Lade Inhalte...

Burschenschaften Über Bierehre und Kotzbecken

Der Politikwissenschaftler und Therapeut Stephan Peters, ein ehemaliger Verbindungsstudent, spricht im FR-Interview über „Bierehre“, Kotzbecken und den Zweck der Rituale. Er hat seine Doktorarbeit über Burschenschaften geschrieben.

30.01.2015 14:51
Martín Steinhagen
Lieben klare Hierarchien: Mitglieder einer Burschenschaft. Foto: dpa

Herr Peters, Sie sind einer der wenigen ehemaligen Korporierten, der seinen Austritt mit öffentlicher Kritik verbindet. Was motiviert einen jungen Studenten, sich so einer Gruppe anzuschließen?
Zunächst gibt es häufig einen ganz banalen Vorzug: Billige Zimmer. Eine bestimmte Klientel ist auch auf der Suche nach einer Art Ersatzfamilie in der für sie fremden Stadt und einem sozialen Netzwerk. In dieser „Marktnische“ bieten die Korporationen eine enge Gemeinschaft mit vermeintlicher Sicherheit. Meine Individualität muss ich dafür hinten anstellen – das ist der Deal.

Teil des „Deals“ sind auch bestimmte Rituale. Wie haben die auf Sie gewirkt?
Wenn Sie aus einem konservativen Umfeld kommen, sind sie nicht besonders befremdlich, weil es oft darum geht, Hierarchien unhinterfragt zu akzeptieren. Ich war in einer katholischen Verbindung, dort gibt es das Fechten nicht, aber die ritualisierte Art des Feierns, genannt Kneipe, gab es natürlich. Die Rangordnung zeigt sich bereits anhand der Sitzordnung. Für viele mag die Kneipe ganz lustig sein, aber es geht dabei auch und vor allem um ein Befehl-Gehorsam-Denken und darum, Hierarchien zu befolgen, die sich nicht logisch begründen lassen. Diese Regeln müssen sie als „Fuchs“ lernen.

Was passiert bei der Aufnahme als Vollmitglied, der „Burschung“?
Das ist sehr unterschiedlich, bei katholischen Verbindungen ist es eine mündliche Prüfung, bei den pflichtschlagenden Verbindungen, immerhin die Hälfte der Korporationen, müssen Sie mindestens eine Mensur, die so genannte Bestimmungsmensur, gefochten haben. Da geht es darum, auch seinen eigenen Körper der Gemeinschaft unterzuordnen – also schlimmstenfalls sehenden Auges den Kopf nicht wegzuziehen, wenn die Klinge des Gegenübers auf das eigene Gesicht zukommt. Es geht darum, die Unterwerfung des Individuums unter das Regelwerk der Gemeinschaft unter Beweis zu stellen.

Haben Sie auch gefochten?
Nein, damit hatte ich zum Glück nichts zu tun. Aber auch bei den Trinkritualen geht es ja darum, den eigenen Körper für die Gemeinschaft zu beherrschen.

Wie meinen Sie das?
Man hat eine „Bierehre“ zu verteidigen.

Bierehre?
Ja, wenn Sie jemanden etwa komisch angucken und der fühlt sich beleidigt, dann sagt er „Bierjunge“, man antwortet mit „hängt“ und das Duell beginnt. Es wird ein Dritter als Unparteiischer bestimmt, der folgende Befehle erteilt: „Vom Tisch des Hauses auf den Boden, vom Boden an den Hoden, vom Hoden an den Nabel, vom Nabel an den Schnabel, senkrecht, setzen an“. Diese Bewegung vollzieht man mit dem vollen Bierglas nach und wer schließlich mit dem Befehl „Sauft’s!“ zuerst ausgetrunken hat, ist „1. Biersieger“, der andere „2. Biersieger“. In Marburg schreibt der Komment 0,3 Liter Bier vor. Das Ganze lässt sich durch ein „hängt doppelt“ oder „hängt dreifach“ noch weiter steigern, dann wird die Menge schon beachtlich. Manche Häuser haben festinstallierte „Kotzbecken“, aber während des Rituals müssen Sie durchhalten. Wer das nicht schafft, gilt als unmännlich, ja verletzt sozusagen die gemeinschaftliche „Bierehre“. Anbei: Die Station „Hoden“ in dem Spruch ist kein Zufall – von wegen Männlichkeit, auch wenn das einige Korporierte nicht gerne hören.

Ein häufiger Einwand lautet: Na und? Viele Studenten machen Trinkspiele.
Klar, aber hier hat das eine Funktion. Es geht um ganz bestimmte Werte, es geht um das Anerkennen von Autorität, das Zurückstellen der eigenen Individualität, um Unterordnung, um Männlichkeit. Die Mensur wird von vielen Korporierten selbst auch als Mannbarkeitsritual gesehen.

Zu Kaisers Zeiten hatte eine sichtbare Narbe als Erkennungszeichen sicherlich Vorteile. Heute dürfte das beim Vorstellungsgespräch eher hinderlich sein. Sind die Netzwerke der Verbindungen noch relevant?
Das stimmt, ein Schönheitsideal ist das heute nicht mehr. Hinsichtlich der Netzwerke kommt das auf den Bund an. Bei der Deutschen Burschenschaft habe ich meine Zweifel – das hilft vielleicht dabei in der NPD oder bei Pegida aufzusteigen (lacht). Wenn es um wichtige gesellschaftliche Positionen geht, sind andere Verbände wie der Coburger Convent oder der Kösener Senioren-Convents-Verband wie auch der Weinheimer Senioren-Convent – den so genannten Corps gehören etwa 22 000 Männer an – einflussreicher. Es ist immer noch so, dass man sich etwa um Praktika keine Sorgen machen muss oder an bestimmte Stellen kommt.

Sie sind in Ihrer Doktorarbeit der Frage nachgegangen, wie Verbindungen junge Männer formen.
Es sind konservativ-autoritäre Männerbünde, denen es darum geht ihr Weltbild von bestimmten gesellschaftlichen Positionen einfließen zu lassen und die Gesellschaft in ihrem Sinne zu verändern. Damit geht eine Idee von Elite einher, die weiß, wo es lang geht, und die dafür sicherlich keine Demokratie braucht. Es handelt sich um nicht-staatliche Elitenbildung mit ganz bestimmten Vorstellungen – die können einem, je nach politischem Standpunkt, passen oder nicht.

Ihnen haben Sie irgendwann nicht mehr gepasst. Warum sind Sie ausgetreten?
Eine Verbindung ist keine Organisation, die darauf ausgelegt ist, sich zu verändern, im Gegenteil. Ich habe das als Senior selbst versucht. Verändert man sich selbst, muss man das entweder aushalten oder gehen. Wer austritt, hat mehr Freiheiten (lacht).

Verbindungen ist lebenslange Loyalität wichtig. Gab es Konsequenzen, als sie Kritik übten?
Ein Austritt ist eigentlich nicht vorgesehen, das stimmt, und öffentliche Kritik natürlich nicht gerade willkommen. Ich bin des Öfteren im Nachgang angepöbelt worden. Auf meinen Vorträgen sind meist viele Korporierte, die sich auch beteiligen. Das Schöne daran ist, dass diese Leute sich oft produzieren wollen und so den anderen Zuhörern ein Bild vermitteln, das ich so theoretisch kaum erklären könnte (lacht).

Es gibt viele verschiedene Bünde. Scheren Sie bei Ihrer Kritik nicht alle über einen Kamm?
Klar muss differenziert werden. Wenn wir uns die Dachverbände anschauen, kann man sagen, dass alle Bünde, die in der Deutschen Burschenschaft Mitglied sind, rechtsextrem sind, schon wegen des völkischen Prinzips. Dann gibt es das große Becken der Konservativen und da muss man im Einzelfall prüfen, was man wem vorwirft. In der Szene ist die Ausrichtung der einzelne Bünde bekannt und wer dennoch mit solchen Leuten zusammenarbeitet oder Umgang pflegt, muss auch zu Recht damit rechnen, mit ihnen in einen Topf geworfen werden.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen