetzt trage er oft Hörgeräte. Damit könne er „alle Geräusche wahrnehmen“ und auch hören, ob jemand seinen Namen rufe. Gestern aber lagen die Hörgeräte zu Hause: Bei der Arbeit verständige man sich „überwiegend mit der Gebärdensprache“.

Privat ist Meiler ein „begeisterter Sportler“, spielt Tennis, Golf und fährt Ski. Auch ins Konzert und ins Theater geht er gern – wenn er die Texte auf einem großen Monitor verfolgen kann. Beim Musical „Africa! Africa!“ habe er allerdings nicht viel Text hören müssen, um die Handlung zu verstehen. Gemäß dem Grönemeyer-Song „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist“ bestätigt Meiler, „Gehörlose mögen am liebsten starke Bässe“ und „richtig Pop oder Rapmusik“.

Es ist ein sonniger Apriltag. Auf dem Alleenring vor der Geschäftsstelle des Stadtverbandes sind viele Motorradfahrer unterwegs. Einige lassen ihre Maschinen laut aufheulen. Das hört der 33-Jährige nicht. „Das ist ein Vorteil“, sagt er mit einem Lächeln.

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