Lade Inhalte...

DDR-Flüchtlinge Gießen war ein Synonym für Freiheit

Heinz Dörr hat 20 Jahre lang das Notaufnahmelager für DDR-Flüchtlinge geleitet. 900.000 Menschen fanden in Mittelhessen eine erste Unterkunft und Hilfe. Die Stadt will jetzt eine Gedenkstätte errichten.

20.07.2011 16:22
Heinz Dörr in den 1970er Jahren: 20 Jahre lang war er Chef des Gießener Lagers. Foto: dpa

Selbst seiner Frau durfte er nicht verraten, was er vorhatte: Mit einem leeren Bus fuhr Heinz Dörr an so manchem Abend zum damaligen Grenzübergang Herleshausen. „Ich saß im Niemandsland der Grenze hinter einem Busch auf einer Holzbank. Dann kam ein Pkw, der blinkte“, berichtet der 83-Jährige. Ein Unterhändler der DDR brachte politische Häftlinge an die Grenze, die von der Bundesrepublik freigekauft worden waren. Mit dem Bus fuhr Heinz Dörr sie nach Gießen ins Notaufnahmelager für Flüchtlinge aus der DDR. „Manchmal spielten sich rührende Szenen ab“, berichtet Dörr. „Es kam zu Gefühlsausbrüchen im Bus. Viele fingen an zu weinen.“

20 Jahre seines Lebens war Heinz Dörr der Leiter des Lagers, das in der DDR als „Synonym für Freiheit“ galt. Heute ist dort die Hessische Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende aus aller Welt untergebracht. Auf Gießens Bedeutung für die deutsch-deutsche Geschichte weist hier nichts mehr hin. Die Stadt möchte dies ändern und plant eine Gedenkstätte.

Bis zur Schließung des Lagers fanden hier 900.000 Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR vorübergehend Unterschlupf. Die Mehrheit reiste mit dem Zug nach Gießen, die Ausreisegenehmigung der DDR in der Tasche. „Am Bahnhof kamen die meisten an, über eine Brücke gelangten sie zu uns und meldeten sich dann an der Pforte“, berichtet der Soziologe. Hier erhielten sie freie Unterkunft, Verpflegung, Kleidung und 15 Mark Taschengeld.

Die DDR-Bürger mussten sich offiziell anmelden und einen Ausweis für die BRD beantragen. Von Gießen aus ging die Reise für viele weiter in das gesamte Bundesgebiet.

Gegründet wurde das Lager bereits 1946, zur Aufnahme von Heimatvertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten. Im August 1949 wurde es zum zentralen Aufnahmelager in der US-Besatzungszone für Flüchtlinge aus der sowjetischen Zone, ein Jahr später erhielt es den Namen „Notaufnahmelager“.

Nun war die Einrichtung auch für ganz Westdeutschland zuständig. Zwei Jahre nach dem Mauerbau 1961 war das Lager das einzige in der Bundesrepublik, das Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR aufnahm. Im Jahr 1986 folgte die Umbenennung in „Zentrale Aufnahmestelle des Landes Hessen“.

Die Stadt will den eigenen Beitrag zur deutsch-deutschen Geschichte nun würdigen. In Zusammenarbeit mit Historikern der Universität soll bis 2014 eine Gedenkstätte geschaffen werden, um auf angemessene Weise an diesen Ort zu erinnern, erklärt eine Stadtsprecherin. Nach dem Fall der Mauer geriet für einen Moment auch Gießen in den Mittelpunkt des Weltgeschehens. „Wir hatten Fernsehteams aus der ganzen Welt hier. Ein Reporter aus Italien hat sich darüber gewundert, wie diszipliniert die vielen Menschen in einer Schlange standen“, erinnert sich Dörr. Mehr als 2500 Menschen kamen in den Tagen nach dem Mauerfall in Gießen an. 120000 waren es im gesamten Wendejahr.

Auf den Zufahrtswegen zum Lager habe sich ein Trabant an den nächsten gereiht, auch die Wiesen an der Lahn seien voll geparkt mit Autos gewesen. Um im Lager mit dem großen Menschenansturm fertig zu werden, musste enorm improvisiert werden. „Aus Zweibettzimmern haben wir dann Vierbettzimmer gemacht“, berichtet Dörr.

Im Arbeitszimmer in seinem Haus im Gießener Norden hängt ein Verdienstorden, unterschrieben vom ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, daneben ein Ehrenbrief des Landes Hessen. Am 31. Juni 1990 ist Heinz Dörr in den Ruhestand verabschiedet worden. Im selben Monat wurde die Zentrale Aufnahmestelle in Gießen geschlossen. Das Ende seines Arbeitslebens war gleichzeitig das Ende eines Kapitels deutscher Nachkriegsgeschichte. ( dapd)

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen