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Das Porträt Brückenbauer zwischen Ost und West

Vom Palais Jalta zum "Salon Belgrad": Wolfgang Klotz geht für die Heinrich-Böll-Stiftung als Regionalleiter Südosteuropa nach Belgrad und wer weiß, was ihm da alles einfällt. Von Anita Strecker

19.03.2009 00:03
ANITA STRECKER
Frankfurt  Bild 1 von 4
Alle zehn Jahre ein Neubeginn. Foto: FR/Arnold

Sonntag geht's los. Die Koffer sind gepackt, die letzten, nervtötenden Behördengänge von Melde- bis Finanzamt bewältigt, die mit jedem neuen Formular vergegenwärtigen, dass es diesmal nicht in Urlaub oder auf kurze Dienstreise geht.

Wolfgang Klotz, Brückenbauer zwischen Ost und West, der mit seiner ungarischen Frau Bea und dem Rumänen Aurelian Urzica über die osteuropäische Online-Bibliothek "Ceeol" Autoren, Verlagen, und Redaktionen aus dem Osten Plattform und Stimme im Westen gibt, macht sich nun selbst auf, um gesellschaftspolitische Entwicklungen, Stimmungen, Lebensumstände hautnah zu erleben und zurückzuspielen.

Als Regionalleiter Südosteuropa geht er für die grüne Heinrich-Böll-Stiftung nach Belgrad, koordiniert von dort auch die Arbeit in den Stiftungs-Büros von Sarajewo und Zagreb, organisiert Veranstaltungen, vergibt Stiftungsmittel für lokale Initiativen und Organisationen, die das Land auf dem langen Weg zu Demokratie, friedlichem Miteinander und Selbstständigkeit voranbringen wollen.

Regionalleiter Südosteuropa. Der Titel klingt gut, lässt den 54-jährigen Frankfurter schmunzeln. Doch er weiß, dass ihm ein zähes Geschäft bevorsteht. Serbien, Bosnien, Kroation - ein Dreiklang, der nicht zusammenpassen will: In Bosnien schreitet die Islamisierung voran, EU-Anwärter Kroatien segelt auf Westkurs, in Serbien, wo 2003 der erste demokratische Präsident Zoran Djindjic ermordet wurde, ist die Bevölkerung gespalten zwischen Westanhängern, die den EU-Beitritt wünschen, und Russlandfreunden wie spätsozialistischen Ideologen, die von einem panslawischen Bündnis träumen.

Dass die CDU im jüngsten Wahlkampfprogramm ein Beitrittsembargo festgeschrieben hat - lediglich Kroatien solle noch Zutritt haben -, wird den Keil tiefer zwischen die Balkanstaaten und Ost und West treiben, fürchtet Klotz.

Er freut sich trotzdem auf den Job. Weil er immer spätestens nach zehn Jahren was Neues gemacht hat. Weil er mit 54 die letzte Chance dazu sieht. Und weil die neue Aufgabe logische Fortsetzung dessen ist, was für den gebürtigen Franken 1989 mit dem ost-westeuropäischen Kultur- und Studienzentrum Palais Jalta begann. Zufällig. Aber in Zufällen steckt bisweilen eben Zwingendes.

Drei Jahre zuvor war Klotz nach Frankfurt gezogen. Mit abgeschlossenem Studium der katholischen Theologie und Philosophie und gescheiterter Beziehung. Er wollte abtauchen, irgendwohin, wo ihn niemand anspricht. Krakau. So hat es angefangen. Er lernte dort einen Karikaturisten kennen, kam mit dessen Bildern zurück und bot sie Dorothea Rein vom Verlag Neue Kritik an. Die war an den Gründungsplänen des Palais Jalta beteiligt, glaubte einen Polenkenner vor sich zu haben - und schon war er dabei.

Acht Jahre lang war das Organisationstalent Geschäftsführer des Ost-Westeuropäischen Kulturzentrums, das mit großer öffentlicher Resonanz, aber minimaler öffentlicher Unterstützung Diskussionen, Ausstellungen und Lesungen mit allen namhaften Vertretern der osteuropäischen Bürgerbewegungen organisierte.

Zoran Djindjic, Jiri Dienstbier, Adam Michnik, Lew Kopelew oder der Künstler Edi Rama, der später Oberbürgermeister von Tirana wurde - alle kamen sie ins Palais Jalta, brachten Menschen und Befindlichkeiten aus dem Osten in den Westen. Frankfurt wurde zum Brückenkopf.

Aber das klingt schon zu pathetisch für den baumlangen Mann, der sich einfach für die Umwälzungs- und Entwicklungsprozesse postsozialistischer und kommunistischer Staaten interessiert, für Vergangenheitsbewältigung, die Suche nach neuer Identität. Und: Er liebt die Länder Osteuropas, die einem Takt folgen, interessiert sich für die Menschen, von denen viele über die Jahre enge Freunde geworden sind.

Schon sinniert er über eine Art Belgrader Salon, den er einrichten will, in dem Intellektuelle, Künstler, gesellschaftlich Interessierte über Demokratie, Gesellschaft und idealen Staat diskutieren.

Trotzdem hat er sein jüngstes Schicksal in Sachen Brückenschlag erst auf den letzten Drücker besiegelt. Wenige Stunden vor Ablauf der Frist schickte er die Bewerbung per E-Mail los, die ihn in Belgrads postsozialistische graue Tristesse spülen sollte, wo frisch gefallener Schnee binnen kurzem pechschwarz daliegt, sich Straßenbahnschienen aus dem Boden stülpen und knorrige Akazien mit krummen Kronen und abgerissene Äste an Alleen Spalier stehen, weil Linden all dem Dreck, Verkehr und Asphalt nie standhielten.

Das grüne, saubere Frankfurt werde ihm sicher bald fehlen, sagt er. Aber die Brücke ist ja nach beiden Seiten offen.

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