Lade Inhalte...

Demo für Flüchtlinge in Frankfurt „Project Shelter“ will Frankfurt aufrütteln

Mehr als 1000 Menschen demonstrieren in Frankfurt für mehr praktische Solidarität mit Flüchtlingen. Benötigt werde ein selbstverwaltetes Zentrum, das Flüchtlingen als Anlaufstelle, Orientierungshilfe und erste Unterkunft dienen soll.

Mit Sprechchören und großen Transparenten warben die Demonstrierenden um die Aufmerksamkeit der Passanten. Foto: Renate Hoyer

Weit mehr als tausend Menschen sind am Samstagnachmittag für mehr praktische Solidarität mit Geflüchteten auf die Straße gegangen. Zu der Demonstration, die ab 15 Uhr vom Hauptbahnhof aus durch Gutleut, Gallus und Bahnhofsviertel zieht, hatte die Gruppe „Project Shelter“ aufgerufen. Seit Monaten setzt sich die Initiative für ein selbstverwaltetes Zentrum in Frankfurt ein, das Flüchtlingen als Anlaufstelle, Orientierungshilfe und erste Unterkunft dienen soll.

Youssoupha Touré, der seit einiger Zeit in der Gruppe aktiv ist, erklärt, warum ein solches Zentrum nötig sei. Viele Menschen, die auf der Suche nach Schutz oder Arbeit nach Frankfurt kämen, seien hier völlig auf sich gestellt – so wie er selbst, als er im Januar ankam: „Ich kannte niemanden und fand keine Anlaufstelle.“ Mitten im Winter schlief der 40-jährige Senegalese in Frankfurt wochenlang auf der Straße. Touré lebte bis Ende 2014 in Italien, hatte dort bis zum Ausbruch der Krise ein gutes Auskommen gehabt. Menschen wie er, die Aufenthaltstitel in anderen europäischen Ländern haben, aber keine EU-Bürger sind, fallen hierzulande durch die Raster der institutionalisierten Hilfesysteme, haben weder Anspruch auf Sozialleistungen noch auf eine Unterkunft. Oft dürfen sie nicht einmal arbeiten.

Erst als Touré durch andere Afrikaner von den Treffen der „Project Shelter“-Gruppe hörte, besserte sich seine Lage etwas. Die Aktivisten fanden für ihn eine temporäre Unterkunft in einer Wohngemeinschaft, unterstützten ihn mit Lebensmitteln und bei Behördengängen. Er ist einer von vielen, denen die Gruppe in den vergangenen Monaten geholfen hat – und die sich mittlerweile selbst für „Project Shelter“ engagieren. „Ich fordere, dass hier unsere grundlegenden Rechte anerkannt werden. Jeder Italiener kann herkommen, hier wohnen und arbeiten – wir aber nicht, und das nur, weil wir Afrikaner sind.“

Matti Klieme, Aktivist der ersten Stunde, freut sich, dass so viele zum Demonstrieren gekommen sind – die Stadt dagegen stelle sich bislang taub. „Momentan leisten wir komplett ehrenamtlich Arbeit, die eigentlich ganz klar Aufgabe der Kommune wäre“, sagt Klieme. Die Initiative fordert finanzielle Unterstützung und dass die Stadt geeignete Räume für das Willkommenszentrum zur Verfügung stellt. Der Demonstrationszug macht auch vor dem Hauptsitz der ABG am Hafentunnel Station, wo Aktivisten der Kampagne „Eine Stadt für alle – Wem gehört die ABG?“ von dem städtischen Wohnungsunternehmen Unterstützung fordern.

Auch viele andere Frankfurter Initiativen haben sich mit „Project Shelter“ solidarisiert und den Aufruf zur Demo unterstützt – etwa „noborder ffm“ oder die „Teachers on the Road“. So hat auch Beate Tiranno-Rötzel davon erfahren. Die 68-Jährige hat ab 2013 zusammen mit ihrer Tochter kostenlose Deutschkurse für die sogenannten „Lampedusa-Flüchtlinge“ in der Gutleutkirche angeboten. Als der Demonstrationszug an der Kirche vorbeikommt, die mittlerweile keine neuen Flüchtlinge mehr aufnimmt, seufzt sie. Wie viele andere Helfer und die Betroffenen selbst musste sie irgendwann schmerzlich akzeptieren, dass es für viele der Männer in Frankfurt wegen der gesetzlichen Rahmenbedingungen keine Perspektive gab. Sie will sich aber weiter für Geflüchtete einsetzen.

Nach weiteren Stopps im Gallus und im Bahnhofsviertel endet die Demonstration nach über drei Stunden am Willy-Brandt-Platz. Die Polizei, die den Zug mit mehreren Wagen begleitete, hält sich im Hintergrund. Zwischenfälle gab es keine, wie ein Polizeisprecher bestätigte. Er sprach von rund 1100 Teilnehmern, während „Project Shelter“ über 1700 zählte.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Zuwanderung Rhein-Main

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum