Lade Inhalte...

Deutsche Geschichte Der Jude mit dem Hakenkreuz

Der Wiesbadener Fritz Beckhardt war Jagdflieger im Ersten Weltkrieg. Seine außergewöhnliche Geschichte erscheint jetzt als Buch.

Ein Hakenkreuz prangt auf Fritz Beckhardts Flieger. Das Symbol, das vor der Nazizeit schlicht für die Sonne stand, soll ihm Glück bringen. Foto: Privat

Am 10. April 2004 klingelt bei Kurt Beckhardt in Wiesbaden-Sonnenberg das Telefon. „Ich suche die Familie Beckhardt, die 1934 in der Rüdesheimer Straße in Wiesbaden gewohnt hat“, sagt Werner Lahr am anderen Ende der Leitung. „Mein Vater Fritz Beckhardt hat damals dort gelebt, weshalb?“, antwortet Kurt Beckhardt vorsichtig. „Dann bin ich Ihr Bruder. Fritz Beckhardt ist auch mein Vater“, erwidert der Anrufer.

Was Werner Lahr mit diesem Gespräch lostritt, ahnt der damals 69 Jahre alte Mainzer zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er gibt den Anstoß zu einer aufwendigen Recherche einer einzigartigen Familiengeschichte. Geprägt von Leid und Ungerechtigkeit, vor allem aber unbändigem Kampfgeist und einem blinden Patriotismus, der fast eine Familie zerstörte. Es ist die Erzählung der Geschichte vom „Juden mit dem Hakenkreuz“, die am heutigen 6. Oktober als Buch erscheint.

Als Kurt Beckhardt, damals 77 Jahre alt, und Werner Lahr sich vier Tage später in Mainz treffen, ist die Aufregung groß. „Wir dachten, dass wir es mit einem Erbschleicher zu tun hätten“, erzählt Kurt Beckhardts Frau Melitta. Doch als sie den Mann mit dem grauen Bürstenhaarschnitt suchend auf dem Platz vor dem Haus des Weines umherlaufen sehen, sind alle Zweifel verschwunden: „Der Haaransatz, der Gang. Die Ähnlichkeit mit meinem Vater war verblüffend“, sagt Kurt Beckhardt. Die Zurückhaltung weicht schnell einer Herzlichkeit, einem innigen Verhältnis zwischen Brüdern, die sich bis dato nicht kannten.

Verdrängung und Schweigen prägten die Kindheit beider Männer während des Zweiten Weltkrieges. Im Laufe der Gespräche setzt sich das Familienpuzzle Stück für Stück zusammen: „Ich erfuhr, dass mein Vater Jude war“, sagt Werner Lahr. Seine Mutter war das Dienstmädchen der Beckhardts und die Geliebte von Fritz Beckhardt, einem verheirateten Juden. „Deswegen beschützte sie mich später immer.“

Aber erst die Recherchen von Kurts Sohn, dem WDR-Redakteur Lorenz Beckhardt, zeichnen ein vollständiges Familienbild. Als der Journalist erfährt, dass er einen Onkel hat, von dem er bis dato nichts wusste, fängt er an, sich durch Archive, Briefe, Zeitungsartikel zu lesen. Er führt Gespräche mit Bekannten, recherchiert die Geschichte der Juden in Wiesbaden und seine eigene Familiengeschichte. 2007 entsteht ein Film über seinen Großvater Fritz, „den Juden mit dem Hakenkreuz“.

Das Material, das der Redakteur während seiner jahrelangen Nachforschungen zusammenträgt, ist so umfangreich und beeindruckend, dass er beginnt, seine außergewöhnliche Familiengeschichte aufzuschreiben. Auf 480 Seiten verwebt er das Leben seiner Vorfahren über zwei Jahrhunderte mit der deutschen Geschichte. Im Mittelpunkt steht sein Großvater, ein deutscher Patriot, der den Ersten Weltkrieg und das Konzentrationslager überlebte, aus Liebe zu seiner Heimat in der Bundesrepublik einen Neuanfang wagte – und daran zerbrach.

Lorenz Beckhardts Recherchen zufolge war sein Großvater Fritz Patriot durch und durch. Während des Ersten Weltkrieges kommt er als jüdischer Jagdflieger zu den höchsten militärischen Ehren, die das Kaiserreich zu vergeben hatte. 17 Abschüsse werden ihm zugerechnet. Ein Hakenkreuz prangt auf seinem Flieger. Das Symbol, das vor der Nazizeit schlicht für die Sonne stand, soll ihm Glück bringen.

Fritz Beckhardt fliegt im selben Geschwader wie Hermann Göring, der Mann, der wenige Jahre später Beckhardts vermeintliches Glückssymbol auf seiner Kleidung trägt und bis zum Kriegsende als einer der einflussreichsten NS-Politiker agiert.

Fritz Beckhardt, 1889 in Wallertheim geboren, zieht nach seiner Heirat mit Rosa Emma Neumann in den Wiesbadener Stadtteil Sonnenberg. Dort betreibt die Familie seiner Frau ein florierendes Lebensmittelgeschäft. Die Beckhardts sind wohlhabend, angesehen. Sie führen ein gutes Leben – bis die Nationalsozialisten 1933 zum Boykott jüdischer Geschäfte aufrufen. Auch der einst anerkannte Kriegsheld wird gemieden, was Fritz Beckhardt nur schwer ertragen kann. „Schau sie dir an, Kurtsche! Die Hose vom Judd trachse unn könne se nit bezahle, unn solche Leut rufe gesche uns zum Boykott“, erinnert sich sein Sohn Kurt im Buch an die Worte seines Vaters.

Wenn Fritz Beckhardt zu Anfang noch glaubt: „Was auch immer Hitler plant, so schlimm wie im letzten Krieg kann es nicht werden“, müssen auch die Beckhardts schließlich ihr Geschäft in Sonnenberg aufgeben. Sie ziehen in die Rüdesheimer Straße in der Wiesbadener Innenstadt, wo sie einen kleinen Lebensmittelladen von einem jüdischen Kollegen übernehmen.

Fritz Beckhardts Stolz bleibt trotz der Gängeleien ungebrochen. „Er sieht sich als Mann von Welt“, heißt es in Lorenz Beckhardts Erzählung. Er fährt ein teures Auto. Schließlich beginnt er ein Verhältnis mit seiner 23 Jahre jüngeren Haushälterin Lina Lahr, einer Nicht-Jüdin, und zeugt einen Sohn: Werner, der Jahre später mit seinem Anruf die Recherchen ins Rollen bringt.

Fritz’ Ehefrau Rosa Emma weiß um das Verhältnis – und schweigt darüber. Dass Fritz Beckhardt 1937 wegen Rassenschande verhaftet wird und später ins Konzentrationslager nach Buchenwald kommt, wird seinem Sohn Kurt erst nach dem Treffen mit seinem Bruder Werner Lahr 2004 bewusst. „Ein Grund für das Verschwinden meines Vaters wurde nicht genannt“, sagt Kurt Beckhardt rückblickend. „Der Papa kommt nicht, den haben sie geholt“, habe seine Mutter zu ihm gesagt. Mehr nicht. Und er habe nicht weiter gefragt.

Die Situation in Wiesbaden Ende der 1930er Jahre wird immer unerträglicher. Rosa Emma Beckhardt beschließt, ihren Sohn Kurt und seine Schwester Hilde nach England zu schicken, das damals 10 000 jüdische Kinder aufnahm. Als 1940 Fritz Beckhardt wie durch ein Wunder aus dem KZ entlassen wird, fliehen auch er und Rosa Emma. Der Enkel und Autor Lorenz Beckhardt fand heraus, dass Göring seine Finger im Spiel hatte, der sich bisweilen für nützliche Juden einsetzte. Es wird kein Abschied für immer von Deutschland. Doch ihre eigenen Eltern sehen Rosa Emma und Fritz Beckhardt nie wieder.

In England baut sich die Familie ein neues Leben auf. Lorenz Beckhardt beschreibt den leichten Alltag, den die Kinder Kurt und Hilde und auch Rosa Emma Beckhardt als Glück empfinden. Doch Fritz Beckhardt kann sein Vaterland, für das er sich immer noch begeistert, nicht vergessen. Und trifft eine Entscheidung, die nur schwer nachvollziehbar ist: Nach Kriegsende geht es 1950 zurück nach Wiesbaden. Doch seine Ankunft hat sich der Patriot anders vorgestellt.

Nicht nur, dass die Ankömmlinge feststellen müssen, dass ihre zurückgelassenen Verwandten in den KZs ermordet wurden. Lorenz Beckhardt schildert eindrücklich – mal mit leiser Wut, mal mit Sarkasmus –, wie sie im Nachkriegsdeutschland um Wiedergutmachung und Anerkennung zu kämpfen hatten. Und wie seine Großeltern Fritz und Rosa Emma Beckhardt und sein Vater Kurt zunächst scheitern. Jahrelang leben sie in bitterer Armut, werden von den Nachbarn verhöhnt und verspottet.

Fritz gelingt es zwar, 1955 den ersten Selbstbedienungs-Lebensmittelmarkt in Wiesbaden aufzubauen, doch der Kampf und das Festhalten an seinem Deutschlandbild zehren an ihm. Verbittert und entkräftet stirbt er 1962.

Zehn Jahre zuvor hatte sein unehelicher Sohn Werner versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Als der Vater ihn abwies – „mit dieser Sache habe ich nichts mehr zu tun“ – sei er geschockt gewesen, sagt Lahr. Doch nachdem er jetzt um die gesamte Familiengeschichte wisse, könne er verstehen, weshalb sein Vater so reagierte. „Er hatte damals ganz andere Ziele. Ich habe nicht in seinen Lebensentwurf gepasst.“

So wie seine Mutter ihm verschwieg, dass er einen Juden zum Vater hat, verheimlichte auch Werner Lahr die Begegnung mit seinem Vater vor ihr. „Das hätte sie zu sehr mitgenommen.“ Und auch in der Familie Beckhardt wurde geschwiegen. Lorenz Beckhardt erfuhr erst als Erwachsener, dass er jüdischer Abstammung ist, obwohl er seine Großmutter Rosa Emma gut kannte. „Über unsere Familiengeschichte fiel nie ein Wort“, sagt er.

Mit „Der Jude mit dem Hakenkreuz“ hat der Autor Lorenz Beckhardt das Schweigen gebrochen. Indem er durch die Augen seiner eigenen Familie das Erlebte, ihre Gedanken und Gefühle darstellt, schafft er ein lebendigeres Bild der Geschichte der deutschen Juden, als es eine historische Abhandlung je könnte. Man erlebt und begreift ein Stück deutsche Geschichte ganz intensiv: die Schrecken, die Angst und den hoffnungsvollen Blick in die Zukunft. Ein Buch, das unter die Haut geht.

Lorenz Beckhardt hat 2008 bei der Stadt Wiesbaden beantragt, für seinen Großvater ein Ehrengrab einzurichten, um es der Nachwelt zu erhalten. Im März 2010 schrieb ihm der damalige Oberbürgermeister Helmut Müller, dass der Magistrat den Antrag wegen fehlender „Verdienste um die Landeshauptstadt Wiesbaden“ beziehungsweise „auf politischem, kommunalpolitischem, … oder sozialem Gebiet“ abgelehnt habe. „Die ganz besondere Lebensgeschichte Ihres Großvaters soll jedoch in einer anderen Form eine Wertschätzung erfahren“, schrieb Müller damals. Und: „Magistrat und Ältestenausschuss haben das Kulturdezernat beauftragt, Formen für eine angemessene Ehrung zu prüfen (zum Beispiel Aufstellung einer Tafel in Wiesbaden-Sonnenberg).“

Zuletzt hat Lorenz Beckhardt im vergangenen Sommer das Kulturdezernat um eine Reaktion gebeten. Passiert ist bis heute nichts. Da die Frist für die alte Grabstätte auf dem Sonnenberger Friedhof 2012 ausgelaufen war, hat die Familie mittlerweile die Urnen von Fritz Beckhardt und seiner Ehefrau in ein Familiengrab auf dem jüdischen Friedhof umgebettet. Dort werden sich auch nachfolgende Generationen an die besondere Geschichte des „Juden mit dem Hakenkreuz“ erinnern können.

Lorenz S. Beckhardt: Der Jude mit dem Hakenkreuz. Aufbau 2014, 480 S., 24,95 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen