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Darmstadt Der Wald versteppt

Wassermangel setzt dem Darmstädter Westwald zu. Naturschützer sehen die Ursache in der Wasserentnahme.

Darmstadt
Die Baumkronen sehen schon recht dürre aus. Foto: Michael Schick

Buchen und Eichen recken dürre Äste in den Himmel, rotgefärbte Kiefern – von jetzt auf gleich vertrocknet: Der Westwald zwischen Heimstädtensiedlung und der Villenkolonie Eberstadts gibt ein trauriges Bild ab. Von einem dichten Blätterdach, wie es noch vor fünf Jahren existierte, ist hier in der Abteilung 242 des Stadtwalds, in die Arnulf Rosenstock, stellvertretender Vorsitzender der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald Darmstadt (SDW), uns führt, nichts mehr zu sehen. In diesem Bereich sind rund 95 Prozent der Alteichen abgestorben. „Kein einziger Baum überlebt hier“, sagt Rosenstock, der 22 Jahre lang Forstmeister von Darmstadt war. Sogar jüngere Bäume litten schon unter dem Wassermangel. Inzwischen liefen die Waldschäden direkt auf die Siedlung zu, sagt Rosenstock. Hinter den Wohnhäusern in der Heidelberger Landstraße kann man Buchen sehen, deren Kronen wegen Wassermangels abgestorben sind und die, um zu überleben, darunter sogenannte „Angstreiser“ an den Stämmen ausgebildet haben. Auch in den angrenzenden Gärten oberhalb nimmt die Katastrophe ihren Lauf: absterbende Lebensbäume, Eichen und Birken.

Rosenstock, der den Westwald seit 40 Jahren kennt, beobachtet seit Jahren, dass sich der Absterbeprozess flächig von Westen nach Osten ausbreitet. Und zwar parallel verlaufend zum Wasserwerk in Eschollbrücken, in dessen Absenkungstrichter dieser Wald liegt. Seit 2005 habe sich der Zustand „dramatisch verschlechtert“.

Hessenwasser, einer der größten Trinkwasserlieferanten der Region, entnimmt dort in 19 Förderbrunnen jährlich bis zu 20 Millionen Kubikmeter Grundwasser. Das Regierungspräsidium Darmstadt genehmigte 2012 die Erhöhung der maximalen Fördermenge um 7,5 Millionen Kubikmeter.

Laut Rosenstock ist der sinkende Grundwasserpegel durch die Wasserentnahme in Eschollbrücken Grund für die Trockenschäden im Westwald. Zwar habe das Waldgebiet nie einen direkten Anschluss an das Grundwasser gehabt, dennoch ist Rosenstock überzeugt, dass es seitlich von Kluftwässern mitversorgt wurde. „Ansonsten hätten hier niemals so dicke Bäume wachsen können“, sagt der ehemalige Forstmeister. „Wenn ich dem Grundwasserkörper doppelt so viel Wasser entnehme, wie sich neu bilden kann, verändert sich der Geländewasserhaushalt.“

Der Wasserversorger widerspricht dieser Annahme: „Die Wasserwirtschaft ist nachhaltig und entspricht den gesetzlichen Anforderungen“, sagt Hubert Schreiber, Sprecher von Hessenwasser und des Wasserverbands Hessisches Ried, auf Anfrage der Frankfurter Rundschau. Das Eschollbrücker Wasserwerk sei „infiltrationsgestützt“. Das heißt, dem Grundwasser wird aufbereitetes Rheinwasser zugeführt, um den Pegel im Fördergebiet zu halten.

Die Infiltration wird von Hessenwasser seit 1989 betrieben. So habe 2016 die Jahresfördermenge bei 14,86 Millionen Kubikmetern gelegen. Dem stand laut Schreiber eine Infiltrationsmenge von 3,7 Millionen Kubikmetern gegenüber, „die zusammen mit der natürlichen Grundwasserneubildung den Grundwasserstand zuverlässig oberhalb des zulässigen unteren Grenzgrundwasserstands des Grundwasserbewirtschaftungsplans gehalten hat“.

Nicht nur die Wege des Wassers sind offenbar unergründlich, auch sind die Zusammenhänge zwischen Niederschlägen, Wasserentnahme, Infiltration von Flusswasser, landwirtschaftlicher Berieslung im Ried und Klimawandel sehr komplex.

Offenkundig ist, dass der südliche Teil des 1500 Hektar großen Westwalds im Einzugsbereichs der Gewinnungsanlagen von Eschollbrücken liegt. Und dass die Wasserentnahme der vergangenen 40 Jahre im Ried die Waldbestände insgesamt geschädigt hat, ist eine Tatsache, der sich bereits 2012 auf Initiative des hessischen Umweltministeriums ein runder Tisch widmete, an dem Hessenforst, betroffene Kommunen, Naturschutzverbände und Vertreter der Land- und Wasserwirtschaft teilnahmen. Etwa 80 Prozent der dabei betrachteten geschädigten Wälder sind durch die Absenkung des Grundwassers negativ beeinträchtigt, wie es im Abschlussbericht von 2015 heißt. Davon machten etwa die Hälfte die Wälder im Gernsheimer, im Jägersburger und im Lorscher Wald aus.

Etwa 20 Prozent der Gesamtfläche der geschädigten Wälder (3017 Hektar) habe nie Grundwasseranschluss gehabt. Zu ihnen gehört der südliche Westwald, der sich bis Pfungstadt und Eschollbrücken erstreckt. Hier liege der Grundwasserspiegel teils 15 Meter oder mehr unter der Oberfläche. „Diese Wälder zeigen ebenso zum Teil massive Waldschäden“, wie es im Bericht heißt. Sie litten ebenfalls unter Trockenstress, bedingt durch mehrjährige Niederschlagsdefizite und weitere Schadfaktoren.

Dass der Westwald auch unter wenigen Niederschlägen und vermehrten Schädlingen leidet, bestätigt Rosenstock. Allerdings wäre der Gesundheitszustand der Wälder außerhalb der Grundwasserfördergebiete wesentlich stabiler: Sterben die großen Bäume, wird der Boden nicht mehr beschattet, es wuchern Gräser, Traubenkirsche, Ginster und Wildkräuter. Diese nehmen den Bäumen wiederum Wasser weg und Regen verdunstet auf ihrer großen Oberfläche. Eicheln und Bucheckern am Boden kommen gar nicht mehr zum Keimen. „Der natürliche Kreislauf ist unterbrochen“, so Rosenstock. „Der Wald versteppt.“ In einem solchen Wald sei auch die Neubildungsrate für das Grundwasser erheblich geringer.

Nur in einem sehr kleinen Bereich des Westwalds, im sogenannten Triesch, werde bisher der Wald bewässert. Diese sogenannte Ausspiegelung soll auch fortgesetzt werden, wie der runde Tisch empfiehlt. Das reiche jedoch nicht aus, so Rosenstock. Die Grundwasseranreicherung der Wasserförderer versorge nämlich nicht den Wald im Oberstrom, sondern nur im Bereich der Brunnen und damit an der falschen Stelle. Denn der betroffene Wald liege geografisch höher und Wasser fließe bekanntlich nicht bergauf. „Grundwasserrichtwerte und Waldökologie sind eben zwei paar Schuhe“, sagt Rosenstock.

Dass eine Verlagerung der Infiltration möglich ist, glaubt man bei Hessenwasser indes nicht: „Dies würde den Interessen von Landwirten und Hausbesitzern zuwiderlaufen“, erklärt Schreiber. Die Hausbesitzer würden feuchte Keller befürchten und die Landwirte eine Übernässung ihrer Felder. Deswegen sei der Grundwasserbewirtschaftungsplan des Regierungspräsidiums Darmstadt so zentral.

Auch im Abschlussbericht des runden Tischs wurden Maßnahmen zum Schutz der Wälder vorgeschlagen: Waldbau- und Waldumbau, eine weitergehende Grundwasseraufspiegelung, die aber erst zehn Jahre nach dem Waldumbau erfolgen könne und vorläufig eine Waldbewässerung, die zu einer schnellstmöglichen Zustandsverbesserung beitragen soll. Allerdings kam man auch zu dem Schluss, „dass alle Maßnahmen eine über 100 bis 200 Jahre ausreichende Finanzierung benötigen, die von den Waldeigentümern nicht geleistet werden kann und nicht als realistisch angesehen wird“. Allein der Waldumbau von 23 Waldgebieten würde laut Abschlussbericht 196 Millionen Euro kosten. Diese Ergebnisse wurden an die Politik übergeben.

Auch die Stadt Darmstadt, Eigentümerin eines Teiles des Westwaldes, hat am runden Tisch teilgenommen. Auf Anfrage der FR teilte die Pressestelle mit: „Die Stadt sieht keine Möglichkeit die Absterbeprozesse zu stoppen. Auch in bestehende Wasserrechte kann nicht eingegriffen werden.“ Der abgestorbene Wald werde zu gegebener Zeit wieder aufgeforstet.

Dass sich die Aufforstung schwierig gestaltet, zeigte kürzlich eine Exkursion der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald: Hier sah man dann auch, dass beinahe alle neu angepflanzten Bäume einer Forstkultur vertrocknet waren.

Nicht nur der Wassermangel droht, den Westwald zu zerstören. Die Westwaldallianz und die SDW warnen außerdem vor der geplanten ICE-Neubaustrecke durch das Waldgebiet entlang der Autobahn 67. Außerdem liegen zwei angedachte Stadionvarianten der Lilien im Westwald. Die Westwaldallianz setzt sich seit 2012 dafür ein, dass der Westwald wegen seiner enormen Bedeutung für das Stadtklima zum Bannwald ernannt wird. Allerdings steht laut RP hierzu derzeit keine Entscheidung an, „da die Entwicklung verschiedener Planungen, die den infrage stehenden Waldbereich tangieren können, abgewartet werden soll“, teilte das RP mit. Für Rosenstock ist das ein Anachronismus: „Ehe der Wald geschützt werden kann, muss geprüft werden, ob er nicht gerodet werden soll.“

Der 74-jährige Rosenstock will dennoch am Ball bleiben, denn der Wald liegt ihm am Herzen: „Ich werde jedes Jahr so eine Exkursion machen, bis sich etwas ändert“, zeigt er sich kämpferisch.

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