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Casting-Show Der Glaszersinger

Der Magier Harry Keaton will „das Supertalent“ werden. Seit der Offenbacher mit sechs Jahren einen Zauberkasten geschenkt bekam, zieht es ihn mit seinen Künsten auf die Bühne.

11.11.2010 20:50
Claudia Horkheimer
Der Magier Harry Keaton aus Offenbach will "Das Supertalent" werden. Foto: Andreas Arnold

Früher hat er Frauen zersägt – mit Fuchsschwanz und Kreissäge. Ein Symbol für den Kampf zwischen Mann und Frau sei das gewesen, sagt er. Heute widmet er seine Bühnenshow dem Liebeszauber, und seit Neuestem lässt er mit der Kraft seiner Stimme Gläser zerspringen. Harry Keaton zaubert, und das seit seinem sechsten Lebensjahr.

Begonnen hat es damit, dass er einen Zauberkasten geschenkt bekam. Es folgten zahlreiche Auftritte vor Familie und Freunden, später bei Vereinen und in Altersheimen, dann bei Firmen und schließlich sogar vor Prinz Charles, Königin Sophie von Spanien und Altkanzler Helmut Kohl bei einer Galashow der Unesco. „Im Staunen sind alle Menschen gleich“, sagt Keaton und gesteht, dass er bei manchen Auftritten ganz schön aufgeregt ist.

Kürzlich trat der heute 41-Jährige in der RTL-Show „Das Supertalent“ auf und ließ dort singend Fensterscheiben zu Bruch gehen und verformte Glasflaschen. Von der Jury um Dieter Bohlen gab es dreimal Ja und er stand im Halbfinale.

Auch hinter den Kulissen – in seinem Atelier in einem Offenbacher Hinterhaus – wirkt alles, was er tut, irgendwie magisch. Dort türmen sich Kisten und Kartons, schwarze Koffer, unförmige badewannengroße Gegenstände unter schwarzen und roten Seidentüchern, geschützt vor neugierigen Blicken. Zaubereffekte sind ein großes Geheimnis. Sie zu entwickeln dauere Jahre, sagt Keaton. Sie zu offenbaren gilt unter Magiern als Todsünde.

Er steht vor einem mannshohen Spiegel, dahinter hängt ein Fahrrad, in Regalen stehen Sprühdosen, Bastelutensilien, Wollknäuel liegen in einem großen Glas. Wo sind die weißen Kaninchen?

Obwohl er auch bei Siegfrid und Roy in die Schule gegangen ist, war „das wildeste Tier“, mit dem er schon mal gearbeitet hat, ein Schwein, erklärt er und spielt mit ein Paar Haushaltsgummis herum; spannt einen blauen auf kleinen Finger und Ringfinger und einen roten auf Zeige- und Mittelfinger der selben Hand. „Gummis leben“, sagt er verschmitzt, „und sie wollen immer Pärchen bilden.“ Schwupps, ist das blaue Gummi wie von selbst vor das rote Gummi gesprungen. Für solche Close-ups braucht er nichts weiter als Alltagsgegenstände. Er kann sie überall vorführen und tut es auch.

Magie ist für ihn nicht Beruf, sondern Lebensphilosophie. „Ich kann den Zuschauern nichts vorgaukeln, ich muss selbst daran glauben, auch wenn ich einen Trick verwende; er ist nur ein Skelett.“ Auf die Persönlichkeit des Magiers komme es an, darauf, wie er den Leuten den Zauber präsentiere. Dabei sei es so, dass die Menschen tief im Innersten verzaubert werden wollten. Vor allem skeptische Erwachsene und Wissenschaftler seien ein gutes Publikum. Da sei der Reiz größer, sie ins Staunen zu versetzen.

Keine Silbe über sein Privatleben

Gerade arbeitet Keaton an einem neuen Effekt. Er will einen Zuschauer auf eine Zeitreise der Gefühle schicken. 50 Jahre in die Vergangenheit soll es gehen. Mehr sagt er nicht, lächelt nur geheimnisvoll. Das Geheimnisvolle gehört zum Job. Über sein Privatleben gibt er ebenfalls nichts preis – und verrät auch nicht, ob Harry Keaton sein wahrer Name oder ein Pseudonym ist.

Dabei hat der Magier Keaton in seinem Leben durchaus auch schon greifbarere Wege beschritten. Er studierte in Frankfurt und New Jersey Sprachwissenschaft und promovierte mit einer sprachlichen Analyse der Berichterstattung über die Wiedervereinigung. Damit habe er sich mehrere Türen offen lassen wollen, denn seine Eltern hielten den Beruf des Zauberers nicht für existenzsichernd. Und doch ist er beim Zaubern geblieben und tut es mittlerweile hauptberuflich.

Mit zehn Jahren traf er den italienischen Amateurmagier Nino de Caro und beschloss, ebenfalls Magier zu werden. Von de Caro lernte er die ersten großen Tricks. Mit 15 trat er dem Magischen Zirkel von Deutschland bei. Dazu musste er eine Aufnahmeprüfung bestehen, in der nicht nur seine Verschwiegenheit und sein Können auf die Probe gestellt wurden, sondern er auch sein Wissen um die Geschichte der Magie zu beweisen hatte. Anders als man vermuten mag, besteht so ein Zirkel aber nicht aus älteren schwarzgekleideten Herren, verrät er. Es sei ein Querschnitt aus Historikern, Sammlern alter Zauberbücher, Fachschriftstellern, professionellen Magiern und Amateurzauberern. Die Mitgliedschaft im Zirkel ist jedoch keine Voraussetzung, um so erfolgreich zu werden, wie Keaton es ist, dessen Liste von Auftrittskunden sich wie das Who-is-who der deutschen Wirtschaft liest und der Wochenende für Wochenende durch Deutschland tourt.

Zuhause in Dreieich, wo er auch aufwuchs, ist er nur noch selten. Wenn er nicht gerade auf der Bühne steht, arbeitet er in seinem Atelier und übt die verschiedenen Nummern ein oder trainiert seine Stimme, damit sie Glas zum Bersten bringt. „Glasbrechen“, wie er es betreibt, gebe es in dieser Form sonst noch nicht, sagt Keaton. Dem Fernsehsender RTL war es beeindruckend genug, um ihn zur Teilnahme an der Show „Das Supertalent“ einzuladen; die erste Runde war ein Erfolg. Demnächst werde er dort erneut zu sehen sein, in einem Halbfinale, vermutet Keaton.

Natürlich hat vieles, was er vorführt, mit Fingerfertigkeit und Ablenkung zu tun. Keaton nennt das „die richtige Dramaturgie“. Doch seine Zauberei basiert zuweilen auch auf physikalischen Gesetzen, wie etwa das Glas-Zersingen, und manchmal sind scheinbar auch andere Kräfte im Spiel. Etwa wenn er Vorhersagen über die Zukunft macht oder mit seinen Zuschauern telepathisch in Kontakt tritt. Er verblüfft sie dann durch ein Wissen, das er eigentlich nicht haben kann. Scheinbar durch Gedankenübertragung sagt er ihnen Hobby, Sternzeichen, Namen und Herkunftsort auf den Kopf zu und beantwortet persönliche Fragen, die sie zuvor aufgeschrieben haben und die er, ohne sie zu lesen, aus einem Behälter zog. Noch Tage nach seinem Auftritt zermartert man sich den Kopf darüber, wie er das gemacht hat. Keatons Erklärung bleibt so geheimnisvoll wie sein Name: Es handle sich um einen Austausch von Energien, mit denen sich Gegenstände aufladen. So könne er Aussagen über die Person machen, die den Gegenstand zuvor berührt hat.

Kein Wunder also, dass Keaton öfter mal Mailanfragen bekommt, in denen ihn Menschen um Vorhersagen für ihr Leben bitten. So wie vor ein paar Tagen, als einer seiner Fans ihn ernsthaft bat, ihm doch die Lottozahlen vorherzusagen; er befinde sich in einer „finanziellen Notlage“. Doch da muss der große Magier passen: „Die Lottozahlen werden von einer Maschine gezogen. Ich kann aber nur menschliches Verhalten vorhersagen.“

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