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Die Hessen werden immer älter Kurze Wege, langes Leben

Immer mehr Menschen werden 100 und wollen selbstständig leben. Eine Gemeinde im Taunus nimmt diesen Wunsch Ernst. Alles soll zu Fuß erreichbar sein.

11.11.2009 00:11
Martin Feldmann
Im grauen und nasskalten November nur ein Traum: Wärmende Sonnenstrahlen auf der Wiese und ein Mittagsschläfchen im Liegestuhl. Foto: rtr

Es ist einer dieser grauen Novembertage. Welke Blätter wirbeln über den Asphalt. Ein paar Rentner schlendern in Regenkleidung und mit Einkaufstaschen über den Gehweg der Hauptstraße in Wehrheim. An der nächsten Kreuzung machen sie für ein Schwätzchen halt. In Wehrheim, auch als Apfeldorf bekannt, und in seinen drei weiteren Ortsteilen kennt jeder noch jeden.

Viele Neuigkeiten gibt es an diesem Morgen am Nordhang des Taunus nicht zu erzählen. Aber auf der Baustelle der neuen Wehrheimer Mitte ist immer etwas los. Man sei gespannt, wie das Zentrum einmal aussehen wird, heißt es. Die Gemeinde lässt das Areal, wo einst ein hässlicher Betonflachbau und heruntergekommene Hofreiten standen, bebauen - und hat dabei besonders die alten Wehrheimer im Blick.

"Für die muss die Infrastruktur stimmen", sagt Bürgermeister Gregor Sommer (CDU). Denn die Kommune, etwa 30 Kilometer von Frankfurt entfernt, registriert wie viele andere Orte in Hessen, dass die Leute immer älter werden. In Zeitungen häufen sich landauf, landab Meldungen über Menschen, die ihren 100. Geburtstag feiern.

Kein Zweifel: Der Anteil der Hochbetagten wächst. "Eine Entwicklung, auf die die Kommunen reagieren müssen", sagt Matthias Böss, Fachmann für Demografie beim Planungsverband Ballungsraum Frankfurt/Rhein-Main. Er nennt die Wehrheimer Mitte ein Beispiel für eine sinnvolle Planung.

Die 10.000-Einwohner-Gemeinde will etwas für die Alten tun, die nicht mehr so mobil sind und kein Auto mehr haben. Alles soll man zu Fuß erreichen können. Die neue Mitte soll nicht nur barrierefrei sein, sondern auch ein Dach für das Bürgeramt und Praxen bieten. Auch Läden, ein Restaurant, eine Eisdiele, ein Bistro, ein Kellertheater und eine Bank sollen in dem Ensemble aus drei Gebäuden untergebracht werden. Und einige Eigentumswohnungen dort eignen sich - so Bürgermeister Sommer - für ältere Leute, die am Dorfrand ihr Häuschen aufgeben möchten.

"Hier gibt es noch den Bäcker und den Metzger von nebenan", sagt Sommer. "Und das soll auch so bleiben." Die Gemeinde habe stets dafür gesorgt, die dörfliche Atmosphäre zu erhalten. "Discounter auf der grünen Wiese haben wir immer verhindert."

Wehrheim lässt sich das Vorhaben - es ist in der Lokalpolitik unumstritten - immerhin zwölf Millionen Euro kosten, und dies alles ohne privaten Investor. Eine kommunale Gesellschaft hält die Fäden in der Hand. Eröffnung ist für den Herbst 2010 vorgesehen.

Mehr-Generationen-Haus

Sommer hofft, dass die Konjunktur wieder anzieht und dass er am Ende eine schwarze Null schreiben kann. Außerdem sucht die Gemeinde einen Investor für ein Mehr-Generationen-Haus. Zudem fördert Wehrheim auch junge Familien - mit niedrigen Grundstückpreisen. Sommer weiß, dass der Trend in Richtung Stadt geht, "aber ich gehe davon aus, dass dies sich wieder ändert".

Immer mehr Alte - das ist auch die Situation in Gravenbruch an der Peripherie Frankfurts. Die Trabantenstadt von Neu-Isenburg im Kreis Offenbach wurde Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre für 7000 Menschen aus dem Boden gestampft. Sie genoss damals den Ruf, der kinderreichste Ort Deutschlands zu sein. Die Kinder von einst zogen weg, die Eltern blieben. Heute leben etwa noch 5500 Menschen dort. Es sei gelungen, viele der leerstehenden Wohnungen wieder zu vermieten, sagt Erster Stadtrat Herbert Hunkel (parteilos). Junge Leute würden sich wieder niederlassen, weil die Wohnungen günstig und nahe an Frankfurt seien. Auch kümmert sich die Stadt um die Alten. Hunkel erwähnt 40 Apartments im Betreuten Wohnen plus Tagesstätte. Zudem könnten die Mieter vor der Haustür in zwei Zentren shoppen und Praxen besuchen.

Immer mehr alte Mieter

Älter werden ist auch für Wohnungsgesellschaften eine Herausforderung, sagt Jens Duffner, Sprecher der Nassauischen Heimstätte/Wohnstadt. Von den fast 130000 Mietern des Unternehmens in Hessen seien 45 Prozent älter als 60 Jahre. Deshalb werde bei Modernisierungen von Häusern und Wohnungen altengerecht umgebaut, Bewohner würden bei Bedarf in sozialen Fragen beraten, Treffpunkte dafür eröffnet. "Die Leute sollen möglichst lang in ihrer Wohnung bleiben."

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