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Demos in Wiesbaden Proteste gegen „Demo für alle“

Streitfall Sexualkunde: Ein breites Bündnis wehrt sich in Wiesbaden gegen die Gegner des neuen Lehrplans. Tausende sind auf der Straße.

Tausende protestieren in Wiesbaden: für und gegen den neuen Sexualkunde-Lehrplan. Foto: dpa

Am Sonntagvormittag wehen vor dem Wiesbadener Hauptbahnhof Regenbogenfahnen, aus dem Lautsprecherwagen schallen 90er-Jahre-Hits und Hip-Hop. Mehr als 2000 Menschen sind zusammengekommen, um gegen die sogenannte „Demo für alle“ auf die Straße zu gehen: Hinter dem Namen steckt ein rechtes Bündnis, das sich zunächst in Baden-Württemberg formiert hat und nun gegen den neuen Lehrplan für Sexualerziehung der schwarz-grünen hessischen Landesregierung protestiert, weil der Akzeptanz für nicht-heterosexuelle Lebensformen als Lernziel nennt.

Die sogenannte „Demo für alle“ sei ein Angriff auf „unseren Lebensstil“, sagt Ulrich Wilken, Landtagsabgeordneter der Linken, vor dem Bahnhof: „Wir leben frei und queer“, man lasse sich von „Ewiggestrigen“ und „Klerikalfaschisten“ nichts anderes vorschreiben. Auch der Wiesbadener SPD-Stadtverordnete Dennis Volk-Borowski spricht sich für Akzeptanz aus: „Es ist scheißegal, wen du liebst.“

Konny Küpper, Grünen-Stadtverordnete in Wiesbaden, sagt, Aufklärung an Schulen befreie auch jene, die sich bisher aufgrund ihrer sexueller Orientierung verstecken mussten: „Toleranz reicht nicht, wir wollen Akzeptanz“, ruft sie den Menschen zu, die dem Aufruf eines Bündnisses von mehr als 100 Organisationen gefolgt sind. Darunter Gewerkschaften, Vereine, Initiativen – und alle im Landtag vertretenen Parteien bis auf die CDU; für die FDP beteiligen sich die Jungen Liberalen. „Ihr seid nicht alle“, haben sie ihr Bündnis genannt. „Die ‚Demo für alle‘ ist eine Demo gegen viele“, heißt es später vom Lautsprecherwagen. Auch aus anderen Städten sind Menschen angereist, etwa aus Frankfurt. Ein linksradikales Bündnis hatte auch zu Protesten aufgerufen.

Auf dem Weg in Richtung Innenstadt kommt es kurz zu Rangeleien, als ein Teil der Gegendemo versucht, an einer Polizeikette vorbei zum Auftaktort der „Demo für alle“ zu kommen. Rosafarbener Rauch steigt zwischen Regenschirmen und Transparenten hervor, Polizisten setzen sich ihre Helme auf und drängen die Menschen zurück.

Unweit, auf dem Luisenplatz, sind am Nachmittag etwas mehr als 1000 Menschen zur „Demo für alle“ gekommen, die Veranstalter sprechen von deutlich mehr. Sie recken ausgeteilte Schilder mit Slogans wie „Kein Gender in Hessens Schulen“ oder „Sexualpädagogik der Vielfalt? Nein!“ in die Höhe, lassen hellblaue und rosa Luftballons steigen. Ältere Damen mit Bibelvers-Plakaten und Herren im Tweed-Sakko, Familien mit Kindern stehen auf dem Platz. Es wird „Laudato si“ gesungen und Bratwurst gegessen. Auch einige muslimische Frauen mit Kopftuch sind gekommen – und gut zwei Dutzend Neonazis.

„Es ist an der Zeit, Flagge zu zeigen“, ruft die Organisatorin Hedwig von Beverfoerde von der Bühne. Kinder würden durch den neuen Lehrplan viel zu früh mit dem Thema Sexualität im Unterricht belästigt. Zudem mit „Sexualität in allen Varianten“, die als der heterosexuellen Ehe gleichberechtigt dargestellt würden. Ein lautes „Pfui“ ist auf dem gefüllten Platz zu hören. Stolz verliest CDU-Mitglied Beverfoerde ein Grußwort des Fuldaer Bischofs Heinz Josef Algermissen. Gegen die „Gender-Ideologie“ sprechen sich andere Redner aus. Einer sagt: „Kinder gehören den Eltern und nicht dem Staat“.

Nach und nach kommen auch Gegendemonstranten zum Luisenplatz, den die Polizei abgesperrt hat. Sie rufen Parolen und schwenken Regenbogenfahnen mit dem Logo der „Antifaschistischen Aktion“. Als sich die „Demo für alle“ in Bewegung setzt, ist es letztlich weniger als ein Kilometer, den sie durch Wiesbaden zieht: Die Verkürzung der Route habe die Anmelderin vorgeschlagen, sagt eine Polizeisprecherin später. Der Grund dürften rund 300 Menschen gewesen sein, die teilweise mit Trommeln und in rosa Kostümen, teilweise als Sitzblockade, die Kreuzung Luisenstraße/Wilhelmstraße besetzt hatten. Dort sollte die „Demo für alle“ eigentlich entlang laufen.

Beim Bündnis „Ihr seid nicht alle“ ist man am Abend zufrieden: „Wir haben deutlich gemacht, dass in Wiesbaden eine reaktionäre Demonstration, an der sich auch Nazis beteiligt haben, nicht widerspruchslos hingenommen wird“, sagt Sascha Schmidt, DGB-Kreisvorsitzender der FR. Manuel Wüst vom Verein „Warmes Wiesbaden“ ist „glücklich, dass wir gezeigt haben, dass die breite Gesellschaft für Akzeptanz und Vielfalt steht“.

Die Polizei zieht „ein insgesamt positives Fazit“. Außer einer FR-Redakteurin (siehe Kasten) sei allerdings auch ein Autofahrer verletzt worden. Sein Fahrzeug sei nach den Demonstrationen mit Steinen beworfen worden, teilte die Polizei mit. Zwölf Personen wurden deshalb vorläufig festgenommen. Welchem Lager sie zuzurechnen sind, war am Sonntag nicht zu erfahren.

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