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Darmstadt „Es geht nicht um Missionierung“

Als Betriebsseelsorgerin gibt Ingrid Reidt Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen eine Stimme. Im FR-Interview spricht sie über die Verlierer in der modernen Arbeitswelt.

17.02.2017 15:34
Firmenseelsorgerin Ingrid Reidt vom Bistum Mainz. Foto: Monika Müller

Was macht eine Betriebsseelsorgerin? Wo setzen Sie an?
Seelsorgerische Arbeit beginnt da, wo jemand fragt: Wie geht’s dir? Während andere Kollegen durch die Gemeinden fahren und Hausbesuche machen, fahren wir durch die Industriegebiete, suchen den Kontakt zu den Betrieben. Ansprechpartner sind oft zuerst Personal- und Betriebsräte.

Und wenn eine Firma weder Interesse noch Betriebsrat hat?
Betriebsseelsorge als offenes Angebot ist nicht überall bekannt. Deswegen informieren wir über eine Broschüre, die auch in Kirchen und Einrichtungen ausliegt, damit Menschen sich persönlich an uns wenden können.

Was tun Sie vor Ort?
Bei Besuchen in Betrieben frage ich: Geht es den Menschen mit ihrer Arbeit gut? Sie verbringen dort viel Zeit, so dass es immer auch ein existenzieller Lebensraum ist. Ich bringe den Menschen Wertschätzung entgegen für das, was sie leisten, biete auch persönliche Gespräche an. Die Probleme im Betrieb sind vielfältig: Sucht, Krankheit, Tod, Scheidung. Ich arbeite in einem Netzwerk mit Caritas, Diakonie und anderen Hilfsorganisationen zusammen und verweise Menschen an die entsprechenden Stellen.

Wie wählen Sie die Betriebe aus?
Wenn irgendwo Entlassungen anstehen, hat das Priorität. Auch schaue ich, wo Menschen aufgrund der Lohnstruktur oder Arbeitsbedingungen in nicht so guten Situationen tätig sind. Die Betriebsseelsorge ist auch die Sorge in Hinblick auf Armut. Es gibt Betriebe mit vermehrt prekären Arbeitsverhältnissen aufgrund fehlender Tarifbindung und erzwungene Teilzeit, etwa im Einzelhandel. Ich war in die Insolvenz von Schlecker und Praktiker involviert. Auch bei den Real-Schließungen und den Entlassungen bei Hewlett Packard war ich präsent.

Dann sind Sie von den Arbeitgebern wohl nicht gerne gesehen?
Wir stehen im Dialog mit allen Verantwortlichen der Arbeitswelt. Wir suchen das Gespräch mit den handelnden Akteuren und machen uns stark für die Schwächeren im System.

Und wie machen Sie sich stark für die Benachteiligten?
Ein Vorbild ist Papst Franziskus. Er geht einfach hin zu den Menschen und spricht mit ihnen. Menschen in ihrer Not ernst zu nehmen, ist wichtig. Ich erinnere mich gut an die Schleckerinsolvenz, an viele Einzelgespräche bis hin zu Betriebsversammlungen. Ich begleite Arbeitskämpfe und stehe Belegschaften in Krisensituationen bei. Mit öffentlichen Solidaritätserklärungen erinnern wir daran, dass eine Schließung auch menschliche Folgen hat.

Wie trösten Sie jemanden, der seinen Job verliert?
Trösten klingt manchmal nach vertrösten. Darum geht es nicht. Mein Part ist es, mitzufühlen: Es ist verletzend und beängstigend, „einfach“ gekündigt zu werden. Ich stelle die Frage nach der sozialen Verantwortung der Wirtschaft und biete natürlich auch konkrete Hilfe an.

Wie passen Religion und Arbeitswelt zusammen?
Die Betriebsseelsorge ist eine Einrichtung der Kirche. Das macht es nicht immer leicht. Oft werde ich gefragt: Was soll das? Was habt Ihr hier zu suchen? Das lässt kritisch aufhorchen. Wir verstehen uns als offenes Hilfsangebot, richten uns an alle Menschen, unabhängig von der Konfession. Sich als kirchliche Einrichtung einzumischen, muss gut begründet sein. Der gute Grund ist die Würde des Menschen und die christliche Option für Gerechtigkeit. Es geht nicht um religiöse Missionierung, sondern um den Dienst an Mensch und Gesellschaft.

Aber Sie gehen nicht nur in Krisenzeiten in einen Betrieb ...
Mich beschäftigen auch Themen wie Arbeitszeitgestaltung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Digitalisierung und ihre Folgen. Meine Aufmerksamkeit gilt auch den Beschäftigten im sozialen Sektor: Erzieherinnen, Pflegekräfte, Sozialdienste. Viele von ihnen sind Frauen. Oft mangelt es an Wertschätzung. Es stellt sich die Frage: Was ist die soziale Arbeit unserer Gesellschaft wert?

In der Region dürfte die Zukunft der Kreisklinik Groß-Gerau auch ein heißes Thema sein ...
... das aber auch ein politisches ist. Der Umbruch in der Krankenhauslandschaft bereitet Sorgen. Vieles hängt an politischen Marschrichtungen. Gerade mit Blick auf die Überlastung in der Pflege sind alle Krankenhäuser in der gleichen Situation. Für die Wertschätzung medizinisch-pflegerischer Tätigkeit braucht es politischen Willen.

Wer sind die Verlierer in der modernen Arbeitswelt?
Sorgen mache ich mir um die Menschen in prekären Beschäftigungen. Trend ist, nicht mehr in Vollzeit zu beschäftigen, sondern in Teilzeit, Befristung, über Leiharbeit oder Minijobs.

Tut die katholische Kirche denn genug, müsste sie nicht mehr Missstände verurteilen?
Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gehören zusammen. Die Frage ist: Wie politisch darf und muss Kirche sein? Es gibt zahllose Einrichtungen und Projekte der Kirche, die die Not der Menschen im Blick haben und etwas tun.

Was tun Sie zum Beispiel?
Es gibt immer wieder Fälle, wo geltendes Recht nicht eingehalten wird. Etwa, dass geringfügig Beschäftigte im tarifgebundenen Einzelhandel nicht nach Tarif entlohnt werden. Das ist widerrechtlich. Wenn keiner was sagt, ändert sich nichts daran. Ich habe in Kooperation mit der Gewerkschaft Infoveranstaltungen angeboten, wo wir die Menschen über ihre Rechte aufklärten.

Wie war die Resonanz?
Gering. Je prekärer Menschen beschäftigt sind, desto schwerer sind sie erreichbar. Meine Aufgabe sehe ich deshalb auch darin, innerkirchlich und gesellschaftlich kritische Fragen zu stellen und meine Beobachtungen in die Diskussion zu werfen. Es gibt bestimmte Themen, die haben eine Lobby, und andere nicht. Deshalb verstehe ich die Betriebsseelsorge als eine Lobbyarbeit für die, über die man sonst wenig hört.

Wie gehen Sie als Pastoralreferentin damit um, dass Sie in der katholischen Kirche nicht das Priesteramt ausüben dürfen?
Als mündige Christin definiere ich mich nicht zuerst über ein Amt, sondern über den gemeinsamen pastoralen Auftrag. Es gibt diese Diskrepanz, aber es gibt auch eine Vielfalt von Berufen. Ich sehe viel Potenzial in meinem Beruf und als Betriebsseelsorgerin.

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